Biografie: Eine ausserordentliche Intellektuelle

Nr. 9 –

Der deutsche Journalist Willi Winkler hat eine kritische Biografie zu Hannah Arendt geschrieben, in der Martin Heidegger eine tragende Rolle spielt.

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Porträt von Hannah Arendt an einer Mauer im Hinterhof ihres Geburtshauses in Hannover-Linden, daneben ist ihr Spruch «Niemand hat das Recht zu gehorchen» aufgemalt
Warnerin vor einem neuen Faschismus, in Europa und in den USA: Porträt von Hannah Arendt im Hinterhof ihres Geburtshauses in Hannover-Linden. Foto: Hannes Grobe, Wikimedia Commons

Auf die Frage ihres Freundes, des Politikwissenschaftlers Hans Morgenthau, ob sie «eigentlich links oder rechts» sei, antwortete Hannah Arendt drei Jahre vor ihrem Tod, dass sie das nicht wisse. Sie bevorzuge das Denken «ohne Geländer». Die nicht selten umstrittenen Ergebnisse dieses Denkens diskutiert Willi Winkler in seiner umfangreichen Biografie, die letztes Jahr zu Arendts 50. Todestag erschienen ist. Winkler schreibt mit kritischer Sympathie über die deutsch-amerikanische Jüdin, die sich viele Feinde machte; wozu auch ihre Streitlust und ihr Hang zu Sarkasmus und Polemik beitrugen.

Geboren 1906 in Hannover-Linden, aufgewachsen im ostpreussischen Königsberg, der Stadt Immanuel Kants, studierte Arendt ab 1924 Philosophie in Marburg. Mit dem dort lehrenden Martin Heidegger begann sie kurz darauf eine Liebesbeziehung – ein Thema, auf das Winkler immer wieder zurückkommt. Während Arendt 1933 aus Deutschland fliehen musste, trat Heidegger in die NSDAP ein und wurde Rektor der Universität Freiburg. In seiner Antrittsrede pries er die «innere Wahrheit und Grösse» der Nazibewegung. Obwohl er auch nach 1945 kein Wort der Reue fand, brach Arendt nie vollständig mit ihm.

Für den «New Yorker» in Jerusalem

Eine Philosophin wollte Hannah Arendt partout nicht genannt werden; ihr Beruf sei die politische Theorie. Gleichzeitig war sie eine öffentliche Intellektuelle, Gegnerin alter Nazis im westdeutschen Adenauer-Staat und Warnerin vor einem neuen Faschismus, auch in den USA. Winkler nennt sie eine Medienintellektuelle. Er meint das nicht abwertend. Wenn sie ihren Standpunkt änderte, was häufig vorkam, dann nicht aus Opportunismus, sondern aus Überzeugung. Von der Befürwortung des Zionismus wechselte sie, noch vor der Gründung Israels, zur Kritik. Marx und Brecht entdeckte sie spät, sie verehrte Rosa Luxemburg und sympathisierte mit der Rätedemokratie, sei aber aus der «Heideggerfalle», so Winkler, nie herausgekommen.

Es sind vor allem zwei Bücher, die mit ihrem Namen verbunden bleiben. Zum einen «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft», 1951 in englischer Sprache erschienen – ein Klassiker der Totalitarismustheorie. Der darin enthaltene Versuch, den Antisemitismus historisch zu erklären, gilt noch heute als wichtiger Beitrag zum Verständnis der Vorgeschichte der Shoah. Mehr gelesen wurde «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen», ursprünglich eine Artikelserie im «New Yorker», für den sie den Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann 1961 vor Ort verfolgte. Im Jahr zuvor war Eichmann, einer der schlimmsten noch lebenden NS-Kriegsverbrecher, in Argentinien vom Mossad entführt und nach Israel gebracht worden. Vor Gericht versuchte er sich als ideologisch unbeteiligter Bürokrat zu präsentieren, der nur Befehlen gehorcht habe. In Wahrheit war er ein fanatischer Antisemit und Nazi. Kritisiert wurde an Arendts Schilderung der «Banalität des Bösen», sie sei zumindest teilweise auf Eichmanns lügenhafte Selbstentlastung hereingefallen.

Aber nicht damit löste ihr Buch einen Skandal aus, sondern mit der darin enthaltenen Kritik an den «Judenräten» in den von den Nazis besetzten Gebieten. Hätten diese jede Zusammenarbeit mit den Besatzern verweigert, wäre die «Endlösung» im Chaos gescheitert, schrieb sie. Den Vorwurf jüdischer Gelehrter wie Gershom Scholem, sie liebe «ihr Volk» nicht, konterte sie, lieben könne sie nur ihre Freunde. Zu diesen zählten der Philosoph Karl Jaspers, die Schriftsteller:innen Ingeborg Bachmann, Mary McCarthy und Uwe Johnson. Zweimal war sie verheiratet, erst mit dem Philosophen Günther Anders, dann 28 Jahre lang mit dem parteilosen Kommunisten Heinrich Blücher. Im Zusammenleben mit ihm genoss sie sogar die Arbeit im Haushalt: «… für neues Linoleum in der Küche sorgen, kochen …».

Kein Recht, zu gehorchen

Kaum Interesse zeigte sie für die soziale Frage. Auch zur Atomkriegsgefahr äusserte sie sich nicht. Gleichwohl wurde sie zur Bündnispartnerin der zunehmend politisierten Jugend in den USA, deren Staatsbürgerin sie seit 1951 war, aber auch in Europa. Durch ihr bis heute sehenswertes Fernsehgespräch mit Günter Gaus im Oktober 1964 wurde sie in Westdeutschland einem breiten Publikum bekannt. «Bei Gaus tritt Hannah Arendt, obzwar lange schon Amerikanerin, als deutsche Autorin auf, die auf ihrer jüdischen Herkunft besteht», schreibt Winkler. Ihre antifaschistische «Einmischung» gefiel längst nicht allen – schon gar nicht den vielen, die den Nationalsozialismus als eine Art Betriebsunfall der Geschichte verharmlosten.

Zur Neuen Linken zählte sich Arendt ausdrücklich nicht. Vielmehr mahnte sie die Protestbewegungen zur Gewaltfreiheit, verteidigte aber zugleich die Pflicht zum Widerstand. «Kein Mensch hat das Recht, zu gehorchen, bei Kant», sagte sie in einem Hörfunkinterview – ein Satz, der seitdem «untrennbar» mit ihr verbunden sei, schreibt Winkler. Dass «Medienintellektuelle» vom Format einer Hannah Arendt heute dringend gefragt wären: Diese Schlussfolgerung überlässt Winkler seinen Leser:innen.

Buchcover von «Hannah Arendt. Ein Leben»
Willi Winkler: «Hannah Arendt. Ein Leben». Biografie. Rowohlt Verlag. Berlin 2025. 510 Seiten.