17.06.2004

Zwischen Subkultur und Weltwirtschaft

KleinunternehmerInnen aus Kultur, Mode und Gastronomie wirken als Motor von Stadtentwicklungsprozessen. Statistiken belegen ihre zunehmende Bedeutung als Wirtschaftsfaktor, obwohl sie selber kaum davon profitieren.

Von Philipp Klaus

Puls 5 heisst das «spannendste Projekt in Zürich West» - so mindestens lautet die Eigenwerbung. Puls 5 wurde in und um die ehemalige Sulzer-Giessereihalle aufgezogen. Die Halle mit ihren erst teilweise eröffneten Läden und Cafés erinnert an den Berliner Ostbahnhof oder an London Heathrow. In den oberen Geschossen werden ein Migros-Fitnesspark und rund hundert Luxuswohnungen eingerichtet. Ist das jetzt Zürich West, der trendige, der besondere, der pulsierende Stadtteil von Zürich? Wohl eher nicht. Die einstige Giessereihalle, von der von ausserhalb des Geländes nichts mehr zu sehen ist, vermag nichts vom viel beschworenen kulturellen Aufbruch dieses neuen Stadtteils zu vermitteln. Hier waren Investoren am Werk, die «Coolness» kalkulierten.

Trendige Quartiere

Ganz anders sieht es beispielsweise im Geviert zwischen Anker- und Zweierstrasse im Kreis 4 aus. Ein spezieller Laden neben dem anderen: Saus&Braus, das Kaufhaus des Designs, der Kleiderladen Sormustin, Buch & Wein und andere mehr. Diese Läden werden in den verschiedensten Stadtführern und auf der Tourismus-Website von Zürich aufgeführt, doch die Liegenschaften der Genossenschaft Dreieck sind ein Produkt des widerständischen Zürich. Eigentlich hätten die Gebäude in den achtziger Jahren einem Neubau weichen müssen.

Ähnlich anregend gestaltet sich ein Spaziergang durch die Josefstrasse im oberen Kreis 5: Neben den poppigen Schaufensterauslagen der Labels Erfolg, Lilly Tulipan und Beige findet sich die Buchhandlung sec52, die Paninoteca Pentagramma, ein Kebabstand sowie das zu jeder Tages- und Nachtzeit von KunstischülerInnen, GrafikerInnen und dergleichen kreativen Leuten mehr frequentierte Café Gloria. Im ehemaligen Industrie- und Arbeiterquartier haben sich in den letzten zehn Jahren zahlreiche spannende Geschäfte, Ateliers, Werkstätten, Büros, Galerien, Bars und Restaurants angesiedelt. Neben den trendigen Bars und Shops gibt es in Zürich inzwischen dutzende von Liegenschaften, in denen sich «KreativarbeiterInnen» eingenistet haben, um eine etwas andere Wirtschaft voranzutreiben, Kunst in die Alltags- und Lebenspraxis zu übersetzen und dieser Stadt etwas Weltläufigkeit einzuhauchen. Sie alle bauen mit an einer attraktiven, lebenswerten Stadt.

Kultur als Wirtschaftsfaktor

Was steht hinter diesen Entwicklungen? In vielen Städten ist der Kultursektor nach dem Niedergang der Industrie zum neuen Hoffnungsträger für die regionale Wirtschaft geworden und erfährt entsprechende Aufmerksamkeit und teilweise Förderung. Nicht so in der Schweiz. Der Kultursektor macht in der Schweiz lediglich einen Anteil von 1,3 Prozent an der Gesamtbeschäftigung aus. In der EU liegen nur Österreich, Portugal und Italien unter diesem Prozentsatz, während Dänemark als Spitzenreiter das Doppelte ausweist und die EU im Durchschnitt 1,7 Prozent. In den vergangenen Jahren haben die Jobs in der Kulturwirtschaft, aber auch in der Schweiz stark zugenommen. Laut dem Bericht «Kulturwirtschaft Schweiz» betragen die jährlichen Zuwachsraten im Zeitraum von 1995 bis 1999 rund 4,5 Prozent. Da in diesem Bericht nur Unternehmen mit 50000 und mehr Euro Jahresumsatz erfasst sind, liegen die Zahlen eigentlich viel zu tief. Denn gerade der Kultursektor ist geprägt von vielen kleinen und kleinsten Unternehmen. Eigene Auswertungen der Betriebszählungen ergeben für die Schweiz fast die doppelte Zahl, also etwa 150000 Beschäftigte. Und noch viel höher als im schweizerischen Durchschnitt liegen die Zahlen für die Stadt Zürich: Rund acht Prozent aller Beschäftigten oder rund 25000 Personen sind im Kultursektor tätig. Dieser umfasst verschiedenste Tätigkeiten – von den KünstlerInnen, DesignerInnen, ModeschöpferInnen, AgentInnen, Kameraleuten, EventveranstalterInnen bis hin zu den Angestellten in CD-Fabriken, Druckereien und Museen.

Ein Kennzeichen des Kultursektors sind seine vielen Kleinstunternehmen. Von den rund 25000 im Kultursektor Beschäftigten sind fast 40 Prozent in Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten tätig und 17 Prozent in Ein- oder Zweipersonenunternehmen. Die Zunahme der Arbeitsplätze im Kultursektor konzentriert sich auf bestimmte Stadtteile. Die eingangs erwähnten sichtbaren Veränderungen in den traditionellen Zürcher Arbeitervierteln lassen sich auch statistisch nachzeichnen. Von 1995 bis 2001 haben die Unternehmen des Kultursektors in den Zürcher Stadtkreisen 1, 3, 4 und 5 zwischen 20 und 40 Prozent zugenommen, während ihre Zahl im Seefeld und in Hottingen, wo traditionell viele freiberuflich Tätige in Grafik, Werbung und Architektur arbeiten, konstant blieb. Die Beschäftigten in Kleinstunternehmen haben in derselben Periode nur in den Kreisen 3 (+25 Prozent), 4 (+20 Prozent) und 5 (+50 Prozent) zugenommen, in allen anderen Stadtteilen aber abgenommen.

Diese Konzentration in den ehemaligen Arbeitervierteln hat vor allem mit den vergleichsweise günstigen Mieten, mit der Zentralität und mit dem Image zu tun. In den neunziger Jahren war die grosse Spekulationswelle vorbei, und die Drogenszene wirkte auf Durchschnittsunternehmen abschreckend. Zunehmende Anteile von MigrantInnen, die ebenfalls unternehmerisch Reisebüros, Gastrobetriebe und Coiffeurläden eröffneten, bilden heute einen attraktiven Rahmen für künstlerische Unternehmungen. Ausserdem boten bereits Ende der achtziger Jahre die stillgelegten Industrieareale des äusseren Kreises 5 ideale Voraussetzungen für Ateliers, Büros und Werkstätten. Günstige Mieten sind eine zentrale Voraussetzung für den Start eines kreativen Kleinstunternehmens.

Die jungen KünstlerInnen und KulturdienstleisterInnen bezahlen für ihre «Selbstverwirklichung» einen hohen Preis. Die Löhne respektive die Rendite sind in der Regel minimal. Selbst jene, die es zu internationaler Bekanntheit schaffen, haben noch Mühe, mit ihrer Tätigkeit den Lebensunterhalt zu finanzieren. Einkommen zwischen 2000 und 4000 Franken sind üblich.

Die kreativen Kleinstunternehmen stehen mit ihren Aktivitäten und Produktionen am Angelpunkt zwischen Subkultur und Weltwirtschaft. Sie produzieren die Zeichen und Codes für die Trendprodukte aus Design, Medien, Mode und Werbung. Die Zeichen drücken «Coolness» und Zugehörigkeiten zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen aus. Käufermärkte werden über Zeichen gezielt angesprochen. In der Produktion von Images haben zunehmend subkulturelle Zeichen Eingang gefunden. Die Werbung für irgendwelche Unternehmen genauso wie die Kulturindustrie arbeiten gezielt mit diesen Zeichen: Mittelklassejugendliche lassen ihre Hosen an den Knien rumschlabbern und die Unterhosen oben rausgucken: Bronx ist cool. Im Rahmen der Zeichenvermittlung wurden die Werbeausgaben der transnationalen Unternehmen in den neunziger Jahren vervielfacht, Brands und Labels gepusht, um sich im zunehmend härteren Wettbewerb zwischen den Unternehmen zu behaupten.

Imageproduktion

Genau gleich machen es die Städte, da sie im Zuge der Liberalisierung der Märkte nicht mehr vor allem national ausgerichtet sind, sondern in der weltweiten Konkurrenz stehen. Damit ist die Imageproduktion zur Sache der Bürgermeister geworden: Museen, Brücken und Fussballstadien, von Stararchitekten entworfen, sollen Aufmerksamkeit erregen, Investitionen anlocken und das Wachstum ankurbeln. Die Imageproduktion der Städte wird durch Standortmarketing gezielt unterstützt und von Festivals aller Art ergänzt. Die Funktion von Museen und Kulturmeilen ist es nunmehr, TouristInnen anzuziehen und Quartiere, welche vormals von einkommensschwacher Bevölkerung bewohnt war, aufzuwerten. Ein aktuelles Beispiel ist das Zürcher Stadion Hardturm. Von erfolgreichen Zürcher Architekten konzipiert, soll es an der Europameisterschaft 2008 der ganzen Welt zeigen, dass Zürich so gut ist wie München oder Paris. Nur – die Stadt allein kann sich kein Stadion leisten, denn die nötigen Mittel werden ihr im neoliberalen Projekt schon lange nicht mehr zugestanden. So kommt es mit der Credit Suisse zu einer Public-Private-Partnership. Die Finanzierung und vor allem die Rentabilität sollen über ein Einkaufszentrum sichergestellt werden. Die Stadtregierung macht in diesem Spiel mit, denn sie ist abhängig von der Symbolkraft und Ausstrahlung solcher Prestigeobjekte. Am grössten aber ist die Abhängigkeit von den Investoren, den heutigen und den zukünftigen, die die Qualitäten einer Stadt an diesen Symbolen messen.

Die zunehmende Imageproduktion von Unternehmen und Regierungen erhöht die Nachfrage nach Kulturprodukten und unterstützt das Wachstum der Kulturindustrie. Die geliebten «coolen» Läden, Produktionsstätten und Ateliers bringen attraktive Stadträume, interessante und anregende Orte, hervor, die dazu beitragen, das Image der Städte zu verbessern. «Coole Neighbourhoods» sind heute ein wichtiger Standortfaktor. Die Verheissung von Subkultur, exklusiv designte Bars und Clubs, locken junge qualifizierte Arbeitskräfte und TouristInnen an. Das Design dieser Locations wird häufig von Leuten mit subkulturellen Wurzeln kreiert. JournalistInnen, WerberInnen, ArchitektInnen leben und arbeiten in Quartieren wie dem Kreis 5 und verleihen ihm damit den Touch von Urbanität. So schliesst sich der Kreislauf: Die Unternehmen profitieren von den neuen Kreativen in den «coolen» Quartieren, die Credit Suisse lässt sich bei ihnen ihre Geschäftsberichte «hypen», Siemens ihre Handys stylen und die Elektrizitätswerke ihre Events organisieren. Denn das coole Design kommt bei den KonsumentInnen an. Ihrer ambivalenten Rolle als ZudienerInnen im neoliberalen Wirtschaftskreislauf bewusst, haben sich viele dieser Kleinunternehmungen inzwischen als Genossenschaften organisiert – zu ihrem eigenen Vorteil und weil dies vielleicht den Vorstellungen einer Subkultur als Gegenprojekt zum Mainstream besser entspricht. Diese Organisationsform trägt auch dazu bei, sich vor den unberechenbaren Entwicklungen der Immobilienwirtschaft zu schützen und dem Verdrängungsprozess, der Gentrifizierung, zu widerstehen.

Zahlen ohne Quellenangabe sind eigene Auswertungen der Betriebszählungen des Bundesamtes für Statistik von Statistik Stadt Zürich durch den Autor oder Ergebnisse aus Interviews mit KleinstunternehmerInnen.

Literatur:
Naomi Klein. «No Logo! Der Kampf der Global Players um Marktmacht. Ein Spiel mit vielen Verlierern». Riemann-Verlag. München 2001.

Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich: «Kultur.Wirtschaft.Schweiz. Das Umsatz- und Beschäftigungspotenzial des kulturellen Sektors». Zürich 2003.

Philipp Klaus. «Creative and Innovative Microenterprises between World Market and Subculture». In: INURA (eds.): The Contested Metropolis. Six Cities at the Beginning of the 21st Century. Birkhäuser. Basel, Boston, Berlin 2004.

Philipp Klaus ist Partner im INURA Zürich, Institut für Stadtforschung, und schreibt eine Dissertation zum Thema kreative innovative Kleinstunternehmen und Stadtentwicklung am Geographischen Institut der Universität Zürich.

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