Nr. 10/2015 vom 05.03.2015

«Habe noch nie irgendein Kollektiv ‹geliebt›»

Von Stefan Howald

Die «Banalität des Bösen»: Hannah Arendts Name ist unauflöslich mit diesem Begriff verbunden. Damit wollte sie in ihrem Prozessbericht «Eichmann in Jerusalem» von 1963 
die nationalsozialistische Massenvernichtung charakterisieren, bei der Verbrechen innerhalb eines erbarmungslosen Mechanismus begangen wurden. Das Buch löste erbitterte Debatten aus und führte dazu, dass langjährige Freundschaften Arendts zerbrachen.

Arendts Denken kreiste immer wieder um die Schoah. In einem neu aufgelegten Band sind entsprechende Texte versammelt – wobei sich aktuelle Bezüge ergeben. Besonders interessant ist Arendts letztes Wort zum Thema, eine Einführung, die sie 1966 zu einem Buch über den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1965 schrieb. Fühlbar wird da der Schock, wie diese Verbrechen von der Öffentlichkeit in der bundesdeutschen Gesellschaft verharmlost werden und wie sich die Kategorien der Strafjustiz als hilflos erweisen: Karl Höcker, Adjutant des Lagerkommandanten, wurde für «gemeinschaftliche Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord» in drei Fällen an mindestens 3000 Menschen zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Stärker als im Eichmann-Buch hält Arendt daran fest, dass sich die Nazischergen der Beteiligung an den Verbrechen hätten entziehen können.

Heute, da der Antisemitismus im Zusammenhang mit islamistischen Anschlägen diskutiert wird, kommt die Aktualität bei Arendt durch die Hintertür herein. Im Briefwechsel mit Gershom Scholem, der sie wegen ihres Eichmann-Buchs scharf kritisiert hatte, wehrt Arendt die Kritik ab, sie lasse die Liebe zum jüdischen Volk vermissen: «Erstens habe ich nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv ‹geliebt›. (…) Ich liebe in der Tat nur meine Freunde.» Will heissen: Wir sind nicht alle Charlie.

In einem älteren Text zeigt sich die umgekehrte Konsequenz. Bereits 1944 meinte Arendt, die neuen Staatenlosen und Flüchtlinge würden die bisherigen Kategorien sprengen und zeigten die Krise des Nationalstaats an. Das Flüchtlingsproblem lasse sich innerhalb der alten nationalstaatlichen Organisation der Völker nicht mehr lösen.