Christoph Stiefel (1961–2026): Innerlich ohne Räucherstäbchen
Erst vor zwei Monaten erschien sein Soloalbum «To the Source». Es klingt auch ohne die traurige Nachricht, dass Christoph Stiefel mit nur 64 Jahren gestorben ist, nach einem Vermächtnis. Da ist der Raum, der so gut zu hören ist, der Hall, der Ewigkeit andeutet. Und da ist die offenbar weitgehend improvisierte, impressionistische, bei Stiefel aber zupackende Musik, die durch seinen Körper hindurchzufliessen scheint.
So spielen kann nur, wer schon alles gespielt hat, und zwar zeitlebens stets weit oben. Klar, da tauchen auch mal kurz bekannte Themen von Jazzstandards auf, das steckte alles im Körper drin nach mehr als vierzig Jahren Berufserfahrung. Aber man hat immer das Gefühl, dass das eine spontan zum anderen führt. Stiefel formt selbst dann Struktur, wenn sie in die Freiheit führt.
Er war einer jener Pianist:innen, die nicht lange ihren Einfällen nachhorchen und in jeder Pause Tiefe vermuten. Verhibbelt, wie es die Virtuosität möglich gemacht hätte, war dennoch nichts. Mit 24 tourte er mit dem damals global erfolgreichen Harfenisten Andreas Vollenweider um die Welt. Aber Stiefel ging immer weiter: mit der Fusionband Stiletto, erst recht mit seinen eigenen Jazzbands, in die er auch internationale Stars wie den Drummer Peter Erskine oder den Saxofonisten Jerry Bergonzi holte.
Ab Mitte der neunziger Jahre tauchen die Isorhythmen in Stiefels Musik auf. Das Prinzip geht aus Kirchenmusik des 14. und 15. Jahrhunderts hervor, als man in der Gotik gleichbleibende rhythmische Muster durchzog, während die Melodie wechselte. Bei Stiefel hiess das: in der linken Hand zum Beispiel ein ungerader Takt, in der rechten ein anderer. Egal ob mit seinem Inner Language Trio oder solo, Stiefel konnte die potenzielle Strenge solcher mathematischen Kompositionen leicht wirken lassen. Diese Musik roch nie nach Räucherstäbchen (und beeinflusste einen weiteren grossen Schweizer Pianisten: Nik Bärtsch).
Vielleicht ist noch ein Letztes wichtig: Christoph Stiefel war nie ein Bohème-Musiker, der sein Leben am Limit führen musste, wie es noch lange für manche Jazzer attraktiv schien. Er übte an den Vormittagen, an den Nachmittagen kümmerte er sich oft um die zwei Töchter. Wer ihn sah, begegnete einem freundlichen Mann, der die Liebe zur Musik halt einfach sehr ernst nahm. Es ist zu wünschen, dass er als Lehrer in der Jazzschule Luzern möglichst viel davon vermitteln konnte.