Mike Ben Peter: Keine Überraschung, aber eine Enttäuschung

«Wer hat Mike getötet?», schreit eine Frau ins Megafon. «Die Polizei!», ruft die versammelte Menge im Chor. Die Aktivist:innen vor dem Waadtländer Kantonsgericht in Renens sind wütend; das Gericht hat heute Nachmittag nicht in ihrem Sinne entschieden. Stattdessen bestätigte es das erstinstanzliche Urteil im Fall Mike Ben Peter: Die sechs Beamten, die am Polizeieinsatz, bei dem der 39-jährige Ben Peter starb, beteiligt waren, wurden in allen Anklagepunkten freigesprochen.

Mehrmals hatten die angeklagten Polizisten Ben Peter das Knie in die Genitalien gerammt, ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht und ihn minutenlang in Bauchlage auf den Boden gedrückt. Da er sich gewehrt habe, sei die Gewalt gerechtfertigt und der Einsatz rechtmässig gewesen, urteilte der vorsitzende Richter am Nachmittag. Der aus Nigeria stammende Mike Ben Peter ist einer von mehreren Schwarzen Männern, die in den vergangenen Jahren bei Einsätzen oder in Gewahrsam der Waadtländer Polizei starben. Und auch in den Fällen von Hervé Mandundu, Lamine Fatty und Roger «Nzoy» Wilhelm ist es bisher zu keiner Verurteilung der Polizei gekommen.

Das Urteil sei keine wirkliche Überraschung, sagt ein Mitglied des Kollektivs Kiboko, das den Fall und Ben Peters Familie seit sechs Jahren begleitet, nach der Urteilsverkündung. «Aber man hat trotzdem immer ein bisschen Hoffnung.» Anlass zu etwas Hoffnung hatte es tatsächlich gegeben: Die Richter:innen hatten dem Antrag des Anwalts von Ben Peters Familie, den Straftatbestand des Amtsmissbrauches in die Anklage mit aufzunehmen, stattgegeben; die beschuldigten Polizisten wurden vom Berufungsgericht etwas genauer befragt als noch im ersten Prozess, der von Beobachter:innen als Farce bezeichnet worden war.

Wie es nun weitergeht, ist ungewiss. Der Anwalt der Familie von Ben Peter hatte im Voraus gesagt, er sei bereit, das Urteil wenn nötig bis an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weiterzuziehen. Die Entscheidung liegt bei den Angehörigen. Bridget Efe, die Ehefrau des Verstorbenen, sagte im Anschluss an das Urteil enttäuscht: «Was ich gebraucht hätte, ist Gerechtigkeit für meinen Mann.»

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