Serie: Vorspiel auf dem Eis
Eine freizügig erzählte Liebschaft zweier Hockeyspieler ist gerade der Publikumsliebling unter den TV-Serien. «Heated Rivalry» glänzt vor allem mit den Mitteln der Erotik.
«Hallo Mütter, hallo Töchter»: Hudson Williams setzt seinen verschmitzten Blick auf, während er das sagt. Der 24-jährige Schauspieler, den vor kurzem noch niemand kannte, steht zusammen mit Connor Storrie, 25-jährig und der andere Hauptdarsteller der gehypten TV-Serie «Heated Rivalry», für eine Ansage bei den Golden Globes auf der Bühne. Ob wohl alle hier im Saal die Serie über die Romanze zweier Eishockeyspieler gesehen haben? Storrie mutmasst, an Williams gewandt: «Wer sie sicher gesehen hat, sind ihre Fitnesstrainer, ihre Mütter, ihre Töchter.»
Für diejenigen, die beim Hype nicht dabei waren: Seit «Heated Rivalry» Ende November in Kanada und den USA angelaufen und sofort auf helle Begeisterung gestossen ist, wird eine Frage auf allen Kanälen besonders intensiv diskutiert: Wieso kommt die Serie mit den intimen Szenen zwischen zwei Männern nicht nur in queeren Kreisen, sondern offenbar vor allem bei heterosexuellen Frauen sehr gut an?
Lockenkopf und Hundeblick
«Heated Rivalry» erzählt von der Begegnung zwischen Shane Hollander (Williams) und Ilya Rozanov (Storrie), zwei aufstrebenden Stars der nordamerikanischen Eishockeyliga. Hollander spielt für Montreal, Rozanov für Boston, ihre Rivalität auf dem Eis ist das grosse Thema der Liga. Im Geheimen beginnen sie eine sexuelle Beziehung, die sich im Verlauf der sechs Folgen unter nicht immer einfachen Umständen auch emotional entwickelt.
Auffällig sind zunächst die in jeder Folge ausgiebig gezeigten Sexszenen, während sonst vieles konventionell daherkommt. Und die gut aussehenden Hauptdarsteller: Storrie, kantige Stirn- und Nasenknochen, Lockenkopf und geschwungene Lippen, sieht Michelangelos David frappant ähnlich; Williams, klar definierter Kiefer, ansonsten aber weiche Gesichtszüge und freundlicher Blick, ist eher der Typ «pretty boy».
Es gibt aber auch ambitioniertere Antworten auf die Frage nach dem Vergnügen der heterosexuellen Frauen. Der sanfte Umgang unter den Protagonisten verleite offenbar dazu, so stellt «Guardian»-Kolumnistin Zoe Williams fest, Zuschauerinnen die Sehnsucht nach einer Art Safe Space zu unterstellen. So müssten die Frauen bei «Heated Rivalry» angeblich keine allzu aggressive Männlichkeit fürchten und auch keine Eifersucht, weil ja keine andere Frau auf der Leinwand zu sehen sei. Der Rezensent der NZZ hat es geschafft, beide Motive in einen Satz zu packen: «Endlich brauchen Frauen ihr eigenes Sexleben nicht mit dem der Protagonistinnen abzugleichen oder Zeuginnen von sexueller Gewalt zu werden.»
In diesen Texten kommt «Heated Rivalry» auch sonst nicht so gut weg. Und es stimmt natürlich: Die Figurenzeichnung ist dürftig, das Drehbuch wirkt manchmal sprunghaft, die Serie geht politisch nicht in die Tiefe, und die Dekors sind wirklich stillos geraten. Doch erstens handelt es sich um eine kleine kanadische Produktion; diese soll gerade mal zwischen vierzehn und siebzehn Millionen Franken gekostet und der Dreh bloss 37 Tage gedauert haben (HBO Max erfuhr im Vorfeld, was sich da im Nachbarland zusammenbraute, und kaufte die Serie von der kleinen kanadischen Plattform Crave). Und zweitens zielt die Kritik an der zu simplen Form an der Sache vorbei.
Alles für die Romanze
Die Serie basiert auf der Buchreihe «Game Changers» (bereits auch auf Deutsch erhältlich) der kanadischen Autorin Rachel Reid; jeder Band erzählt eine schwule Eishockey-Liebesgeschichte. Die von Regisseur Jacob Tierney nun umgesetzte TV-Serie «Heated Rivalry» basiert auf dem gleichnamigen Band von 2019 und erzählt nebenbei auch die Geschichte aus dem ersten Band von 2018.
Die Bücher bewegen sich im Genre der «romance novel», dem populären Liebesroman. Alles ist letztlich der Romanze untergeordnet, und die Liebe wird am Schluss gewinnen, darauf ist Verlass. Damit trotzdem Spannung aufkommt, muss diese Liebe verschiedene Hindernisse überwinden. Im Vergleich zur TV-Adaption sind die Bücher pornografischer; so wird auch beschrieben, was mit den Geschlechtsteilen angestellt wird. Aber ansonsten folgt die Verfilmung getreu der Vorlage.
Die Liebe steht also im Zentrum, und die zu überwindenden Hindernisse geben der Geschichte ihren Charakter. Bei «Heated Rivalry» ist da einmal die russische Herkunft von Rozanov. An den Olympischen Spielen in Sotschi ist es plötzlich er, sonst der Forsche, manchmal Grobschlächtige der beiden, der auf Distanz geht statt des feineren, bedächtigen Hollander, dem die Angst vor dem Outing drüben in Amerika spürbarer im Nacken sitzt. Und dann dieses Eishockey, ein Sport mit sehr maskulinem Image, in dem in der höchsten nordamerikanischen Spielklasse, der NHL, noch nie ein geouteter Spieler auf dem Eis stand (keine Fiktion).
Doch dass «Heated Rivalry» von Eishockey handelt, wäre zu viel gesagt. Die Sequenzen auf dem Eis sind kurz gehalten und wirken eher atmosphärisch, das Spiel dient vor allem als Setting. Als solches ist es aber eine interessante Wahl: Neben der tabuisierten Homosexualität, die dem Treiben etwas Verbotenes gibt, hat Eishockey auch eine spezifische erotische Qualität. Der Sport ist enorm körperlich, Checken und Drücken sind zentrale Elemente des Spiels; gleichzeitig sind die von Polstern, weiten Shirts und Helmen verhüllten Körper auch Verheissung, es gibt viel auszuziehen. Eishockey hat etwas Brutales, gerade in der nordamerikanischen Prägung, wo härter gespielt und Schlägereien seltener abgepfiffen werden; dem steht aber auch die unverkennbare Eleganz in der Fortbewegung auf dem Eis gegenüber.
Auch der Aufbau sexueller Spannung – sehnsüchtige Blicke, anzügliche Textnachrichten, flüchtige Berührungen, lange Pausen zwischen den Treffen (die meist im Hotel stattfinden, wenn die beiden Teams gegeneinander spielen) – wird hier genüsslich ausgebreitet, darin besteht im Grunde das Vergnügen: Neben den geduldig inszenierten Szenen im Bett gibt es also vor allem sehr viel Vorspiel.
Homophobie nur angedeutet
Über die Vergangenheit oder die ausserromantischen Aktivitäten der Figuren erfahren wir hingegen kaum etwas. Und auch eine queere Gesellschaftskritik sucht man hier vergeblich. Homophobie ist als unausgesprochene Bedrohung zwar ständig präsent; sie ist schliesslich der Grund, wieso sich die beiden nicht getrauen, ihre Liebe ausserhalb von Wohnungen und Hotelzimmern zu leben. Doch das wird in der Serie nicht weiter reflektiert. «Heated Rivalry» ist zwar keine wirklich subversive Kunst, aber auch keine blosse Erweiterung im Sinne der Diversity. Und grundsätzlich kann es doch nicht unbedeutend sein, wenn in diesen Zeiten, wo die offene Gesellschaft überall autoritär beschnitten wird, eine queere Serie durch die Decke geht.
Überhaupt erzählt «Heated Rivalry» oft indirekt; da ist die Serie etwas raffinierter, als die simplen Plots zunächst suggerieren. Als in der dritten Folge die Annäherung zwischen einem weiteren Spieler und dem liebenswerten Barkeeper eines Smoothieladens erzählt wird und die beiden Männer miteinander umgehen, wie es sich ein Beziehungsratgeber wünschen würde, sehen Shane Hollander und Ilya Rozanov kurz alt aus. Auch sie sind zärtlich miteinander und sprechen beim Sex über Konsens, aber Gefühle ausdrücken können sie schlecht (Lieblingssatz von Hollander: «Fuck you, Rozanov!»). Doch nach dem liebevollen Einschub ist da beim Zuschauen diese Sehnsucht, wohin es mit den beiden noch gehen könnte, wie sie noch glücklicher sein könnten. Immer diese Sehnsucht.
«Heated Rivalry». Kanada 2025. Idee und Showrunner: Jacob Tierney. Ab 6. Februar 2026 auf HBO Max.