18.05.2000

Der Widerstand der SchülerInnen und StudentInnen

Endlich macht sich in Serbien eine Bewegung bemerkbar, die den Namen Opposition verdienen könnte.

Von Jasna Bastic, Belgrad

Damir Eres, ein 21-jähriger Medizinstudent, freut sich über die Aufmerksamkeit, auch wenn sein Leben und das seiner MitstreiterInnen aus der StudentInnengruppe «Otpor» (Widerstand) in den letzten Wochen gefährlicher geworden ist: «Alle reden jetzt über uns», meint er. In der Tat hat die im November 1998 aus Protest gegen repressive Universitätsgesetze gegründete Gruppe den Sprung aus der Hochschule in die Gesellschaft geschafft. Ihre Aktionen gegen das Regime finden breite Unterstützung in der Bevölkerung. Laufend bilden sich neue Otpor-Gruppen, zuletzt auch unter den RentnerInnen; prominente Oppositionelle wie Zoran Djindjic schmücken sich bei ihren Auftritten mit der Otpor-Devotionalie, dem schwarzen T-Shirt mit geballter Faust, und am 1. Mai marschierten die SchülerInnen und StudentInnen gemeinsam mit Gewerkschaften durch Kragujevac und skandierten: «Slobodan, rette Serbien, bring dich um!»
Der Angesprochene, Präsident Slobodan Milosevic, liess reagieren: In Pozarevac, seiner Heimatstadt, wurden drei Otpor-Aktivisten verprügelt und danach verhaftet; unabhängige Medien, die über den Vorfall berichteten, mussten Bussen bezahlen oder wurden geschlossen; umgekehrt beschuldigte die staatseigene Presse die «gescheiterten Studenten», «Junkies» und «Nazis» sogar des Mordes an einem Funktionär der regierenden Sozialistischen Partei. Informationsminister Goran Matic setzte noch eins drauf: Otpor, erklärte er, sei «eine faschistische Nato-Jugendgruppe».
Vorerst scheint solche Beachtung die Jugendlichen nur noch mehr anzuspornen, auch wenn die letzte Belgrader Demonstration am Montag hinter den Erwartungen zurückblieb. «Ich bin mittlerweile mit allem unzufrieden, alles geht mir auf die Nerven», sagt Damir Eres. «Und den anderen geht es genauso. Das merkst du im Bus, in der Schule, bei den Eltern, sogar beim Fernsehen.» Milosevic müsse einfach weg, sagt Vukasin Petrociv, ein 24-jähriger Politologiestudent, «das ist die Voraussetzung für alles Weitere.» Und dann? Er wolle endlich «wie andere junge Leute in Europa leben».
Zweifellos will eine Mehrheit in Serbien Milosevic loswerden, wenn sie auch nicht genau weiss wie. Neuerdings scheint sich aber auch die allgemeine Stimmung von Unzufriedenheit in Ärger zu verwandeln. Vuk Draskovic, Führer der mal mitregierenden, mal wieder oppositionellen Serbischen Erneuerungsbewegung, kündigte am vergangenen Samstag an, man werde sich nicht mehr mit Versammlungen und Pressekonferenzen begnügen, sondern zu «allen anderen möglichen Mitteln greifen». Solche Grossmäuligkeit, fürchten die Otpor-Aktivisten, könnte das Regime dazu verleiten, direkte Zusammenstösse mit der Opposition zu provozieren und damit einen Grund geliefert zu bekommen, um Notstandsmassnahmen zu verhängen.
Auch darum setzt Otpor ausschliesslich auf gewaltlosen Protest. «Wir wollen Milosevic loswerden, er gehört nach Den Haag» (vor das Kriegsverbrechertribunal, J. B.), sagt Vukasin Petrovic. «Aber wir wollen das mit Wahlen erreichen.»
Offensichtlich fühlt sich das Regime von den StudentInnen eher gestört als von der bisherigen, in sich zerstrittenen Opposition. Otpor-AktivistInnen haben es ständig mit der Polizei zu tun, und Jugendliche werden schon angegriffen, wenn sie sich in den schwarzen T-Shirts auf der Strasse zeigen.
Für die immer noch ausreichende Macht des Regimes seien die Oppositionsparteien mitverantwortlich, meint Petrovic. Bis heute hätten sie es nicht geschafft, den Menschen in ihrer wirtschaftlichen Not eine politische Alternative plausibel zu machen. Und weder Draskovics Erneuerungsbewegung noch die Demokratische Partei seines Konkurrenten Djindjic hätten sich in den zurückliegenden Jahren eindeutig vom Krieg und den Kriegsverbrechern distanziert. Umso schwerer hätten sie es jetzt, den BürgerInnen, die nicht gerne über die zurückliegenden Jahre und schon gar nicht über den Kosovo reden wollen, etwas über die «verlorenen Kriege» zu erzählen. Das könnte sich bald ändern, scheint doch der Krieg nunmehr nach Hause zu kommen und die Repression des Regimes sich gegen die eigenen Kinder zu richten.

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