02.10.2003

Nestlé ja oder nein?

Die Sammelstiftung Abendrot setzt auf Selbstverwaltung, Mitbestimmung und Nachhaltigkeit.

Von Elvira Wiegers

«Ich hoffe, du hast die kugelsichere Weste an», sagt Andreas Knörzer, Leiter der Abteilung für nachhaltige Investitionen bei der Bank Sarasin, zu seinem Kollegen Matthias Fawer. Tatsächlich: Die Mission ist heikel, die zwei bewegen sich in gefährlichem Gebiet. Fawer, der Nachhaltigkeitsanalyst, will der alternativen Pensionskasse Abendrot den Kauf von Nestlé-Aktien schmackhaft machen. Und stösst dabei teilweise auf erbitterten Widerstand. Die zahlreichen Reaktionen der Pensionskassenmitglieder veranlassten die Stiftungsleitung, eine Podiumsdiskussion zu veranstalten.

Über hundert Personen sind nach Basel ins Auditorium der Bank Sarasin gekommen. Auf dem Podium sitzen fünf Männer: Die bereits erwähnten Nachhaltigkeitsspezialisten, der Moderator Kaspar Müller und zwei «kritische Personen», Jens Martignoni von Flexibles (Verein zur Förderung neuer Arbeitsformen) und Bruno Gurtner von der Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Hilfswerke. Beide Institutionen sind Mitglieder von Abendrot.

Pensionskassen wie Abendrot kann man hierzulande an einer Hand abzählen. Begonnen hat alles 1985 mit der Einführung der obligatorischen beruflichen Vorsorge. Kleine und mittlere Unternehmen sowie Hilfswerke und andere nichtstaatliche Organisationen (NGOs) gründeten die alternative Sammelstiftung. Die Zahl der Versicherten lag damals bei knapp 200 und das Anlagevermögen bei drei Millionen Franken. Abendrot macht, was eigentlich alle Pensionskassen machen sollten: Die angeschlossenen Mitglieder verwalten ihre Gelder gemeinsam und bestimmen auch über deren Verwendung, gemäss einer nachhaltigen Anlagestrategie. «Bis Ende der neunziger Jahre haben wir alle Anlageentscheidungen selbst getroffen», erklärt Geschäftsführer Hans-Ullrich Stauffer. Dann übergab Abendrot einen Teil des Portfolios – das Aktiendepot - an die Bank Sarasin, denn, so Stauffer: «Das bankanalytische Know-how fehlte.» Die Basler Bank gehört zu den Pionieren in Nachhaltigkeitsanalysen. Eine Abteilung mit siebzehn MitarbeiterInnen befasst sich ausschliesslich damit, die Nachhaltigkeit von Unternehmen zu bewerten.

Erfolgreiches Konzept

Das Konzept von Abendrot gefällt: Allein letztes Jahr stieg die Zahl der Versicherten um knapp acht Prozent, das Anlagevermögen um vierzehn Prozent. 3500 Versicherte aus 650 Betrieben bringen es heute auf ein Anlagevermögen von rund 200 Millionen Franken. Der Deckungsgrad liegt bei über hundert Prozent. Fast die Hälfte ihrer Gelder platziert Abendrot in Immobilienanlagen. So investierte sie zum Beispiel in die Photovoltaikanlagen der Zürcher Überbauung Kraftwerk1, in ein Kleinkraftwerk und generell in günstigen Wohnraum.

Die Wirtschaftskrise hinterlässt auch bei Abendrot Spuren: Der Aktienanteil hat sich in den letzten vier Jahren mehr als halbiert und liegt heute bei knapp elf Prozent. Der Grund: Kursverluste an der Börse und Umschichtungen in andere Vermögensanlagen. Dieses Jahr hat die Vorsorgeeinrichtung erstmals wieder Aktien gekauft, laut Stauffer für 2,5 Millionen Franken.

Zusätzlich empfehlen nun die Nachhaltigkeitsanalysten der Bank Sarasin den Kauf von Nestlé-Aktien. Auf dem Podium ist die Diskussion nach einer ersten Stellungnahme der Nachhaltigkeitsspezialisten eröffnet. Hilfswerkvertreter Bruno Gurtner erklärt seine Skepsis: Zusammen mit anderen NGO-Mitgliedern hatte er 1976 mit der Aktion «Nestlé tötet Babys» gegen die Vermarktung von Milchpulver in Entwicklungsländern protestiert. Der Vorwurf, viele Babys würden infolge der Verabreichung von Muttermilchersatzprodukten sterben, brachte ihm nicht nur eine Anklage durch Nestlé, sondern auch eine Verurteilung ein. Immerhin führten die zahlreichen Protestaktionen von damals 1981 zur Verabschiedung des Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten durch die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Fast dreissig Jahre später sind Gurtners Kollegen bei den verschiedenen Hilfswerken – manche sind gleichzeitig Abendrot-Mitglieder – nicht mehr a priori gegen Nestlé. Trotzdem, so Gurtner: «Die Zweifel bleiben.» Er kann sich nur dann einen Kauf von Nestlé-Aktien vorstellen, wenn die Pensionskasse als aktive Aktionärin auftritt. «Das heisst, konsequent Generalversammlungen besuchen und abstimmen. Oder wir stellen die Stimmrechte Aktionärsorganisationen wie Actares oder Ethos zur Verfügung.» Actares arbeitet vorwiegend mit EinzelaktionärInnen zusammen, Ethos mit institutionellen Anlegerinnen wie Pensionskassen. «Wir vertreten AktionärInnen, die an Nachhaltigkeit interessiert sind», erklärt Christoph Buholzer, Geschäftsführer von Actares. Zu den Tätigkeiten gehört etwa die kritische Analyse von Unternehmens-Nachhaltigkeitsberichten und die Präsenz an Generalversammlungen. Nur, was bringt das? «Einfluss auf das Unternehmen hat man erst, wenn man ein Traktandum einbringen kann», gibt Buholzer zu. Und das könne man nur, wenn man Aktien mit insgesamt einer Million Franken Nennwert zusammen habe. «Das neue Aktienrecht verunmöglicht also praktisch eine aktive Mitbestimmung der AktionärInnen», so Buholzers Fazit.

Doch zurück zur Frage der Nachhaltigkeit. Nach der Beurteilung der Bank Sarasin ist die gesamte Nahrungsmittelbranche unterdurchschnittlich nachhaltig: Sie hat einen hohen Rohstoffverbrauch, und siebzig Prozent des gesamten Frischwassers werden in der Landwirtschaft eingesetzt.

Zweifel an Nachhaltigkeit

Wieso also überhaupt über Nestlé reden? Fawers Argumente: In den letzten zwei Jahren habe sich Positives getan beim Nahrungsmittelgiganten vom Genfersee: Das Unternehmen setze global ein konsequentes Umweltmanagement um. «Etwas anderes kann man sich in Vevey gar nicht leisten, denn überall auf der ganzen Welt wird das Unternehmen scharf beobachtet.» Auch könne man mit den Leuten in Vevey durchaus einen kritischen Dialog führen. Es gebe mehr Transparenz und Öffnung, wenn auch nicht nach allen Richtungen. «Das Verhältnis zu Gewerkschaften und NGOs wie etwa zur International Baby Food Action Network (IBFAN) hat sich allerdings verschlechtert», gibt Fawer zu. Das sei beschönigend, meinen anwesende PodiumsteilnehmerInnen wie Stephan Suhner von der Arbeitsgruppe Kolumbien-Schweiz (vgl. Kasten) oder Dorothée Haller von der IBFAN. Letztere prangert nach wie vor die Vermarktungspolitik von Nestlé bei den Muttermilchersatzprodukten an. Gurtner bezeichnet den Umgang von Nestlé mit den NGOs und Gewerkschaften gar als skandalös.

Was also ist zu tun? Nach dreistündiger Diskussion ist man gleich weit wie vorher. Die einen – etwa die VertreterInnen der Erklärung von Bern - wollen keine Nestlé-Aktien, andere haben nichts dagegen. Zumindest bei den Anwesenden überwiegt jedoch die Skepsis. Nun soll es die nächste Delegiertenversammlung richten. «Im November werden wir uns entscheiden», sagt Geschäftsführer Hans-Ulrich Stauffer.

Was ist Nachhaltigkeit?

Die Bank Sarasin definiert nachhaltiges Wirtschaften als «die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen mit breiter gesellschaftlicher Akzeptanz unter Verwendung von möglichst konfliktarmen Produktionsmethoden».

Nachhaltigkeit ist die Übersetzung des englischen Begriffs Sustainability. Die Uno-Weltkommission für Umwelt und Entwicklung entwickelte 1987 im so genannten Brundtland-Report erstmals ein Leitbild zur Nachhaltigkeit. Darin definiert sie diese als «eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen». Die Uno-Umwelt-und- Entwicklungs-Kommission behandelt die ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit als gleichwertig.

Die Uno-Definition der Nachhaltigkeit ist die Entscheidungsgrundlage der unabhängigen Vermögensverwaltungsgesellschaft Sustainable Asset Management SAM mit Sitz in Zürich. Bei ihrer Gründung 1995 war sie weltweit eine der ersten AnbieterInnen auf dem Gebiet der nachhaltigen Anlagen. Nachhaltigkeitsanalystin Gabriela Grab: «Die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitschancen und -risiken schafft Shareholder-Value», zahle sich also für die AktionärInnen aus.

1997 investierte laut SAM praktisch noch keine Schweizer Pensionskasse Geld in nachhaltige Anlagen, mittlerweile sind es rund vier Milliarden Franken. Grab ist überzeugt, dass dies erst der Anfang ist. «Es werden vermehrt qualitative Kriterien – zu denen Nachhaltigkeitskriterien gehören – in die traditionelle Finanzanalyse mit einbezogen.»

Heute gibt es unzählige internationale Nachhaltigkeitsrichtlinien und -definitionen. Und es gibt den Global Compact, den von Uno-Generalsekretär Kofi Annan ins Leben gerufene Unternehmenskodex für Grossunternehmen. Auch Nestlé ist dabei.

Alle diese Nachhaltigkeitsinitiativen sind rechtlich unverbindlich, bauen also auf die Freiwilligkeit der Unternehmen. Zahlreiche nichtstaatliche Organisationen (NGOs) kritisieren dies seit Jahren und fordern eine rechtlich verbindliche Regelung, nach denen die Unternehmen auch eingeklagt werden können. Die Unternehmen wehren sich vehement dagegen.

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