Das grosse Trotzdem

Wir können es auch mal positiv sehen.

Jeder geflüchtete Mensch ist ein grosses Trotzdem, eine ganze Reihe davon.

«Ihr könnt uns abhalten wollen, uns missachten, ausgrenzen und entrechten. Aber wir machen uns auf den Weg. Wir können etwas, wir machen mit.» Sie haben ihr Leben einer gefährlichen Flucht, ihr Recht auf Asyl immer schärferen Gesetzen und ihre Teilhabe der Isolation in den Camps abgerungen.

Und das letzte grosse Trotzdem ist ihr Aufgehen in der postmigrantischen Gesellschaft.

Ich denke an die vielen Menschen, die ich vor Jahren kennenlernte, als Asylsuchende, als Zukunftssuchende in Unsicherheit. Heute sind sie immer noch hier – und einige haben Zukunft gefunden. Mich freut das nicht nur für sie, sondern auch als Statement.

Heute machen sie eine Lehre, studieren, arbeiten, haben einen Schlüssel zu einer eigenen Wohnung. Sie dekorieren ihre Stube, schreiben Gedichte, fliegen in ein Drittland, um ihre Eltern nach Jahren der Trennung wieder zu sehen. Natürlich nicht, ohne mit dem Migrationsamt wegen Reisepassgeschichten streiten zu müssen. Aber trotzdem.

Wer grünes Licht bekam und dem Integrationsimperativ Folge leisten wollte, brauchte Glück und auf dem Sozialdienst eine zuständige Person, die Folgendes versteht:

«Die Fachstelle Integration hat ein breites Angebot unterschiedlicher Massnahmen zur Integrationsförderung der geflüchteten Personen im Kanton Zürich akkreditiert und alle diese Angebote im kantonalen Angebotskatalog IAZH erfasst. […] Die fallführenden Stellen können die Angebote potenzial- und bedarfsorientiert auswählen und im Rahmen des Kostendachs für die Unterstützung des Erstintegrationsprozesses nutzen.»

Ich glaube, die kantonale Fachstelle Integration hätte nicht besser ausdrücken können, dass der Weg zu Ausbildung und Arbeit manchmal zum Davonrennen ist. Komplizierte Sprache ist das eine, ein kompliziertes Fördersystem, das vom Durchblick und dem Goodwill der Sozialdienste abhängt, das andere.

Das letzte grosse Trotzdem begegnet mir unspektakulär, gerne zum Beispiel beim Busfahren. Wer steht da vor mir? Sara! Sie kommt gerade von der Arbeit im Shopville, wo sie eine Lehre als Detailhandelsfachfrau macht. Oh, wie lange ist es her, dass sie damals bei mir im Deutschkurs war! «Wie geht es dir?» Ich erinnere mich, wie sie beim letzten Treffen noch in der quälenden Wartezeit hing, Antwort auf die Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ausstehend.

Der Deutschkurs war «Tagesstruktur». Heute hat Sara Alltag, Feierabend wie ich.

Sie ist selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Fertig Asyl.

Postmigrantisch. Es ist ein Wort, das wir im Asylkontext eigentlich nie brauchen. Die Anwesenheit von Asylsuchenden ist – rechtlich gesehen – noch Verhandlungssache, ihr Hiersein zu wacklig. Für mich, die sich ständig im Asylkontext bewegt, hat das Wort «postmigrantisch» etwas Entspannendes.

Wer will, regt sich auf, aber die Realität fährt schon lange Bus.

Es sind viele, viele grosse Trotzalledems.

Immer freitags lesen Sie auf woz.ch einen Text unserer Gastkolumnistin Hanna Gerig. Gerig ist seit acht Jahren Koleiterin des Vereins Solinetz, der sich für geflüchtete Menschen im Raum Zürich einsetzt. Ihre Arbeit gefällt ihr sehr. Und doch fragt sie sich manchmal, was sie da eigentlich tut; warum sie und warum das.

WOZ Debatte

Loggen Sie sich ein und diskutieren Sie mit!

Login