Einfach kompliziert

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Filmstil aus «Solidarity»: ein Vater mit Kind vor einem Zelt

Dass man sich für Menschen in Not einsetzt, sollte selbstverständlich sein. War es nicht genau das, was die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2015 meinte mit ihrem bündigen – und heute für Rassist:innen aller Art so ominösen – «Wir schaffen das»? Für reiche Staaten ist es doch einfach, andere provisorisch mit dem Notwendigsten zu versorgen, oder? Der Schweizer Regisseur David Bernet hat den Mut, die Sache kompliziert anzugehen. In seinem dokumentarischen Essay ­«Solidarity» weist er nicht nur auf die prekäre Lage von Geflüchteten etwa im Libanon hin, sondern er wagt es auch, die vermeintliche Einfachheit der Hilfsbereitschaft zu hinterfragen – ohne in die antiliberale Falle zu tappen und die Anstrengungen als müssig zu desavouieren.

Solidarität nämlich ist voraussetzungsreicher, als der erste Impuls es gerne hätte. Bernet holt unter anderem Uno-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi oder die stellvertretende Uno-Hochkommissarin Gillian Triggs vor die Kamera. Sie erzählen von der Geschichte ihres Amtes und weisen auf die besonderen Herausforderungen der Gegenwart hin. Solidarisch sein und Opfer bringen könne man nur, wenn eine Verbindung zu den Menschen bestehe, die Hilfe bräuchten, stellt der libanesische Moralphilosoph Bashshar Haydar im Film fest.

Was zuerst abstrakt und harmlos klingt, kann Sprengkraft entfalten, wie das Beispiel Polen zeigt. Dort setzt sich die Menschenrechtsaktivistin Marta Siciarek aufopferungsvoll für die Geflüchteten ein, die an der Grenze zu Belarus auf unmenschliche Weise zurückgedrängt werden. Den Betroffenen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak schlägt hier die Abwehr einer ganzen Gesellschaft entgegen. Aber die Menschen aus der Ukraine, die nach Russlands Überfall 2022 auch Schutz suchen, erfahren in Polen dann genau die Hilfsbereitschaft, die denen aus dem Nahen Osten verweigert wird. Noch explosiver ist das Beispiel Israel und Gazakrieg, auf das Bernet zum Schluss hinweist. Ein wichtiger Denkanstoss, auch wenn die Kürze hier manche verärgern wird.

«Solidarity». Regie: David Bernet. In: Solothurn, Reithalle, Do, 22. Januar 2026, 17 Uhr, und Konzertsaal, So, 25, Januar 2026, 19.45 Uhr. Ab 19. März 2026 im Kino.