22.01.2004

Das Vorpreschen des hilflosen Premiers

Zwei Staaten, eine Mauer und eine unnütze Idee.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Kürzlich ging ich die Trennmauer filmen, die um Jerusalem gebaut wird. Ich wollte die letzte Chance nützen, Jerusalem von den die Stadt umgebenden Hügeln aus anzuschauen. Ich wollte ein allerletztes Mal diese Landschaft einfangen, ihre Kontinuität und Geografie. Und ich wollte den Moment festhalten, in dem Geschichte gemacht wird. Denn genau das geschieht hier. Die Trennung durch die Mauer ist dramatisch. Es ist nicht eine Wunde, bei der die beiden Teile in Verbindung bleiben. Sondern es ist ein Schnitt. Die andere Seite ist nicht mehr sichtbar, hörbar, spürbar, sie ist einfach weg. Etwas ist vorbei.

Palästina, Israel oder wie man das Gebiet auch immer nennen will, hat sich in tausenden von Jahren herausgebildet. Es ist eine empfindliche und wunderschöne Balance von Hügeln, Wüste und Küstenlandschaft. Dass die Mauer in dieses von der Natur und Menschen geprägte Gebilde mit solch verzweifelter Gewalt eindringt, müsste zuallererst den Israelis zu denken geben. Sie ist ein Spiegel, in dem die Israelis nur sich selbst sehen können.

In Abu Dis, einer Vorstadt im Osten von Jerusalem, steht die Mauer bereits. Abu Dis ist der Geburtsort des palästinensischen Premiers Ahmed Kurei. Israel schlägt Abu Dis immer wieder als Hauptstadt eines Staates Palästina vor. Doch in den elenden und chaotischen Strassen entdecke ich keine Spur von Stolz darüber, dass der Premier ein Sohn dieser Stadt ist. Kein Wunder, denn die Leute haben dieses Betonmonster vor Augen, das ihr Leben zerschneidet. Über Kurei kursieren viele Witze. Aber was kann der Mann ausrichten?

Unlängst hat Kurei Folgendes vorgebracht: Wenn diese Situation – der Bau der Mauer – andauere, dann müssten die PalästinenserInnen die Zwei-Staaten-Lösung aufgeben und einen einzigen binationalen Staat verlangen. Gemäss der binationalen Idee soll das Territorium zwischen Mittelmeer und dem Jordan – Palästina/Israel – wieder einen Staat bilden wie zu Zeiten des britischen Mandats vor 1948, mit Israelis und PalästinenserInnen als gleichberechtigten BürgerInnen. Niemand hat Kureis Vorschlag wirklich ernst genommen, weder die Israelis noch die amerikanische Seite und auch nicht die PalästinenserInnen. Jeder, der ihn sprechen hörte, begriff, wie verzweifelt Kurei war. «Das zeigt nur, wie abgewirtschaftet und kurzsichtig die Leute um Kurei sind», sagte der Universitätsprofessor Abdul Madschid Suelem zu mir. «Schon wieder tun sie das Falsche. Vor dreissig Jahren hätte ich mir das noch vorstellen können. Aber heute? Wo die ganze Welt begriffen hat, dass nur ein palästinensischer Staat die Probleme lösen kann? Der Vorschlag ist in einem Moment der Schwäche entstanden. Wir müssen diesen Moment überwinden. Doch dazu ist die jetzige Führung nicht in der Lage.»

Der Architekt Sameh Abbouschi schöpft Hoffnung aus der Vergangenheit, aus den siebziger Jahren, der Zeit nach der Besetzung der Westbank, des Gasastreifens und der Golanhöhen durch Israel. «Damals war die Atmosphäre anders. Die Menschen hielten zusammen, hatten ein Ziel und auch eine Führung. Stell dir vor, damals hatten jede Stadt und jedes Flüchtlingslager ein Freiwilligenkomitee. Die Freiwilligen halfen den Bauern, bauten, lehrten, taten einfach alles. Deshalb war die erste Intifada anders: Es herrschte eine andere Stimmung.» Über den Vorschlag von Kurei kann Abbouschi nur lächeln. «Die Autonomiebehörde bringt es nicht fertig, für einen binationalen, gemeinsamen Staat zu kämpfen. Es ist ein schlechtes Zeichen, dass die eigene, mit der aktuellen Situation überforderte Führung mit etwas droht, das die ganze Sache noch mehr kompliziert. Es ist ein Witz.»

Mein Freund Dschalal Chadir ist Jurist und hat in Syrien und Frankreich studiert. Letzten Frühling, als die israelische Armee zum ersten Mal seit dem Osloer Abkommen in Ramallah einmarschierte, plünderten und zerstörten die Soldaten viele Geschäftsgebäude in der Stadt. Eines davon war ein kleines Einkaufszentrum. Dort hatte Dschalal sein Büro. «Ich denke, wir sollten dafür kämpfen, dass die israelische Besetzung so wird, wie sie vor Oslo war. Weisst du warum? Weil damals die Besatzer für das Funktionieren des Alltags der Bevölkerung verantwortlich waren. Sie mussten zahlen. Stell dir vor, die Autonomiebehörde löst sich auf und fordert Israel auf, die Verantwortung für den Alltag wieder zu übernehmen. Sie könnte verkünden, sie habe alles versucht, aber schaffe es nicht, weil Israel es nicht zulasse.»

Dschalal ist überzeugt, dass Israel unter solchen Bedingungen nicht einmal drei Monate in der Westbank und im Gasastreifen ausharren würde. Jetzt aber könne sich Israel die Besetzung leisten. «Und nicht nur das, sie nehmen das Wasser, das Land, belagern und töten uns, schränken unsere Bewegungsfreiheit ein. Und unsere Autonomiebehörde benimmt sich so, als seien wir nicht besetzt.» «Was soll sie tun?», fragte ich. «Sie soll uns in Ruhe lassen und endlich einmal das öffentliche und nationale Interesse vor ihr persönliches, unmittelbares Interesse stellen. Ich wünschte, sie träte zurück.»

Subhi al-Zobaidi ist Filmemacher in Ramallah.

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