Ernährungsinitiative: Der nächste Fleischstreit
Dieses Jahr kommt die Ernährungsinitiative an die Urne. Lanciert wurde sie von Franziska Herren, die schon hinter der 2021 abgelehnten Trinkwasserinitiative stand. Warum erhält sie kaum Unterstützung?
Noch ist unklar, wann in diesem Jahr über die Ernährungsinitiative abgestimmt wird: Im September? Im November? Aber für den Schweizer Bauernverband hat der Abstimmungskampf bereits begonnen. Und es wird ein Kulturkampf.
«Mein Essen, meine Wahl» heisst der Slogan, mit dem der Verband die Vorlage bekämpfen will. Nachsatz: «Nein zum Veganzwang!» Illustriert wird das Ganze wahlweise mit Cervelat, Spiegelei oder Fonduegabel. Es geht also um eines der emotionalsten Themenfelder überhaupt: Veganismus. Fleisch. Tierhaltung.
Lanciert wurde die «Initiative für eine sichere Ernährung» vom Verein «Sauberes Wasser für alle» von Franziska Herren, die bereits hinter der Trinkwasserinitiative stand. Diese forderte, dass Bauernhöfe nur noch Direktzahlungen vom Staat erhalten, wenn sie neue, strenge ökologische Anforderungen erfüllen. 2021 scheiterte sie an der Urne mit 60,7 Prozent Nein.
Mehr Kalorien mit weniger Tieren
Die Ernährungsinitiative hat ähnliche Ziele, aber einen anderen Ansatz. Sie möchte die Kalorienproduktion in der Schweiz erhöhen und die Landwirtschaft gleichzeitig ökologischer machen. Der Selbstversorgungsgrad (vgl. «Eine umstrittene Grösse» im Anschluss an diesen Text) soll von heute knapp fünfzig auf siebzig Prozent steigen.
Das klingt nach einem Widerspruch – aber es gäbe tatsächlich einen Hebel, mit dem beides zu erreichen wäre: Die Bevölkerung müsste deutlich weniger tierische und mehr pflanzliche Lebensmittel essen als heute. So könnten viel mehr Menschen ernährt werden, als wenn Pflanzen zuerst von Tieren gefressen werden. Heute ist der Fleischhunger der Schweizer:innen so gross, dass jedes Jahr über eine Million Tonnen Futter importiert wird.
«Die Landwirtschaft muss in Krisen und Mangellagen die Versorgung der Bevölkerung aus eigenem Boden gewährleisten können», sagt Initiantin Franziska Herren. Heute sei die Landwirtschaft nicht darauf vorbereitet. «Unsere Initiative schafft jetzt die nötigen Grundlagen dafür.» Eine hohe Eigenversorgung an Grundnahrungsmitteln sei wichtig, gerade in der heutigen Weltlage. «Auch der Bodenschutz wird nicht eingehalten, obschon dieser gesetzlich vorgeschrieben ist, um unsere Ernährung zu sichern.»
Dasselbe gelte für die «Umweltziele Landwirtschaft»: «Sie sind seit 2008 in Kraft, wurden aber nie eingehalten. Im Gegenteil, die Tierproduktion wird mit Importfutter weiter erhöht und die Höchstwerte für Dünger so überschritten.» Zu viel Gülle und zu hohe Ammoniakemissionen zerstörten die Biodiversität und die Bodenfruchtbarkeit. «Gleichzeitig gefährden Nitrat und Pestizide die Trinkwasserversorgung.» Die Initiative sei eine gute Grundlage, um diese Fehlanreize zu korrigieren, und sorge für eine sichere Ernährung und sauberes Trinkwasser für die Bevölkerung.
Im Dezember hat das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) eine Studie veröffentlicht, die zeigt: Ein Selbstversorgungsgrad von siebzig, ja sogar von hundert Prozent wäre möglich. Nötig wäre dafür eine konsequente Bekämpfung von Lebensmittelverschwendung – und eben «Feed no food»: kein Tierfutter vom Acker. Zu einem «Veganzwang» würde das nicht führen, denn Wiederkäuer, also Kühe, Ziegen und Schafe, gäbe es immer noch viele in der Schweiz. Sie würden einfach vor allem dort leben, wo die Hänge für Ackerbau zu steil sind, und nur Gras fressen, kein Kraftfutter. Der Bestand an Hühnern und Schweinen, die sich nicht von Gras ernähren können, würde hingegen stark sinken.
Es wäre also möglich, die Ziele der Initiative zu erreichen. Trotzdem unterstützt sie fast niemand. Parteien und Verbände haben ihre Parolen noch nicht gefasst, doch die Nationalratsdebatte im Dezember zeigte: Nicht einmal die grünen Parlamentarier:innen plädieren für ein Ja. Die 2021 und 2022 abgelehnten Initiativen für sauberes Trinkwasser, gegen synthetische Pestizide und gegen Massentierhaltung hatten sie noch unterstützt. Links-grün versuchte im Parlament, einen offener formulierten Gegenvorschlag zur Ernährungsinitiative durchzubringen, scheiterte aber.
Bei Bio Suisse heisst es, der Vorstand habe beschlossen, keine Parole zur Ernährungsinitiative zu fassen. Ähnlich wenig Support bei den Umweltverbänden: 2023 sprach sich Pro Natura für die Initiative aus – jetzt steht auf der Website der Initiative nur noch, Pro Natura, Greenpeace und Vier Pfoten hätten die Unterschriftensammlung unterstützt. Kein einziger grosser Umweltverband ist mehr bei den Unterstützer:innen aufgeführt – und ausser den Jungen Grünen keine Partei. Was ist da los?
Heftige Kritik
In ihrer aktuellen Form helfe die Initiative nicht, dem Ziel einer ökologischeren Landwirtschaft näherzukommen, sagt Marcel Liner, Leiter Landwirtschaftspolitik bei Pro Natura. «Die Übergangsfrist ist sehr kurz. Eine Auseinandersetzung darüber, wie der Wandel hin zu einer viel stärker pflanzenbasierten Ernährung innerhalb der vorgegebenen zehn Jahre sozialverträglich machbar wäre, hat bisher nicht stattgefunden.» Liner hat noch weitere Bedenken, möchte sie aber nicht öffentlich äussern.
Die grüne Berner Nationalrätin und Agronomin Christine Badertscher fürchtet, ein Ja würde den Einkaufstourismus fördern: «Es ist eine Illusion, zu glauben, alle würden Bohnen und Linsen kochen. Viele würden einfach billiges Fleisch im Ausland kaufen.» Die Initiative schade mehr, als sie nütze, sagt auch Kilian Baumann, grüner Berner Nationalrat und Präsident der Kleinbauern-Vereinigung. Und Franziska Ryser, grüne St. Galler Nationalrätin und Mitglied der Wirtschaftskommission, kritisiert: «Die Initiative ist gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Das Festschreiben von siebzig Prozent Selbstversorgungsgrad würde im schlimmsten Fall nicht zu mehr pflanzlicher Ernährung, sondern zu einer unökologischen Intensivierung führen.» Und bei diesem Parlament müsse man leider mit so einem Szenario rechnen.
Die teils heftige Ablehnung der Ernährungsinitiative auch in grünen Kreisen hat viel mit ihrer Vorgeschichte zu tun. Christine Badertscher, die im Oberaargauer Dorf Thunstetten lebt, sagt: «Die Trinkwasserinitiative hat den Grünen auf dem Land enorm geschadet. So viele Bauern dachten, das sei unsere Initiative, dabei hätten wir sie nie so formuliert.» Der Abstimmungskampf 2021 habe auf dem Land tiefe Gräben und grosse Verletzungen hinterlassen. «Und jetzt macht Franziska Herren noch einmal das Gleiche. Wir werden sicher nicht für sie den Karren aus dem Dreck ziehen.»
Franziska Ryser sagt: «Wir haben unsere Bedenken und Überlegungen bereits früh angebracht. Seitens der Grünen wurden wir aber nicht aktiv in die Ausgestaltung der Initiative einbezogen.» Bereits 2021, nach dem Nein zur Trinkwasserinitiative, hätten Grüne, Pro Natura und die Kleinbauern-Vereinigung das Gespräch mit Franziska Herren gesucht, sagt Kilian Baumann. «Wir hofften, eine Initiative ausarbeiten zu können, die eine Chance gehabt hätte, mit der eine breitere Allianz möglich gewesen wäre. Herren wollte das nicht.»
Was sagt Franziska Herren dazu? «Unsere Initiative ist mit der Unterstützung von Pro Natura und Greenpeace zustande gekommen. Sie bietet den Grünen und der Kleinbauern-Vereinigung die Chance, für ein klima- und umweltbewusstes Ernährungssystem einzustehen. Kilian Baumann möchte ich daran erinnern, dass er jederzeit eine Volksinitiative nach seinen eigenen Vorstellungen hätte lancieren können.»
Viele, die in den letzten Jahren mit Herren zu tun hatten, beschreiben sie als Einzelkämpferin, die keinen Millimeter von ihren Vorstellungen abweicht. Manche sind genervt, andere bewundern sie. Im Gespräch mit ihr fällt auf: Sie spricht über den Inhalt der Initiative. Immer. Politstrategische Fragen – wie jene, ob ein Abstimmungskampf in der aktuellen Situation ihrem Anliegen mehr schaden als nützen könnte – scheinen ihr vollkommen fremd.
Ein taktisches Ja?
Klar wird aus den Gesprächen: Auf links-grüner Seite freut sich fast niemand auf diesen Abstimmungskampf. Die meisten wären froh, es gäbe ihn nicht. «2021 konnte man mit Umweltanliegen noch Druck machen», sagt Kilian Baumann. «Es war aber schon damals schwierig, alle progressiven Kräfte dafür zu gewinnen. Heute ist das nicht mehr möglich, jetzt müssen wir aufpassen, dass es in der nächsten Reform, der Agrarpolitik 30+, keine Rückschritte gibt.»
Aber wenn die Initiative ohnehin chancenlos ist, wäre es dann nicht sinnvoll, trotz ihrer Schwächen für ein taktisches Ja zu plädieren – als Zeichen für die Unterstützung ihrer ökologischen Ziele? Wäre ein hoher Ja-Anteil nicht im Interesse von Links-Grün? Von den befragten Politiker:innen scheint niemand davon überzeugt. Die Strategie, so wird deutlich, ist eine andere: den Verein «Sauberes Wasser für alle» allein scheitern zu lassen. «Ein gehässiger Abstimmungskampf schadet unseren Anliegen mehr als ein schlechtes Resultat», sagt Christine Badertscher.
Offen ist, ob die links-grüne Basis diese Strategie mittragen wird.
Selbstversorgungsgrad: Eine umstrittene Grösse
Die Ernährungsinitiative hat unter anderem zum Ziel, den Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz auf mindestens siebzig Prozent zu erhöhen. Was bedeutet das?
Der Selbstversorgungsgrad (SVG) bezeichnet jenen Anteil der für die Ernährung der Bevölkerung nötigen Kalorien, den ein Land selbst produziert. Beim Brutto-Selbstversorgungsgrad sind auch die Kalorien aus der Tierhaltung mitgerechnet, die nur mit importiertem Futter möglich sind. In der Schweiz liegt er bei 54 Prozent. Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz, also ohne Importfutter, liegt bei 46 Prozent.
Die Unterschiede je nach Lebensmittel sind gross: Bei Esswaren aus tierischer Produktion erreicht der SVG zumindest brutto 95 Prozent, bei pflanzlichen nur 36. In den weniger dicht besiedelten Nachbarländern ist der SVG viel höher. Der (allerdings nur leicht) sinkende SVG ist für rechte Kreise denn auch immer wieder ein Argument gegen die «Zuwanderung».
Der SVG ist eine reine Kaloriengrösse. Wenn ein Land mehr Zuckerrüben anbaut, steigt er, auch wenn der Zucker nichts zu einer ausgewogenen Ernährung beiträgt. Trotzdem ist die Frage des SVG nicht irrelevant, denn Agrarland wird global immer knapper, und die Schweiz trägt mit ihren guten Ackerböden im Mittelland und ihrem gemässigten Klima die Verantwortung, für einen Teil ihrer Nahrung selbst zu sorgen.
Der SVG wäre viel höher, wenn sich die Bevölkerung mehr mit pflanzlichen und weniger mit tierischen Lebensmitteln ernähren würde. So will die Ernährungsinitiative auf siebzig Prozent kommen (vgl. «Der nächste Fleischstreit»). Die SVP fordert einen SVG von sechzig Prozent – aber im Gegensatz zur Initiative nicht verbunden mit anderen Essgewohnheiten. Das wäre nur mit noch mehr Pestiziden, Kunstdünger und Importfutter möglich: zum Preis von verheerenden Umweltschäden.