27.09.2001

Terrorakte und Kriegserklärungen

Das sind auch Probleme: Wenn die Kinder von Linken beim Patriotismus nicht abseits stehen wollen.

Von Lotta Suter

Stell den Fernseher ab! umarme deinen Sohn / deine Tochter, und lass dich vor allem auf keine Warum-Fragen ein», raten US-amerikanische Psychologen uns Eltern seit dem 11. September. Die Ostküstenzeitung «Boston Globe» rät bei jüngeren Kindern zur Turtle-Technik, zur Schildkrötenstellung: Kopf einziehen, unter den Panzer kriechen – jetzt fühlen wir uns geschützt und sicher. Wer mit Jugendlichen zu tun hat, soll sich den positiven Retterfiguren in dieser Tragödie zuwenden: Politisch konservativere Stimmen meinen damit den Präsidenten und die Regierung, liberalere KollegInnen die Feuerwehrleute und Polizisten, die in New York für andere ihr Leben riskiert und oft genug verloren haben. Und dann ist da natürlich das generationenübergreifende Identifikationsangebot der blauweissroten Fahne: am Auto, Taxi und Schulbus, vor Haus, Kirche und Schule, auf Friedhof und Sportplatz, in der Gärtnerei dazu der Schriftzug: «Amerika, zeige deine Grösse, Büsche und Bäume die Hälfte.»

Auch die dreizehnjährige Tochter der prominenten linken Kolumnistin Katha Pollit will eine Fahne aus dem Fenster ihres New Yorker Apartments hängen; als Zeichen der Zusammengehörigkeit, als Ehrung der Opfer von Manhattan, als Nein zum Terrorismus. Ihre Mutter erklärt – mit ausserordentlich viel Hintergrundwissen, aber ohne emotionale Überzeugungskraft –, dass sie selber, für die Vietnam noch persönliche Geschichte ist, die Fahne bloss als Zeichen von Chauvinismus, Repression, Krieg und Rache sehen kann.

Meine eigenen Teenage-Töchter fühlen sich nicht wohl im Fahnenmeer und haben, im Kleinstaat Schweiz aufgewachsen, kein Verständnis für das Machtgehabe der Superpower. Als «aliens», als Zugezogene, haben sie mit ihrer Kritik bei den Gleichaltrigen aber kaum eine Chance; bei der Mehrheit gelten sie von vornherein als unamerikanisch.

«Es gibt zurzeit keine symbolische Darstellung dessen, was die Welt wirklich braucht – Gleichheit und Gerechtigkeit und Humanität und Solidarität und Intelligenz», schreibt Pollit. Die rote Fahne sei geschichtlich überholt, das Friedenszeichen zu sehr ein retrospektives Modeaccessoire. Kreuz, Halbmond und Davidstern weltweit Zeichen von nationalistischem und sektiererischem Hass. Letzte Woche habe ich, sonst ganz und gar keine Fahnenschwingerin, ernsthaft überlegt, für unser Auto und Haus eine Gegenpropaganda anzufertigen: eine blaue Weltkugel in der Mitte der weissen Stoffbahn, dazu rot der ebenfalls generationenübergreifende Schriftzug «Imagine all the People.»

Wenn Gross und Klein nur schon den Kopf aus ihrem Sternenbanner-Panzer streckten, dann könnten sie sich zumindest ein Bild davon machen, dass es da draussen auch andere Leute und andere Völker gibt, dass noch andere Kinder mit schlechten Träumen leben müssen.

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