06.12.2001

Vom Umgang mit dem schwarzen Schaf

Das kommt in den besten Familien vor: Gerät ein Kind in schlechte Gesellschaft und nimmt, sagen wir, Drogen, weiss die Verwandtschaft kaum damit umzugehen. Was aber, wenn das arme Kind aus einer staatstragenden Familie stammt und zum Weltterroristen Nummer eins wird?

Von Werner Scheurer

Bis zu seinem 17. Altersjahr verbrachte Usama Bin Laden jedes Jahr mindestens einen Monat seiner langen Sommerferien mit seiner syrischen Mutter Alia Ghanem in deren Heimat. Die beiden bewohnten einen Stock des Familiensitzes in Latakia, Cousins und Cousinen mit ihren Eltern den andern. Zusammen ging die Kinderschar an den Strand, jagte, ritt, campierte und wanderte durch die Orangenhaine des nahen Dorfes Dschabaryun, aus dem die Familie Ghanem stammt. Wenigstens in diesen Ferien war Usama mit andern Kindern zusammen – sonst wuchs er als Einzelkind auf, war er doch der einzige Spross aus der Verbindung seines Vaters Mohammed Bin Oud Bin Laden mit Alia Ghanem. Sie war eine von seinen im Laufe der Zeit insgesamt elf Ehefrauen – nach islamischen Vorschriften nie mehr als vier gleichzeitig –, die je mit ihren Kindern in einem eigenen Haushalt lebten.

Mit 18 Jahren heiratete Usama seine syrische Cousine Nadschwa, seine erste Frau, mit der er elf Kinder zeugte. Vorher nie verschleiert, trug Nadschwa in Saudi-Arabien sofort den dort üblichen Schleier. Sie versuchte auch, ihre Schwestern davon zu überzeugen, sich zu verschleiern. Vergeblich: Usamas Cousinen sind unverschleiert und ergreifen im Gespräch mit einer «al-Ahram»-Journalistin aus Kairo das Wort so oft wie die Cousins – nichts im Haus der Ghanems zeugt von besonderer Religiosität. Sie erinnern sich gut an die alten Zeiten: «Usama liebte die Natur sehr, und die war hier so anders als in Saudi-Arabien, all das Grün anstatt Hitze und Wüste.» Cousin Suleiman Ghanem, ein wenig älter als Usama, fügt hinzu: «Usama war viel ruhiger als die andern. Er sagte immer, er wolle schnell erwachsen werden, um das Geschäft seines Vaters zu übernehmen.»

Kein schlechtes Bild von Usama

Wie hat Tante Alia auf die zunehmende Religiosität ihres Sohnes reagiert? Die Antwort bleibt sachlich distanziert: «Als Mutter war sie zu Beginn sehr betroffen. Als sie jedoch sah, dass dies seine Überzeugung war, von der er nicht ablassen würde, sagte sie: ‘Gott segne und schütze ihn.’» Und Suleiman fügt bei: «Ich glaube, seine Mutter nimmt an, wenn Usama jetzt sterbe, komme er in den Himmel. Er hat einen Weg gewählt, und das ist sein Glauben.» Usama habe seine in Saudi-Arabien lebende Mutter nie mehr angerufen, seit er in Afghanistan lebe. Nadschah, die mit einem der Cousins verheiratete weitere Cousine, erzählt, wie Usamas Mutter versuchte, ihren Sohn zu stoppen und ihn zur Rückkehr nach Saudi-Arabien zu bewegen. Suleiman unterbricht sie: «Pass auf, du gibst ein schlechtes Bild von unserem Cousin.» Für ihn ist Usama kein Terrorist. Es gebe dafür keine Beweise, und die Vorwürfe seien Vorwand, um «den Ruf von Arabern und Muslimen zu zerstören».

So spricht Usamas syrische Familie Ghanem über das schwarze Schaf und nimmt es gar bis zu einem gewissen Grad in Schutz. Die weitläufige Sippe der saudischen Binladen (viele von ihnen bevorzugen diese Schreibweise) hat mehr Mühe mit ihrem Problemkind. Noch vor wenigen Wochen hatte Yislam Binladen, der in Genf ansässige Halbbruder von Usama, die Absicht, in der Nachrichtenshow von Dan Rather im US-Fernsehsender CBS eine distanzierende Erklärung abzugeben. Ein älterer Bruder hat ihm offenbar davon abgeraten, der Auftritt wurde «verschoben». Binladens tun sich schwer mit einer Stellungnahme. Auf die Aufforderung von US-Präsident George W. Bush, die Welt solle sich entweder auf die Seite der Vereinigten Staaten oder auf die Seite von Usama Bin Laden stellen, müssten einige Familienmitglieder mit einem klaren «Beides!» antworten.

Der Clan ist zu gross – alle Angehörige von Usamas 52 Halbgeschwistern mitgerechnet, zählt er wohl 600 Personen – und nicht nur geografisch weit in der Welt verstreut: Wafah, eine 26-jährige Nichte von Usama, Tochter von Halbbruder Yislam, befand sich zum Zeitpunkt der Attentate auf das World Trade Center in den Ferien in der Schweiz. «Ich dachte nur an meine Freunde, die dort arbeiten, und war verzweifelt, weil ich sie nicht erreichen konnte», erzählt sie, die zehn Häuserblocks von den Twin Towers entfernt in einer gemieteten Loft wohnt. Seit der Verdacht auf ihren Onkel fiel, fürchtet sie: «Ich werde nie mehr in die Staaten zurückkehren können.» Obwohl Wafah die Schulen in der Schweiz besuchte und ihre Muttersprache Französisch ist, ist sie ein All-American-Girl: Dort wurde sie geboren und dort hat sie eben die Ausbildung in einer Anwaltsfirma beendet. Ein Kollege beschreibt sie als «gewissenhaft, ernst und ziemlich ehrgeizig». Selber plappert sie mit der Reporterin des Magazins «New Yorker» wie ein modernes US-Mädchen: «Ich liebe amerikanische Filme, amerikanische Musik wie Destiny’s Child und Mariah Carey. Ich bewundere Madonna und auch Michael und Janet Jackson. Ich mag moderne Männer.»

Ihr Onkel Abdallah, ein deutlich jüngerer Halbbruder von Usama, erfuhr vom Anschlag an seinem Wohnort Cambridge, Massachusetts. Am Tag des Twin-Tower-Attentats befanden sich rund zwei Dutzend Angehörige der Familie Binladen in den Vereinigten Staaten. Die Familienmitglieder wurden auf Betreiben der Botschaft Saudi-Arabiens von einem Privatjet aus Los Angeles, Orlando, Washington und schliesslich Boston abgeholt und, sobald Überseeflüge wieder erlaubt waren, nach Europa geflogen, um möglichen amerikanischen Vergeltungsmassnahmen zu entgehen. Abdallah blieb als Einziger in den Vereinigten Staaten. Er hat die Harvard Law School abgeschlossen, träumt von einer Stelle in einer Anwaltsfirma in Manhattan und fliegt in seiner Freizeit gerne im Privatflugzeug herum. Er wurde vom FBI über seinen Bruder befragt, konnte aber keine Auskunft geben: Seit Familientreffen im Fastenmonat Ramadan vor mehreren Jahren sah er ihn nicht mehr.

Ein Flugzeugabsturz

Mitte Oktober jedoch hörte Abdallah auf, sich zu rasieren, und bereitete seine Rückkehr nach Saudi-Arabien vor. Er ist in ständiger Verbindung mit Verwandten in Riad und Dschidda in Saudi-Arabien, die er zu einer gemeinsamen öffentlichen Stellungnahme bewegen möchte. Doch das ist nicht einfach: Die Familie hat Loyalitäten zu berücksichtigen, die komplizierter sind, als Abdallah und auch vielen einflussreichen amerikanischen Freunden und Geschäftspartnern der Familie klar ist. Die wichtigste davon ist jene gegenüber der saudischen Königsfamilie. Usamas Vater Mohammed Bin Oud Bin Laden hat, so geht eine der Sagen, schon in den fünfziger Jahren die Gunst von König Saud gewonnen, als er dem an den Rollstuhl gebundenen Monarchen eine Rampe in den zweiten Stock des Palasts baute. Eine andere Legende über den Einwanderer aus dem Hadramaut-Tal im Südjemen preist dessen Ingenieurkunst beim Bau einer kürzeren Strasse mit vielen Haarnadelkurven zum Sommersitz der Königsfamilie in at-Taif.

Dies soll ihm später, unter Sauds Nachfolger König Faisal, den Auftrag eingebracht haben, praktisch alle Strassen im Königreich zu bauen, das in den Sechzigern über erst einen asphaltierten Verkehrsweg verfügte. «Mohammed konnte weder lesen noch schreiben, hatte aber ein Computerhirn, was Zahlen betrifft», sagt Stanley Guess, ein früherer amerikanischer Testpilot, der seinerzeit den Firmengründer im Königreich herumgeflogen hat. Über Mohammeds Religiosität erzählt er dem Magazin «New Yorker»: «Er war ein praktizierender Muslim, sicher aber kein Fanatiker.» Er starb im Jahr 1967 bei einem Flugzeugabsturz in den USA.

Der lukrativste Auftrag für die Saudi Binladen Group (SBG) dürfte jener aus dem Jahre 1973 sein, die Renovation und Erweiterung der heiligen Stätten von Mekka und Medina als Generalunternehmer zu übernehmen. Dieses Riesenprojekt hat bisher laut Schätzungen 17 Milliarden Dollar verschlungen; ein Ende der Arbeiten ist nicht in Sicht. Auch von der US-Armee in Saudi-Arabien erhielt die SBG Aufträge: Nach den Terroranschlägen auf US-Einrichtungen im Jahr 1996 half sie nicht nur die beschädigten Chobar-Towers in Dhahran flicken, sondern baute auch die neuen Armeebasen draussen in der Wüste. Ironie des Schicksals: In das Attentat mit einem sprengstoffbeladenen Lastwagen in Dhahran, bei dem 19 Amerikaner ums Leben kamen, soll Usamas Terrororganisation verwickelt gewesen sein.

Noch ein Flugzeugabsturz

Die Führung des Familienimperiums übernahm nach Mohammeds Tod dessen ältester Sohn Salem, der von den Laden-Biografen als westlich geprägt beschrieben wird. Er besuchte das englische Internat Millfield, war mit einer britischen Kunststudentin verheiratet und fühlte sich «in London und Paris genauso zuhause wie in Dschidda». Er spielte nicht nur Rockgitarre und tanzte auf seinen US-Geschäftsreisen in den Siebzigern nächtelang in Diskotheken rum, sondern neigte auch politisch dem Westen zu. Französische Geheimdienstquellen bringen ihn in Verbindung mit der Contra-Affäre zur Zeit der Reagan-Administration. Die finanzielle Unterstützung der Contras über Saudi-Arabien sei von Salem Bin Laden organisiert worden. Salem war sicherlich eine wichtige Kontaktperson für US-Diplomaten wie für Geschäftsleute, gehörte er doch zum engsten Freundeskreis des saudischen Königshauses. Er starb 1988 in Texas, als er mit einem Prototyp eines ultraleichten Flugzeuges in eine Hochspannungsleitung geriet.

Sein Nachfolger wurde Bakr, der nächstältere und klar konservativere Sohn von Mohammed. Dies hinderte das Unternehmen nicht daran, auch im Westen weiterzuwachsen – es beschäftigt derzeit weltweit 32000 Personen in 30 Ländern – und gute Beziehungen auch zum britischen und amerikanischen Polit-Establishment zu knüpfen. Noch bis vor kurzem hatte die Firma einen 2-Millionen-Dollar-Anteil an der Carlyle-Group, die vor allem Rüstungsinteressen vertritt. In deren Vorstand tauchen so berühmte Namen wie George H. W. Bush (ehemaliger US-Präsident), James Baker (ehemaliger US-Aussenminister) und John Major (ehemaliger britischer Premier) auf, ihr Vorsitzender ist Frank Carlucci, ehemaliger US-Verteidigungsminister und Studienzeit-Spezi von Donald Rumsfeld, dem jetzigen.

Binladens haben ihre Investition – plus eine halbe Million Dollar – inzwischen aus dem Unternehmen zurückgezogen, behielten aber immer noch etliche Kapitalbeteiligungen an US-Firmen. Ein US-Diplomat drückte sich gegenüber dem «New Yorker» so aus: «Die berühmten ‘global investors’ – genau das sind die Binladens: Ihnen gehören Anteile an Microsoft, Boeing und wer weiss was noch.» Der Vorsitzende von General Electric, Jack Welch, lässt über seinen Sprecher ausrichten, dass die Binladens in den neunziger Jahren für ihn in Saudi-Arabien eine Party geschmissen hätten und er sie als «gute Geschäftspartner» betrachtet.

Dschihad anstatt Business

Auf der Strecke blieb das schwarze Schaf Usama: Er verfügt über einen Abschluss in Wirtschaft und Bauingenieurwesen und hätte gerne im Familienimperium eine wichtige Rolle gespielt. Warum es nicht so weit kam, wird aus den verschiedenen Biografien nicht klarer: Ungenügender Geschäftssinn, sagen die einen, oder weil er mit Übernahmeversuchen die älteren Brüder auszutricksen versuchte. Die sowjetische Invasion in Afghanistan gab ihm jedenfalls eine neue Richtung und ein neues Ziel: Auf Rat der saudischen Königsfamilie (siehe WoZ Nr. 40/01) engagierte er sich im Kampf der von den USA schwer unterstützten Mudschaheddin und kam 1989 als Held nach Saudi-Arabien zurück. Die Enttäuschung folgte im Jahr darauf, als US-Truppen im Land der heiligsten Stätten des Islam stationiert wurden. Usama dagegen versuchte die saudische Regierung davon zu überzeugen, ihn eine rein arabische Armee zur Befreiung des besetzten Kuweit organisieren zu lassen.

Von da an wandte sich Usama gegen die Königsfamilie und das saudische Establishment, die ihm beide zu wenig islamisch sind. Das Problem nicht nur von Usama dabei ist, dass seine Familie das saudische Establishment ist. Daher befinden sich sowohl die Binladens wie auch das saudische Königshaus auf einer Gratwanderung. Zwar hatte die Familie schon 1994 eine Erklärung unterschrieben, in der Usama verstossen und enterbt wird, doch eine klare, öffentliche Verurteilung erfolgte seit dem 11. September allein vom Genfer Yislam. Saudi-Arabien hat Usama ebenfalls 1994 die Staatsbürgerschaft aberkannt (worauf sich Usama zuerst im Sudan und 1996 in Afghanistan im Exil niederliess), versuchte ihn aber weiter in persönlichen Kontakten zu beeinflussen.

Arabische Quellen wie auch US-amerikanische Geheimdienstkreise bestehen trotz saudischen Dementis darauf, dass Prinz Turki al-Faisal, damals Geheimdienstchef Saudi-Arabiens und seit je Usamas Schutzherr im Schoss des Königshauses, sowohl 1998 als auch im vergangenen Frühjahr seinen Protegé in Afghanistan besuchte. Zum einen wollte er dabei etwas über Usamas Haltung gegenüber der saudischen Königsfamilie herausfinden, doch habe es auch Verhandlungsangebote gegeben: Usamas Anhänger in Saudi-Arabien würden nicht verfolgt, wenn er seine Ziele ausserhalb des Königreichs suche.

Es seien ihm sogar «mehrere zehn Millionen Dollar» angeboten worden, wenn er seine mörderische Rebellion aufgebe. Ganz offensichtlich liess Usama sich nicht umstimmen. Ob auch seine Mutter bei den Besuchen dabei war, ist umstritten. Usama habe eine sehr nahe Beziehung zu seiner Mutter, doch sprächen sie zusammen über Gesundheit und Familie, nicht aber über Politik, sagt Saad al-Fagih, ein saudischer Oppositioneller im Londoner Exil. Er behauptet auch, dass Usamas ältester Sohn Abdallah Usama Bin Laden Saudi-Arabien nicht verlassen dürfe, was von den Saudis jedoch dementiert wird. Abdallah arbeitet in der Familienfirma und sagte kürzlich in einem Interview, sein Vater, den er seit sechs Jahren nicht mehr gesehen habe, sei von Natur aus eine stille und ruhige Person.

Ein ehemaliger CIA-Antiterrorismus-Chef, der nach eigenen Angaben die Familie seit langem von nahe verfolgt (trau, schau wem: wahrscheinlich seit den achtziger Jahren, als Usama im Afghanistan-Konflikt noch Liebkind der USA war), sagt es so: «Es ist einfach zu sagen: ‘Wir verstossen ihn.’ Viele in der Familie haben dies wirklich getan. Doch Blut ist meist dicker als Wasser.»

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