10.06.2004

Ronald Reagans letzte Show

Noch im Tod überstrahlt der 40. Präsident der USA die politische Wirklichkeit.

Von Lotta Suter, Boston

Ein reiterloser Rappe mit Ronald Reagans Cowboystiefeln verkehrt herum in die Steigbügel montiert soll auf Wunsch der Witwe den Pomp anführen, mit dem der 40. Präsident der USA diesen Freitag zu Grabe getragen wird. Überflogen wird der hochkarätige Trauerzug von einer F-15-Staffel in dramatischer «missing-man-formation» – obwohl der so Geehrte zeitlebens grosse Flugangst hatte, nie Militärpilot war und den Zweiten Weltkrieg überhaupt weitab vom Geschütz in Hollywood verbrachte, wo er in Schulungsfilmen für die US-Armee auftrat. Doch wie Reagans Gesinnungsgenosse und PR-Direktor Patrick Buchanan erklärt: «Für Ronald Reagan war die Welt der Legende und des Mythos eine reale Welt, die er oft aufsuchte und in der er ein glücklicher Mensch war.»

Mit seinem absehbaren und unspektakulären Tod als 93-jähriger Alzheimer-Patient hat Ronald Reagan auf der politisch-symbolischen Bühne der USA allen ein letztes Mal die Show gestohlen. Wegen mangelndem Publikumsinteresse hat in der Folge John Kerry den aktuellen Wahlkampf sistiert. Und George Bushs gross geplanter Auftritt in der Normandie wurde zur zweitklassigen Vorstellung eines zweitklassigen Ersatzschauspielers degradiert. Denn das US-Fernsehen bevorzugte Reagans D-Day-Rede von 1984; die Szenerie von damals ist malerischer, die Prosa fliessender, der präsidentielle Darsteller um einiges telegener. Von allen Titelseiten strahlt uns dieser Tage der gleiche makellos frisierte «Teflonpräsident» entgegen. Diese Bilder sind so viel netter als die der dunklen Kapuzenköpfe von Abu Ghraib. Wahrer Balsam für die verwundete Seele der Nation: «Es ist wieder Morgen in Amerika» (Reagans Wahlslogan 1980).

Der Hagiografie der grossen Medien hält das Linksmagazin «The Nation» zwar tapfer eine Liste der «66 unangenehmen Seiten von Ronald Reagan» entgegen. Genannt werden unter anderem die Entlassung von 11 000 streikenden Luftverkehrskontrolleuren kurz nach Amtsantritt, die Idee vom gewinnbaren Nuklearkrieg, die Voodoo-Ökonomie, die Massaker in El Salvador, die Militärinterventionen in Grenada und Libanon, die Unterstützung des weissen Südafrika, Star Wars, Handbücher zum gezielten Töten von politischen Feinden, Budgetdefizite, die Working Poor, das Verschweigen der Aidsepidemie, die Einführung von Ketchup als billiges Ersatzgemüse in Schulkantinen und die Konsultation von Ehefrau Nancys Astrologen.

Doch grosse Mythen sind gegen solch kleinliche Miesmacherei immun. Der älteste je gewählte Präsident der USA verkörperte problemlos jugendlichen Optimismus. Er, der dutzende von Milliarden US-Dollar von sozialen Programmen in die nukleare Aufrüstung umlenkte, gilt bis heute als freundlicher, umgänglicher Mensch. Trotz Rekordsteuersenkungen für die Reichen und massiven Angriffen auf Gewerkschaften blieb er ein Volksheld. Trotz auch ausgabebedingten Rekorddefiziten im Staatsbudget und handelsprotektionistischen Massnahmen feiert man ihn als Vater der freien Marktwirtschaft. Vergessen sind die bis heute wirksamen negativen Folgen seiner aggressiven Aussenpolitik von Lateinamerika bis Afghanistan, seine Kontakte mit Usama Bin Laden und Saddam Hussein. Erinnert wird seine theatralische Rhetorik vor der Berliner Mauer – die dann tatsächlich während seiner Amtszeit fiel. Vergeben ist offenbar sogar die Iran/Contra-Affäre: der illegale Waffenhandel mit dem Erzfeind Iran und die ebenso illegale Unterstützung der Contras gegen die linken SandinistInnen in Nicaragua. «Der Kommunismus war böse, Amerika war gut. Das machte Ronald Reagan zu einem grossen Mann», wie ein Leserbriefschreiber in der «New York Times» zusammenfasst.

Heute ist der Terrorismus böse und Amerika gut. Und Präsident Bush bewegt sich ganz auf Reagans Terrain, der die Begriffe Utopie und Fortschritt von rechts besetzt hatte; in Reagans Geist, der von Amerikas göttlicher Mission überzeugt war; und mit ehemaligen Reagan-Mitarbeitern wie John Negroponte (ehemals El Salvador, jetzt Bagdad), Colin Powell (ehemals Sicherheitsberater, aktuell Aussenminister) und Donald Rumsfeld (ehemals Bagdad-Sondergesandter, jetzt Pentagon). Aber Bush ist kein grosser Mann. Das bestätigen Kommentatoren von links bis rechts und vom ehemaligen Sowjetführer Michael Gorbatschow bis zum Wirtschaftskolumnisten Paul Krugman: Im Gegensatz zum amtierenden Präsidenten habe Ronald Reagan innen- wie aussenpolitisch hinter der ideologischen Fassade immerhin ein Minimum an Pragmatismus, Dialogbereitschaft und Verantwortlichkeit gezeigt.

Als «lausiger Präsident, aber höllisch guter König» hat Ronald Reagan in den USA vor allem zwei Dinge bewirkt: die Verschiebung des politischen Spektrums nach rechts und einen entscheidenden Wechsel: Aus den moralinsauren, kulturpessimistischen Konservativen der sechziger und siebziger Jahre wurden in den achtziger Jahren zukunftsorientierte «revolutionäre Kräfte» (David Brooks); aus den ehemals so hoffnungsfrohen Demokraten des «New Deal» und der «Great Society», wie die Gesellschaftsentwürfe von Franklin Roosevelt beziehungsweise Lyndon Johnson hiessen, wurden pessimistische Besitzstandswahrer. Diese Positionierung und dieses Image sind die Demokraten bisher nicht wieder losgeworden. Ausgeschlossen ist es nicht, dass die Republikaner als Reagans Erben im Herbst nochmals zum Wahlsieg reiten können.

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