02.12.2004

Möchtegernbauern im Stadtsurrogat

Das föderalistische System in der Schweiz stösst – insbesondere an den Siedlungsrändern – an seine Grenzen. Gefragt sind selbstbewusste Allianzen zwischen den Kernstädten und den Agglomerationsgemeinden.

Von Andreas Hofer

Im Jahr 1800 hatte die zuhinterst im Tösstal liegende Gemeinde Fischenthal doppelt so viele EinwohnerInnen wie heute. Mehr als die Hälfte von ihnen arbeitete als HeimarbeiterInnen in der Baumwollindustrie. Die Industrialisierung hat hier – und auch in vielen anderen ländlichen Gegenden der Schweiz – in den Siedlungsformen der Kleinlandwirtschaft stattgefunden. Diese ergänzte den kargen Lohn mit Nahrungsmitteln für den Selbstbedarf. Fünfzig Jahre später bezeichneten sich immer noch neunzig Prozent aller Haushalte im Kanton Zürich als Bauernfamilien – von der Landwirtschaft leben konnte aber kaum die Hälfte. Dieser Widerspruch in der Selbstwahrnehmung, die Mentalität von proletarisierten «Möchtegernbauern», dauert bis heute fort. Zusammen mit dem alten Dünkel gegen die reichen Herren in den Städten bildet sie den Grundstock der schweizerischen Identität und prägt die politische Verfasstheit des Nationalstaates. Die Industrialisierung und Verstädterung des Landes in den letzten hundertfünfzig Jahren haben daran wenig geändert.

Die Ecksäulen dieses politischen Systems heissen Gemeindeautonomie, Ständemehr und Subsidiarität. Jeder nationale Entscheid sickert über kantonale Gesetze in die Gemeinden. Die Kantone haben – unabhängig von ihrer Bedeutung und Grösse (abgesehen von den Halbkantonen) – gleiche Rechte, die Gemeinden einen grossen Gestaltungsraum. Jede scheidet für sich ihre Gewerbe-, Einfamilienhaus- und Kernzone aus, wächst an den Rändern und kämpft in Konkurrenz mit anderen Gemeinden um weitere Ansiedlungen. Den grossen nationalen Infrastrukturanbietern wie Post und SBB bleibt die Aufgabe, dieses Netz aus wachsenden Knoten zu erschliessen und zu verbinden. Das föderalistische System prägt die Siedlungsstruktur: Eine eigentliche Peripherie gibt es nicht – jedes Bergdorf ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar, eigene Poststellen waren bis vor kurzem eine Selbstverständlichkeit. Es gibt aber auch kein dominierendes Zentrum. Die Kernstädte sind Teil eines Siedlungsbandes, das zur «Agglomeration Mittelland» zusammenwächst.

Ein trauriges Bild

Erst die Privatisierungs- und Ökonomisierungswellen der neunziger Jahre haben das idyllische Bild gleichberechtigt sich entwickelnder Räume infrage gestellt. Der nationale Konsens, allen den gleichen Standard zu bieten, kam ins Wanken. Die SBB haben inzwischen gemerkt, wie viel Geld sie von den wenigen rentablen Strecken in die peripheren umverteilen, die Post hat die Rechnung zwischen Zahlungsverkehr und Paketauslieferung im ländlichen Raum aufgemacht, ebenso die Swisscom zwischen den Firmenkunden in den Zentren und den Telefonanschlüssen der BergbäuerInnen. Heute verlangen diese Unternehmen von der Politik die Abgeltung solcher Infrastrukturleistungen. Und unternehmerisch denken inzwischen auch die Städte: Analog zur Unterstützung der Peripherie fordern sie, für ihre zentralörtlichen sozialen und kulturellen Leistungen Kompensationen zu bekommen.

Ein trauriges Bild: Der ehemalige Nährstand ist zur Landschaftsgärtnerei verkommen, die Kernstädte zum Alters- und Ausländerheim. Dazwischen wächst die Agglomeration. Eine eigene Identität hat das aus hunderten von Gemeinden bestehende und sich über mehrere Kantone erstreckende Gebilde aber nicht entwickelt – zu schnell verlief der Wandel dieser noch vor einer Generation ländlich geprägten Gebiete zu Teilen grosser Wirtschaftsräume. Es erstaunt deshalb nicht, dass die ausgrenzenden und romantisch beschwörenden Konzepte der SVP hier auf fruchtbaren Boden fielen. Bundesrat Blocher, Albert-Anker-Sammler und Exchef eines Weltkonzerns, der in der Vorortsgemeinde Meilen wohnt, verkörpert idealtypisch den heimatlos gewordenen, in der Agglomeration gestrandeten Menschen. Wobei er zum privilegierten Teil gehört. Die Agglomeration ist sozial ein kleinteiliger Flickenteppich, in dem neben dem Bonzenhügel mit tiefstem Steuerfuss eine an allen Ecken und Enden mit sozialen Problemen kämpfende Gemeinde liegt.

Futuristische Szenarien

Die ungeliebte Agglo hat vor allem StädterInnen zu radikalen Lösungen inspiriert. In einem Text des Zürcher Schriftstellers P.M. verjagt eine Urbanisierungsbrigade die letzten Uneinsichtigen aus ihren Häuschen, bevor Bulldozer sie schleifen und der Boden wieder an die Natur zurückgegeben wird. Das holländische Planungsbüro MVRDV hat kürzlich im Auftrag der Stiftung Avenir Suisse futuristische Szenarien für die Schweiz entworfen: die am Zürichsee liegende Drei-Millionen-Stadt, umgeben vom satten Grün des entrümpelten Mittellandes, das einzig dem Tourismus und zur Energiegewinnung dient. Diese Pläne vermochten nicht einmal die potenziell Betroffenen zu erschüttern.

Sie wissen die Macht des Faktischen auf ihrer Seite und fahren den Offroader unter den Carport ihres Einfamilienhauses. Die ästhetisch geführte Diskussion über die Zersiedelung des Mittellandes überdeckt das grundlegendere Problem, dass eine flächendeckende Versorgung an ihre Grenzen gestossen ist. Während S-Bahnen und Strassen die sich verdichtende Agglomeration noch halbwegs ökonomisch erschliessen können, ist dies in ländlichen Räumen nur noch mit ständig steigenden Subventionen aus allen möglichen Töpfen (Finanzausgleich, Agrarsubventionen, Nationalstrassenplanung, Militärbudget und eigentliche Strukturförderungen) möglich. Und all diese Investitionen haben mittlerweile dazu geführt, dass das Leben auf dem Lande, welches die Ökofreaks einst auf der Suche nach unverbrauchter Natur gesucht haben, zur Umweltbelastung geworden ist. Der Bau und Unterhalt der Infrastruktur in ländlichen Gebieten verschlingt weit mehr Ressourcen als in städtischen Räumen, und die ländliche Bevölkerung befriedigt ihre Mobilitätsbedürfnisse am liebsten mit dem Auto.

Diese Strukturprobleme offen benennen mögen nicht einmal die sparwütigsten PolitikerInnen. Selber gefangen im Gestrüpp aus Subventionen und sich gegenseitig zugesicherten Pfründen, beschränken sie sich darauf, mit linearen Kürzungen allen das Leben ein bisschen schwerer zu machen.

Ungeplantes Wachstum

Langsam und zaghaft wird die Agglomeration zur Kenntnis genommen. Seit 2001 gibt es eine offizielle Agglomerationspolitik des Bundes, in deren Rahmen 25 Modellvorhaben Erkenntnisse über die Agglomerationsentwicklung liefern sollen. Die Agglomeration bleibt vorerst ein schwer fassbares, sich permanent veränderndes Gebilde. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass sie sich auch ohne Planung entwickelt, sich mit Menschen und ihrem Alltag füllt und eine Lebenswelt schafft. Es gibt keinen Zwang, diesen Prozess zu verbürokratisieren und mit unrealistischen Gemeindereformplänen lenken zu wollen. Allerdings müssen ein paar Probleme gelöst werden. Die Agglomeration produziert wachsende Verkehrsströme, welche die Umwelt belasten und einen immer teureren Ausbau der Strassen erfordern. An den Verkehrsknotenpunkten entstehen Orte der rein kommerziellen Intensität. Die sich hier anlagernden Freizeit- und Einkaufszentren saugen die Kaufkraft aus den Innenstädten und werden zu sozial segregierten Stadtsurrogaten. Nachdem in den letzten Jahren die grossen Städte wieder an Attraktivität gewonnen haben, ziehen sie zahlungsstärkere Schichten an, während die Schwächeren in die Vorortsgemeinden verdrängt werden. Und die Probleme um das Anflugsregime des Flughafens zeigen, dass die Gemeinden, die eifersüchtig ihre Partikularinteressen wahren, den schädlichen Folgen von Grossprojekten kaum beikommen können. Dies alles sind Gründe, gemeinsame Strategien zu entwickeln und Wege für eine ökologischere und sozialere Entwicklung zu suchen.

Metropolitane Fusionen

Die Kernstädte könnten in ihren Agglomerationen die Führung übernehmen und ihre Erfahrungen im Umgang mit Dichte und sozialen Problemen den Agglomerationsgemeinden zur Verfügung stellen. Vor allem in den zentrumsnahen Gemeinden könnte dieses Modell funktionieren und zu einer neuen Solidarität in einem erweiterten urbanen Raum führen. In einem weiteren Schritt wären dann Eingemeindungen und politische Fusionen denkbar. Einen solchen Weg hat kürzlich eine Arbeitsgruppe im Auftrag des Stadtrates für Aarau vorgeschlagen. Im Norden von Zürich heisst der Koordinationsversuch zwischen acht Gemeinden «Glatttal Glow». Ohne Fusion wollen die Gemeinden ihre Zusammenarbeit verbessern und gemeinsam an Lösungen arbeiten. Über das ganze Kantonsgebiet angewendet, könnte diese Strategie zu einem Patchwork von problemorientierten Gemeindeverbünden führen. Am grössten wäre der Einfluss, wenn der Kanton Zürich, ein politisches Gebilde, das einen bedeutenden Teil der schweizerischen Agglomeration abdeckt, die Rolle einer metropolitan planenden Behörde übernähme. Dem steht der Kantonsrat, der sich immer noch als Gremium von GemeindevertreterInnen versteht, im Wege. Die ungelöste Föderalismusfrage des ganzen Landes bildet sich hier auf kantonaler Ebene ab. Bei allen Modellen geht es nicht nur darum, die Kernstädte und ihre unmittelbare Agglomeration zu stärken. Auch der ländliche Raum soll eine – allerdings bescheidenere – Zukunft erhalten. Der Traum, dass die neuen Telekommunikationsmittel eine Renaissance der Peripherie auslösen, hat sich verflüchtigt. Alles weist auf eine weitere Konzentration in den urbanen Grossräumen hin. Fischenthal mit seinen 2000 EinwohnerInnen wird kaum ein neues Wachstum erleben. Vielleicht hat es aber eine Zukunft als kleines Dorf in intakter Landschaft. Ein Ort für Menschen, die bereit sind, die Erfüllung ihres Traums vom Land mit dem Verzicht auf gewisse Leistungen der Stadt zu bezahlen.

Andreas Hofer ist Architekt und Mitinitiant der Wohngenossenschaft Kraftwerk 1 in Zürich.

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