Filmbuch : Die Wärme auf den dunkleren Seiten

Nr.  47 –

Was ist denn das, fein schraffiert über zwei ganze Seiten hinweg? Nein, genauer hinschauen! Das ist keine Schraffur, das ist Literatur, handschriftlich und so minutiös, dass es von blossem Auge kaum lesbar ist: Franz Kafkas Romanfragment «Amerika», als Mikrogramm Wort für Wort von Hand abgeschrieben. Der Schreiber? Ein junger Künstler namens Peter Liechti (1951–2014), lange vor seinen ersten Filmexperimenten. Sechs grosse Papierbögen hat er einst auf diese Weise vollgeschrieben, in «Stunden erregender Meditation», wie er sich später erinnerte. Erhalten sind nur zwei dieser Bögen, einer davon ist jetzt als Faksimile im Buch «Peter Liechti. Personal Cinema» abgedruckt. Es ist der atemberaubende Auftakt zu diesem reich bebilderten Band, die begleitende Ausstellung ist noch wenige Tage in der Zürcher Galerie Litar zu sehen.

Ein Filmbuch? Eigentlich per se ein Unding, ausser bei einem wie Liechti, der mit seinen Texten ja nur deshalb nicht zur Schweizer Literatur gezählt wird, weil er halt Filmemacher war. So nähern sich auch die Herausgeber Hannes Brühwiler und David Wegmüller seinem Werk: seitwärts, mit dem Blick von aussen, grenzüberschreitend. Kein:e Gastautor:in aus der Schweiz hier, die versammelten Texte stammen aus Deutschland, aber auch aus China oder den USA. Da staunt die Schriftstellerin Anke Stelling in persönlich kreisenden Notizen über die Tochterreflexe, die Liechti als schlecht gelaunt vor sich hin schweizernder Flaneur bei ihr weckt. Und die US-Filmemacherin Gina Telaroli spürt in einem Bildessay der persönlichen Form in Liechtis Werken nach, über die sie notiert: «Es sind die wärmsten Filme, die ich je über einige der dunkleren Seiten des Daseins gesehen habe.»

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