01.07.2004

Urbi et Orbi fahren über Land

Urbi, der Urbanit, sitzt bei Orbi, dem Agglomeriten, im Range Rover. Sie sind alte Studienkollegen, die den losen Kontakt pflegen und eine Fahrt ins Grüne machen. Die Schweiz wird besichtigt. Vreni wartet.

Von Benedikt Loderer, Stadtwanderer

Urbi (im Quengelton): Kannst du nicht wenigstens das Radio abschalten?

Orbi (nachsichtig): Bitte sehr, der Herr …

Urbi (versöhnlicher): So versteht man wenigstens sein eigenes Wort. (Pause mit Leerlaufgeräuschen, dann triumphierend): Ausfahrt, pah! Wir stecken mitten im Stau. Jeder Velofahrer überholt uns.

Orbi (genervt): Millionen gehen der Volkswirtschaft verloren … (Er schaltet vom ersten in den zweiten Gang und rückt eine grüne Welle, sprich acht Autos vor, dann professoral): Ich habe das wahre Leiden der Schweiz diagnostiziert: Es ist der Stau. Der Stau oder Morbus helveticus, die Krankheit des Landes. Der tägliche Stau auf den Strassen führt zum Stau im Gehirn, zum stockenden Denken. Wir leben in einem gestauten Land. Der Pegel steigt, und die Scheisse läuft uns in die Schädel. Der Reformstau und der Verkehrsstau sind eins. Wer die Schweiz konkurrenzfähig machen will, muss ihr den Stau kurieren. Der flüssige Verkehr ist die Voraussetzung des Überlebens. (Heftig): Stau gleich Blockade, wer staut, schadet der Heimat.

Urbi (süffisant): Genau, nur sind die Stauer und die Gestauten eins. Um uns herum sehe ich nur deinesgleichen in Zivilpanzern aus den Werken von Mercedes, Rover, Jeep, Nissan. Die Schweiz staut sich selbst. Wer geht denn an den Stau? Die Stopfer sind die Stöpsel und halten sich für das Purgativ. Diejenigen, die sich über den Stau am heftigsten beklagen, sind seine Urheber.

Orbi (drohend): Du hast die Kraft des Staus noch nicht begriffen. Der Stau ist eine politische Macht. Der Stau ist Urgewalt, geboren aus der täglichen Verzweiflung. Der Stau ist die mächtigste politische Partei der Schweiz. Der Stau bewegt. (Sie werden von einer Bande Töfflibuben rechts überholt.)

Orbi (plötzlich flehend): Was soll ich machen? Irgendwie muss ich doch von Hintergiglen in die Stadt kommen und wieder zurück. Vreni wartet.

Urbi (mit Schärfe): Hintergiglen ist freiwillig.

Orbi (aus Seelentiefe): Hintergiglen ist Schicksal. Ich erzähle dir eine Geschichte, die du schon kennst. Es war einmal ein hoffnungsvoller Jüngling, aus dem etwas wurde: Ehemann, Vater und Prokurist. Seine Kinder füllten die Wohnung, und seine Frau redete ernsthaft. Die Brut, mahnte sie, was in Grün und Agglo endete. In der Stadt war kein Platz in der Herberge. (Das dritte Rotlicht ist überwunden, der Range Rover fährt mit Velotempo. Mit verhaltener Wut): Was ich an dir und den andern WOZ-Lesern am meisten hasse, ist eure Unfähigkeit, einen Normalo zu begreifen. Gleich zu Beginn stopfe ich dir einen Satz in deinen Hals zurück: «Es gibt kein richtiges Leben im falschen.» Blödsinn, es gibt nur falsche richtige. Wiesengrund ist Bauland, kein philosophisches Fundament. (Überlegen): Wiesengrund tut Wahrheit kund, du bist philosophisch nicht haltbar. (Seufzend): Aber ich lebe, rackere, sauf und vögle. Wenigstens verkniffen bin ich nicht. (Dozierend): Deine Kritik an der Agglomeration geht vollkommen an den Adressaten vorbei. Du meinst immer noch, der Agglomerit und seine Bagage seien unglücklich, leiden an der Zersiedlung und an der optischen Verwahrlosung, sehnen sich nach der Vedichtung nach innen, halten es da draussen kaum aus. Irrtum, euer Ehren, da, wo wir sind, sind wir gern: in der Agglo. Ihr müsst endlich mal eure Oberstübchen neu vermessen und einsehen: Am achten Tag schuf Gott die Agglo, und er sah, dass es gut war. Aller Städtebau, der die Agglomeration nicht akzeptiert, ist Selbstbetrug.

Urbi (schnaufend): Wie war das? Als wir beide noch lesen konnten, redeten wir von Ideologiekritik. Sie ist in deinem Fall bitter nötig. (Mit Emphase): Wenn ich das offizielle gepresste Geröchel der Landesplaner höre, kriege ich Bibeli. Konzentrierte Dezentralisation haben sie uns fünfzig Jahre lang gepredigt, Konzdez! ein wirkungsloser Abwehrzauber. Die Grossstadt ist unschweizerisch, wir sind ein Land von Mittel- und Kleinstädten, predigten die Berufsföderalisten. Und was ist passiert? Die Konzdez haben wir erreicht: Konzentration der Wirtschaft und Dezentralisation der Bevölkerung. Sie bekämpften das Modell Vorkriegsberlin und merkten nicht, dass sie das Modell Los Angeles förderten. (Der Zivilpanzer gewinnt an Tempo, die Reifen quietschen in der Kurve zur Autobahnauffahrt.)

Orbi (nach getaner Chauffeurarbeit eindringlich): Was soll man von einem Berufsstand halten, der fünfzig Jahre die Wirklichkeit nicht zur Kenntnis nimmt? Es gibt keine Planung in der Schweiz. Was passiert, passiert und wird hinterher in schönen, farbigen Plänen festgehalten. (Nach zwei Kilometern Schweigen rechtfertigend): eine einzige Grosstat immerhin. Die Trennung von Bau- und Nichtbaugebiet. Die Zersiedlung wurde wenigstens in die Bauzonen eingesperrt. Sie sind zu gross, zugegeben, aber sie sind. Der Brei wurde kanalisiert.

Urbi (knurrend): Warts ab. Bisher konnte man die Hüsli mit dem Schlachtruf: Landesversorgung! in den Bauzonen halten, doch du spürst ja, wie sie bröckeln. Das Ende der Bauern kommt, damit das Ende des bäuerlichen Bodenrechts und damit das der Trennung. Das ist das wahre Ziel der Langzeitspekulanten: Die ganze Schweiz in die Bauzone. Verkauft wird es nach dem bewährten eidgenössischen Muster: Hilfe für den Bauernstand. Der Nebenerwerb soll den Familienbetrieb retten, damit der Nebenbetrieb das Bauern ersetzt. Dann wird die Bauzone den Nebenbetrieb retten müssen, schliesslich geht es um Arbeitsplätze, und die Bestandesgarantie verlangts. Es gibt viel Land, das heute mit Zivilpanzern vom Paradeplatz aus bequem zu erreichen ist und das weit besser rentiert, wenn ein Hüsli drauffällt und nicht mehr Kuhplütter.

Orbi (stellt die Lüftung höher, dann mit Bauernschläue): Der Markt ist bald gesättigt, die Leute müssen wieder rechnen.

Urbi (mit unterdrückter Wut): Müssen nicht alle, sie sind am Erben, die aufgetürmten Geldhaufen werden sich in Hüsli verwandeln und in Eigentumswohnungen. Man kann auch zwei Ferienhüsli haben, eins in den Alpen, das andere in Umbrien. Früher glaubte ich an das prächtige, wohlausgestattete, ökonomistische Repertoire: Du und die andern Hüsliwürger zahlen nicht, was sie verursachen. Die Stichworte: aufgeblähte Infrastruktur, Zentrumslasten, Umweltschäden, Raubbau - bitte alles ankreuzen, da alles zutrifft. Abwarten, sagte ich, es kommt die Zeit, da ihr euch selber nicht mehr leisten könnt.

Orbi (hämisch): Die Verelendungstheorie war immer schon der Trost der Besserwisser. Am Schluss des Märchens werden die Bösen bestraft, meinetwegen, aber den Guten gehts dann immer noch mies. Ich bin Gott sei Dank bei den Bösen.

Urbi (gedankenschwer): Leider ist keine Pleite in Sicht. Was man hierzulande Immobilienkrise nennt, sind Kurskorrekturen, keine Richtungsänderung.

Orbi (mit Betonung): Nehmt es mal gefälligst zur Kenntnis: Die Agglo ist, sie wird bleiben. Der Mensch ist das Tier, das agglomeriert. Man muss die Schweiz als einen Verband von Agglomerationen sehen, wenn man der Wirklichkeit näher kommen will.

Urbi (klärt sich den Hals): Kehren wir doch den Spiess um. Agglo okay, doch Mode ist sie längst nicht mehr. Ich erkläre dir mal, wie es wirklich ist: Du hast dich wie alle deine Agglodumpfos im Gefängnis der Familie eingesperrt. Ab und zu brichst du aus. Wenn du rackerst, lebst, säufst und vögelst zum Beispiel. Der Rest ist Rasenmähen, Autowaschen und die Schicksalsfrage: Wie bringe ich den Wurm ins Gymnasium?

Unsereins hat sich davon verabschiedet. Die Urbaniten haben die Familienkiste verlassen. Sie betrachten sie als Lebensabschnitt, nicht -inhalt. Ein Stau, wenn du willst, der sich löst. Vorher und anschliessend sind wir in Bewegung. Das moralisch-gesunde Grün haben wir hinter uns, wir sind Mitglieder der Losen Vereinigung Barkante (VLB). Guisan ist tot, und Max Frisch lebt auch nicht mehr. Wenn schon Kritik, dann die an der Familienideologie. Und die findet weder in der NZZ noch in der WOZ statt, sondern täglich auf dem städtischen Wohnungsmarkt. (Richtet sich auf.) Die Familienwohnung ist tot, nur noch die Politiker beschwören sie. (Ein Mercedes überholt mit 160.)

Orbi (mit Männerfreundschaft): Der nächste Blechpolizist kommt bestimmt. (Pause.) Stimmt nicht, die Familienwohnung lebt weiter. In der Agglo. Als Hüsli. Das Hüsli ist das ideale Familiengefäss …

Urbi (zischend): … Familiengefängnis!

Orbi (kühl): Glücksgehäuse. Mit dem Angriff auf die Heilige Familie rennst du ins Leere. Das übliche Vorgehen deiner Sorte. Jetzt reden wir mal Klartext: Hüsli, Agglo, Zersiedlung, Stau – alles das gibt es, und ihr Linken solltet mal darüber nachdenken. In diesen Tagen werden die Fundamente einer eidgenössischen Agglomerationspolitik gelegt, hat man von linker Seite irgendeinen Vorschlag gehört? Ja, 550 Millionen pro Jahr aus der Benzinzolltruhe. Das alte Ritual: Gut ist, was Bundesgeld bringt. Sehr viel weiter hat noch niemand nachgedacht. Die Frage zum Beispiel, wo der Bundesfranken am gescheitesten eingesetzt wird, ist eidgenössisch verboten. Grundsätzlich kriegen alle etwas, weil Zürich gleich wichtig ist wie Delsberg. Prioritäten gibt es nicht. 24 Modellvorhaben gibt es schon, auch hinten im Jura und Alpenstadt Interlaken inklusive. Wie gehabt, die Giesskanne statt der gebündelte Strahl. Die Konzdez hat einen neuen Namen: Agglomerationspolitik.

Urbi (magistral): Nein, Agglomerationspolitik ist Verkehrspolitik. Stell dir vor, das Wort «Verkehr» kommt im ganzen Raumplanungsgesetz überhaupt nicht vor! Doch der Verkehr plant, und zwar nur er. Die Strassenbauer haben die Raumplaner längst erledigt. Da folgt nun der autonome Nachvollzug: Die Agglomerationspolitik ist der Versuch, Siedlung und Verkehr unter einen Hut zu bringen. Mit mehr Strassen, mehr Bahnen, mehr Verkehr.

Orbi (mahnend): Mehr Bundesgeld. Mit dir fahr ich gerne ab und zu, du bist so resigniert, dass ich mir wie ein Optimist vorkomme. (Sie biegen in die Blüemlistrasse ein, halten auf dem Vorplatz der Nummer 21 an. Vreni wartet.)

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