24.08.2000

Theater trotz Bomben

Theaterfestivals in Jugoslawien: Jugoslawiens freie Theaterszene ist trotz der politischen Isolation höchst lebendig.

Von Stascha Bader und Ana Otasevic

Regelmässig fegt die Hitze Belgrad im Sommer leer. Die grossen Boulevards, üblicherweise trotz Embargo mit Autos voll gestopft, sind leer und fussgängerfreundlich. Und die hell erleuchtete Altstadt, sonst bis Mitternacht voller junger Leute, lichtet sich schon früh. Denn wer kann, reist zur Erfrischung ans Meer. Kein Wunder, dass das bekannteste Sommerfestival des Theaters in der pittoresken montenegrinischen Küstenstadt Budva liegt. Zwei Stücke haben dort im Juli für Aufsehen gesorgt: «Pad» (der Fall) der renommierten serbischen Autorin Biljana Srbljanovic und «Antigone in New York», das Comeback von Regisseur Boro Draskovic. Dieser kehrt nach dreissigjähriger selbst auferlegter Theaterabstinenz wegen eines Verbots unter Tito auf die Bühne zurück. Beide Stücke haben viel Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Sie beschäftigen sich mit dem Fall der moralischen und geistigen Werte in Ex-Jugoslawien, dem Fall der nationalen und religiösen Mythen und mit der Hoffnung auf einen Wandel.

Doch wer glaubt, Theater sei im Sommer in der Hauptstadt nicht vorhanden, sieht sich getäuscht. Schon ins zehnte Jahr geht das Alternative Belgrader Sommerfestival, Belef, das vom 1. Juli bis zum 7. September dauert und an dem regelmässig freie internationale und jugoslawische Gruppen auftreten. Die Leiterin des Festivals, Ivana Vujic, ist hochschwanger, die Hitze des ungewöhnlich heissen Sommers setzt ihr zu. Doch wenn sie über die freie Theaterszene in Jugoslawien spricht, werden ihre Bewegungen energisch: «Die Stadttheater sind schwerfällig», behauptet sie. «Die alternativen Theatergruppen hingegen können mit Video, Computer, Tanz und Musik experimentieren und gesellschaftliche Themen und Tendenzen sofort umsetzen.»

Die Lokale des Belef im Zentrum der Zweimillionenstadt sind geräumig. Im Theatersaal probt eine freie Gruppe das Stück «Der Idiot» der jungen serbischen Autorin Muza Pavlova. Auf dem grossen Bürotisch besorgt der junge Student, den die Theaterprofessorin Ivana Vujic liebevoll Mrvica («Brösmeli») nennt, die Korrespondenz. Auf dem Programm, das einer Sammlung von Technoflyern gleicht, sind unter anderem «Antigone im Technoland» aus Mazedonien, «Ein Same der Erinnerung» aus Argentinien und «Die Königin ist tot» aus Spanien angekündigt. Trotz minimalen Budgets gelingt es dem Festival, wichtige Stücke zu zeigen, aus Kostengründen oft an ungewohnten Orten wie in alten Fabriken, Hinterhöfen oder Parkanlagen. Das vor allem junge Publikum kommt in Scharen. Denn seit der politischen Isolation Jugoslawiens können die Jungen schwer das Land verlassen und sind froh um Ideen und Inspirationen aus der fernen weiten Welt.

Nicht nur in Belgrad gibt es alternative Theaterfestivals. Infant in Novi Sad und Fiat in Podgorica gehören zu den Aufführungsorten der freien jugoslawischen Theatergruppen wie «Zentrum für kulturelle Dekontamination», «Dah» (Atem) oder «Plavi Teatar» (Das blaue Theater), die sich seit Anfang der neunziger Jahre bemerkbar machen. Doch das traditionsreichste Festival ist zweifellos das Internationale Theaterfestival Belgrad, das Bitef. Seit 34 Jahren wurde in diesem Rahmen alles gezeigt, was weltweit Rang und Namen hat, von Grotowski und Dürrenmatt über das Living Theatre und Mummenschanz bis zu Pina Bausch und Sascha Waltz. Diesjähriges Motto des Festivals: «Das Theater und das Böse».

Im Bitef-Büro mit Klimaanlage sitzt an seinem mit Theaterpublikationen übersäten Schreibtisch der Mitbegründer des Festivals, Jovan Cirilov. Er ist Pen-Mitglied, Kolumnist in diversen Zeitschriften und geniesst in Jugoslawien eine hohe Autorität. Bis jetzt hat ihm keine Regierung eine Zensur auferlegen können. «Wir haben spanische Gruppen eingeladen, als unser Land mit Franco keine diplomatischen Beziehungen hatte», lächelt der jugendlich wirkende, siebzigjährige Mann, «und wir schickten die ‘Belgrader Trilogie’ von Biljana Srbljanovic selbst dann nach Deutschland, als wir von der Nato bombardiert wurden. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass Kultur keine Grenzen kennt.»

Auch dieses Jahr werden vom 17. bis zum 26. September wieder Gruppen aus der ganzen Welt am Bitef zu sehen sein, so mit finanzieller Hilfe der Pro Helvetia auch das Schweizer Tanztheater «Gopf» von Metzger, Zimmermann und de Perrot. Unterstützung erhält das Bitef auch von europäischer Seite. Dieses Jahr wurde das Festival mit einem Spezialpreis der EU «für den kulturellen Brückenschlag zwischen Ost und West unter schwierigsten Umständen» gewürdigt. Von den Kulturschaffenden Belgrads wird dies als Zeichen gesehen, dass der Westen wenigstens kulturell keine Isolation zulassen will.

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