Gentechnik: Viel in der Pipeline, nichts auf dem Acker
Neue gentechnische Verfahren sollen klar reguliert werden: Das fordert die Lebensmittelschutz-Initiative, die nächste Woche eingereicht wird. Ist das nötig? Und überhaupt noch möglich?
Martin Graf könnte eigentlich den Ruhestand geniessen. Aber der 71-jährige Agronom, der von 2011 bis 2015 für die Grünen im Zürcher Regierungsrat sass, hat anderes zu tun. Er ist an einer Firma beteiligt, die in Tansania den ökologischen Landbau fördert. In der Schweiz engagiert er sich in der gentechkritischen Organisation Gen Au Rheinau. Und er ist Präsident des Vereins, der die Lebensmittelschutz-Initiative lanciert hat. Diese wird am 27. Februar eingereicht und fordert eine klare Regulierung der sogenannten neuen Gentechnik: von Methoden wie der «Genschere».
«In Tansania sehe ich die Folgen der industrialisierten Landwirtschaft», sagt Graf. «Sämtliche regionalen Maissorten sind ausgestorben; überall wächst nur noch Hybridmais von Bayer.» Der deutsche Agrochemiekonzern, der 2018 die berüchtigte US-Firma Monsanto übernommen hat, gehe geschickt vor, sagt Graf: «Zuerst verschenken sie ihr Saatgut. Dann, wenn es fast alle Bauern anbauen, verlangen sie Geld dafür.» Das Maissaatgut ist in diesem Fall zwar nicht gentechnisch verändert, aber Landwirt:innen können Hybridsorten nicht wieder aussäen, weil diese nicht stabil sind – sie müssen das Saatgut jedes Jahr kaufen. «Gentechnik ist wie dieser Hybridmais Teil eines Landwirtschaftsmodells im Interesse der Konzerne, das Vielfalt zerstört», sagt Graf. Die Konzentration auf eine einzige Sorte sei hochriskant: «Wenn sie wegen Wetterextremen ausfällt, stehen die Bauern und Bäuerinnen vor dem Nichts.»
Zu lasch? Zu streng?
Zurück in die Schweiz. Hier gilt seit 2005 ein (mehrmals verlängertes) Moratorium für gentechnisch veränderte Organismen (GVO). Gentechpflanzen dürfen nur zu Forschungszwecken angebaut werden. Doch in der Zwischenzeit lief in der Forschung einiges. Besonders die «Genschere» Crispr/Cas sorgte für Aufsehen. Die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna bekamen dafür 2020 den Nobelpreis für Chemie. Während bei der alten Gentechnik Gene fremder Organismen mit groben Methoden ins Erbgut eingebracht werden, lässt sich mit den neuen Verfahren die DNA präziser verändern, ohne dass Fremdgene zurückbleiben. Doch fachlich ist klar: «Pflanzen aus neuen Züchtungstechnologien sind GVO» – wie es das Bundesamt für Umwelt (Bafu) festhält.
Darum soll es auch für die neue Gentechnik in jedem Fall ein Bewilligungsverfahren mit Risikoprüfung und eine Kennzeichnungspflicht geben: Das ist das Ziel der Lebensmittelschutz-Initiative, für die sich Martin Graf engagiert. Doch die Initiative kommt zu einem schwierigen Zeitpunkt. Denn der Bundesrat möchte die neue Gentechnik in einem Spezialgesetz regeln. Dieses war bereits letztes Jahr in der Vernehmlassung. Auf eine Risikoprüfung soll verzichtet werden, «wenn bereits vergleichbare Pflanzen mit vergleichbaren Veränderungen […] als sicher beurteilt wurden».
Hingegen spricht sich der Bundesrat für eine Kennzeichnungspflicht aus, ausserdem sollen Umweltverbände weiterhin Beschwerde gegen Freisetzungsversuche und das Inverkehrbringen von neuen GVO einlegen können.
«Mit dem geplanten Spezialgesetz ist niemand zufrieden», sagt Graf. «Uns ist es zu wenig streng, anderen zu streng.» Zu den Organisationen, die eine weiter gehende Deregulierung der neuen Gentechnik fordern, gehören der Wirtschaftsverband Scienceindustries, der Schweizer Bauernverband (SBV) und der Verein «Sorten für morgen», dem Migros, Coop, Denner, Fenaco und verschiedene landwirtschaftliche Organisationen angehören (vgl. «Bauern und Bäuerinnen für Gentech?» im Anschluss an diesen Text).
Es sei zu erwarten, dass diese Kreise den Entwurf noch in ihrem Sinn beeinflussten, sagt Graf. «Dann werden wir über ein Referendum nachdenken müssen.» Unklar ist noch, ob das Parlament das Gesetz und die Initiative zusammen beraten wird.
Aber ist der Widerstand gegen die neue Gentechnik überhaupt zu verantworten? Mit ihr sind riesige Erwartungen verbunden. «Durch ihre Anwendung soll die Landwirtschaft nachhaltiger und die Resilienz von Nutzpflanzen gegenüber dem Klimawandel erhöht werden können», schreibt das Bafu. Zu Recht? Die Person, die das in diesem Land vielleicht am besten beurteilen kann, ist Eva Gelinsky. Die Agrarwissenschaftlerin hat sich auf Saatgut und Gentechnik spezialisiert. Gerade hat das Bafu einen Bericht von ihr veröffentlicht, für den sie herauszufinden versucht hat, welche neuen Gentechpflanzen global tatsächlich angebaut werden. Eine schwierige Aufgabe, denn in Ländern mit deregulierter Gentechnik wie Kanada, den USA oder Argentinien wird kaum etwas dokumentiert.
Im Gespräch zieht Gelinsky ein ernüchterndes Fazit: «Viel ist in der Pipeline, aber fast nichts auf dem Acker.» Es gebe zurzeit keine mit neuer Gentechnik hergestellte Nutzpflanze, die für die Schweizer Landwirtschaft interessant wäre. «Es gibt einen Salat, der weniger schnell braun wird, und eine Tomate, die den Blutdruck senken soll – na ja.» Die versprochenen klimafitten Pflanzen seien nicht in Sicht. «Viele Landwirte hoffen auf die krankheitsresistente Superkartoffel, aber das bleibt eine Illusion. Krankheitsresistenzen werden früher oder später immer durchbrochen.» Eine der wenigen mit Crispr/Cas designten Pflanzen auf dem Markt ist ausgerechnet herbizidresistenter Mais, wie es ihn ähnlich auch schon mit alter Gentechnik gibt: ein Beispiel, warum Gentechnik zu mehr, nicht (wie oft versprochen) weniger Pestizidgebrauch führt.
Das Business mit der neuen Gentechnik lebe von grossen Versprechen, sagt Gelinsky. «Aber inzwischen sind viele Investoren ungeduldig geworden. Sie erwarten einen Return on Investment in drei bis fünf Jahren. Das ist in der Pflanzenzüchtung auch mit Gentechnik unmöglich.»
Die EU dereguliert
Trotz dieser mageren Bilanz scheinen die Versprechen zu verfangen. Die EU ist auf dem Weg zu einer grossen Deregulierung (siehe WOZ Nr. 50/25). Weil es für mit neuer Gentechnik entstandene Lebensmittel aus der EU keine Kennzeichnung geben soll, könnten sie in Zukunft über Importe unerkannt in die Schweiz gelangen. Die Folgen sind noch nicht absehbar. Jedenfalls könne der Bund nicht einfach die EU-Regelung übernehmen, wie es die Industrie jetzt fordere, sagt die grüne Zürcher Nationalrätin Marionna Schlatter, Präsidentin der Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG). «Das geht allein schon wegen unserer Verfassung nicht. Die Initiative ist ein guter Anstoss für eine Schweizer Regelung, die sich auf die Entwicklungen in der EU anpassen lässt.»
Eva Gelinsky sagt: «Die Schweiz sollte die Entwicklungen in der EU für eine Grundsatzdebatte nutzen: Welche Landwirtschaft, welche Ernährung wollen wir? Die neue Gentechnik scheitert daran, Probleme zu lösen, die die industrielle Landwirtschaft selbst geschaffen hat.» Martin Graf betont, dass Gentechfreiheit heute Bestandteil vieler Labels sei: «Nicht nur von Bio, auch von IP, Schweizer Käse und vielen AOC-Produkten. Das ist ein Qualitätsmerkmal der Schweizer Landwirtschaft, das wir nicht aufgeben sollten.»
Wenn die Versprechen der neuen Gentechnik weiterhin so weit von der Realität entfernt bleiben, sind die Chancen auf eine gentechfreie Schweiz vorläufig intakt.
Biolandwirtschaft: Bauern und Bäuerinnen für Gentech?
Man sieht es schön in «Mais im Bundeshuus» (2003), Jean-Stéphane Brons Film über die Gentechnikdebatten im Parlament: Der SVP-Bauer Josef Kunz versteht sich mit der grünen Bäuerin Maya Graf viel besser als mit dem FDP-Chemielobbyisten Johannes Randegger. Diese Allianz aus Links-Grün und Bäuerlich-Konservativen prägte das Verhältnis der Schweiz zur Gentechnik lange; dank ihr gab es Mehrheiten für das Gentechnikmoratorium von 2005.
Doch mit den Versprechen der neuen Gentechnik ist diese Allianz zerbrochen. Während Bio Suisse die Lebensmittelschutz-Initiative unterstützt, fordern viele andere landwirtschaftliche Verbände eine Deregulierung nach EU-Vorbild. «Die neuen Züchtungstechnologien müssen als Chance und nicht einseitig als Risiko behandelt werden», schreibt der Schweizer Bauernverband (SBV).
Es gebe in der Landwirtschaft immer wieder ein ähnliches Muster, kommentiert der Emmentaler Biobauer Res Bärtschi (siehe WOZ Nr. 9/25): «Man hat Probleme und hofft, eine neue technische Entwicklung sei die Lösung – ohne genau zu prüfen, was da angeboten wird.» Probleme gibt es heutzutage mit dem Pflanzenschutz: Das Wetter wird unberechenbarer, neue Krankheiten breiten sich aus, und manche Pestizide sind nicht mehr zugelassen. «Viele Kartoffelsorten sind anfällig auf Krautfäule, weil dieses Kriterium bei der Züchtung nicht im Vordergrund stand – man konnte ja spritzen», sagt Bärtschi. «Und jetzt will man das Versäumnis mit Gentechnik aufholen.» Ihn überzeugt das nicht: «Die Probleme in den USA mit unkontrollierter Ausbreitung von Gentechpflanzen und herbizidresistenten Unkräutern sollten uns eine Warnung sein.»
Wenn mehr in die Züchtung von robusten Nutzpflanzen investiert würde, wäre man schon viel weiter, sagt Bärtschi. «Aber das ist aufwendig, der Biosektor kann sich bei den meisten Pflanzen keine eigene Züchtung leisten.» Zum Glück gebe es inzwischen einige robuste Kartoffelsorten. «Natürliche Züchtung geht vielleicht etwas langsamer, dafür hat sie keine unbekannten Nebenwirkungen.»