Lyrik: Aus Versehen ein schöner Tag

Nr. 6 –

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Buchcover von «Linke Melancholie»
Mesut Bayraktar: «Linke Melancholie». Gedichte. Autumnus Verlag. Berlin 2025. 80 Seiten.

Da sind zum Beispiel die Eltern, die hart gearbeitet haben, damit die Kinder es einmal besser haben. Und was macht der Sohn? Er veröffentlicht einen Gedichtband. «Linke Melancholie» heisst das Lyrikdebüt des Schriftstellers und gelegentlichen WOZ-Autors Mesut Bayraktar, das Arbeiter:innen in den Mittelpunkt stellt: prekär auf dem Bau, in der Zeche, am Fliessband Arbeitende; ihre kaputten Hände und Rücken; auch Kriegsversehrte, Migrant:innen, Obdachlose und weitere von der Gesellschaft an den Rand Gedrängte. Und eben seine Eltern.

Man merkt es Bayraktar an, dass ihm das manchmal merkwürdig vorkommt: Gedichte schreiben, bei dieser Weltlage, Vergangenheit und Zukunft – was soll das überhaupt, warum und wozu? Trotzdem, und das ist gut, scheint es nötig. Man verliebt sich trotzdem, man freut sich trotzdem und fast aus Versehen über einen schönen Tag und dass die Sonne scheint und auch über die Solidarität, die heute war an der Demo.

In einem kurzen Beitext schreibt Bayraktar, Melancholie sei, in Abgrenzung zur Schwermut und zur Nostalgie, «Quelle utopischer Kraftgewinnung». Sie habe ein unbestechliches Gedächtnis, vergesse kein Unrecht, ordne vielmehr jedes sorgsam ein. «Linke Melancholie macht die Zukunft zur Verbündeten.» Er bezieht sich damit auf den marxistischen Historiker Enzo Traverso, der in seinem gleichnamigen Buch von 2016 (deutsch 2019) die produktive Kraft der Melancholie für die Linke untersucht. «Auch ein Abgrund ist / ein Weg», schreibt Bayraktar: Man muss dann eben untendurch gehen.

Bayraktars Gedichte wirken immer mal rat- und orientierungslos, aber kaum bitter. Das liegt auch daran, dass er sich recht konsequent und bedingungslos zugewandt an die Leute um ihn herum hält, die Nahen und auch die anderen, denen er auf der Strasse so begegnet. «Das ist kein Ort für Träume / Hier hat die Realität gesiegt», schreibt er über eine Bahnhofskneipe, wo die Leute keine Hoffnung haben, aber Geduld. Viel besser, eigentlich.