Unbeirrbar unter Männern
Mit achtzehn sollte Lydia verheiratet werden. Doch da ihr kein Mann gefiel, gab ihr Vater, der Eisenbahnunternehmer und Kreditanstaltgründer Alfred Escher, das Ansinnen auf. Erst als er starb, heiratete sie «mit wenig Begeisterung» den Bundesratssohn Emil Welti. Verlieben sollte sie sich erst später: in den Schulfreund ihres Mannes, den «genialischen» Porträtmaler Karl Stauffer.
Wie lebte und liebte es sich als Tochter und Ehefrau einflussreicher Männer in der Schweiz des späten 19. Jahrhunderts? Die Geschichte von Lydia Welti-Escher (1858–1891) gibt darüber eindrücklich Aufschluss. Ihre detailreiche Überlieferung aus eigener Perspektive verdankt sich einem unfreiwilligen Klinikaufenthalt: Während einer Italienreise 1889 wurde die 31-Jährige von der Familie ihres Mannes in die «Irrenanstalt von Rom» eingeliefert, weil ihre Liaison mit Stauffer das Ansehen der Familie zu beschädigen drohte. Man unterstellte Lydia «Wahnvorstellungen», die ihr Liebhaber auszunutzen wisse. Die psychiatrische Begutachtung wurde ausführlich protokolliert: In sechs Sitzungen berichtete die «Patientin» in bemerkenswert literarischen Schilderungen von ihrem Leben, um ihre geistige Gesundheit zu beweisen.
Regisseur Stefan Jung verdichtet dieses einzigartige Dokument in «Lydia. Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus» zu einer Art historischen Trance. Zur angenehmen Vorlesestimme von Judith Hofmann streift eine lethargische Lydia (Anja Andersen) schweigend durch heruntergekommene, verlassene Anwesen und Kliniken aus dem vorletzten Jahrhundert. Was der Film von seiner Protagonistin und ihrer Lovestory hält, bleibt dabei irritierend offen, trotz eingestreuter Interviews mit Expert:innen. War die begabte Patriziertochter eine aristokratische Frauenrechtlerin oder bloss auf ein möglichst aufregendes, prestigeträchtiges Leben aus? Es ist wie im Geschichtsseminar: Der Film präsentiert die Quelle, Deutung und Kritik darf man selbst übernehmen.
«Lydia. Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus». Regie: Stefan Jung. In: Solothurn, Kino Canva, Sa, 24. Januar 2026, 9.30 Uhr, und Kino Palace, Di, 27. Januar 2026, 12.15 Uhr. Ab 5. Februar 2026 im Kino.