Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

«Ein Musikstrom, den ich herunterlade»

Im 19. Jahrhundert war es üblich, dass klassische MusikerInnen improvisierten. Dann tauchte die Improvisation unter. Seit einigen Jahren entdecken sie klassische PianistInnen wieder. Zu besonderer Popularität ist die Venezolanerin Gabriela Montero gelangt.

Von Thomas Meyer

Die Szene aus der Kölner Philharmonie ist berühmt geworden: Das Publikum singt «Mer losse d’r Dom in Kölle», die Pianistin hört zu, übernimmt eine Phrase daraus, denkt einen Moment nach, legt los – und aus dem Moment heraus verwandelt sich das Lied in ein leicht jazzig angehauchtes, vitales Klavierstück.

Die Szene, die auf YouTube zu sehen ist, hat Gabriela Montero nicht nur in Deutschland zu ungemeiner Popularität verholfen. Es wurden dabei Grenzen überwunden: Eine klassische Pianistin tritt hier nicht als abgehobene Perfektionistin auf, sondern lässt sich auf ihr Publikum ein, fordert es zum Mitmachen auf, reagiert spontan und improvisiert zu einem traditionellen Kölner Lied – nun ja: «traditionell»: Den Song schrieb 1973 die lokale Popgruppe Bläck Fööss.

Die venezolanische Pianistin, geboren 1970 in Caracas, heute in den USA lebend, improvisiert an ihren Konzerten meistens. Auf klassischen Podien ist das immer noch die Ausnahme. Friedrich Gulda war damit lange allein und vergraulte jeweils sein klassisches Publikum. Heute gibt es vereinzelte Ausnahmekönnerinnen wie hierzulande die in Zürich lebende Bulgarin Galina Vracheva. Und kürzlich ist die US-amerikanische Geigerin Hilary Hahn mit einer CD hervorgetreten, auf der sie sogar im Duo mit dem Pianisten Hauschka frei improvisiert.

Dabei vergisst man, dass derlei früher in mitteleuropäischen Konzertsälen üblich war. MusikerInnen improvisierten, und es gehörte dazu, dass sich das Publikum eine Paraphrase über die eine oder andere populäre Melodie wünschte. Der grosse romantische Komponist Franz Liszt hat so sein Publikum verzückt. Aber im Lauf des 19. Jahrhunderts geriet diese Praxis in Verruf: zu viel Zirkus! Manchmal mag das sogar zutreffen. Aber deswegen gleich eine ganze Kunstgattung in den Mülleimer werfen?

Die wiederentdeckte Spielfreude

Da hat sich einiges geändert. Die HörerInnen sprechen wieder auf Improvisationen an. Gabriela Montero kann das perfekt. Aber sie konnte es nicht immer. Typischerweise. Zwar soll sie schon als Einjährige Melodien, die die Mutter vorsang, auf dem Klavier nachgespielt haben, und auch als sie als Kind erstmals öffentlich auftrat, improvisierte sie. Das war für sie ganz natürlich. Dann aber kam sie zu einer Lehrerin, die meinte, sie solle damit keine Zeit verschwenden. Zehn Jahre lange vernachlässigte sie das Improvisieren. Es war die argentinische Pianistin Martha Argerich, die ihr Talent wiederentdeckte und sie ermutigte, es mit der Welt zu teilen. Beim Progetto Martha Argerich, dem Festival in Lugano, bei dem schon so manches grosse Talent entdeckt wurde, tritt Montero seither fast alljährlich auf, so auch diesen Juni – und diesmal sogar mit einer eigenen Komposition für Klavier und Orchester: «Ex Patria».

Heute teilt Montero ihre Konzerte meistens auf: In der ersten Hälfte spielt sie klassische Werke, brillant, feurig, subtil und hochmusikalisch; in der zweiten improvisiert sie nach Themenvorschlägen aus dem Publikum. Dabei verwandelt sie die Themen geschickt und elegant. Barockes klingt plötzlich nach Alexander Skrjabin oder nach Jazz, das Eingangsthema aus Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert mutiert zu Johann Sebastian Bach, Volkstümliches wird impressionistisch und umgekehrt.

«Es macht Spass zu schauen, wie etwas klingt, wenn es transferiert wird. Fünfzig Prozent meiner Improvisationen sind im Barockstil. Ich neige stark zum Barock und zur Romantik.» Jazz hingegen, so meint sie, sei das nicht. «Obwohl ich Jazz liebe und damit vertraut bin, ist es nicht wirklich meine Welt. Ich bin eine klassische Musikerin.» Auf Jazzgrössen angesprochen, erwähnt sie Bill Evans, Michel Petrucciani, Duke Ellington. Ausserdem höre sie gern Lateinamerikanisches: brasilianische Volksmusik etwa oder Tangos, die sie gern in ihre Improvisationen einflicht.

Ein unbewusster Prozess

Jedes Showgehabe ist Montero fremd. Sie sei nicht dazu da, Effekte und Tricks zu demonstrieren. Es gehe ihr um ein sehr intimes Musizieren, durch das sie die Menschen in ihre Welt einführe. Auf die Frage, wie sie dabei vorgehe, meint sie, das wisse sie eigentlich nicht: «Ich entscheide in letzter Minute. Es ist ein unbewusster Prozess, ein Musikstrom, den ich gleichsam herunterlade. Ich forme oder plane nichts. Mein Hirn ist daran nicht beteiligt.»

Freie Improvisation also? Man zögert, Gabriela Montero in einem Atemzug mit den freien Improvisatorinnen und Experimentatoren zu nennen, die kürzlich am Zürcher Taktlos-Festival zu hören waren. Sie sagt zwar, sie improvisiere frei. Damit meint sie aber, dass sie zwar aus dem Stegreif spielt, sich dabei allerdings immer auch an stilistische und harmonische Grundlagen hält. Sie improvisiert also quasi eklektisch. Das verhinderte bislang auch, dass sie frei im Ensemble improvisiert. Da geht Hilary Hahn schon einen Schritt weiter, wenn sie sich in die Duoimprovisation vorwagt.

So warten wir darauf, dass Gabriela Montero noch einen Schritt weiter geht. Vielleicht könnte sie ja auch einmal über eine längere Zeit improvisieren, ohne auf die Wünsche des Publikums zu warten. Ja, meinte sie auf die Frage, das wäre möglich, das Publikum sei jetzt so weit. Ja, durchaus. Warum also solche Scheu?

Gabriela Montero spielt am Di, 22. Mai 2012, 21.30 Uhr mit dem Zürcher Kammerorchester in der Zürcher Tonhalle Wolfgang Amadeus Mozarts «Jeunehomme»-Konzert. Am Do, 24. Mai 2012, spielt sie in Genf ein Rezital, und am Di, 12., und Fr, 
15. Juni 2012, tritt sie beim Progetto Martha Argerich in Lugano auf, unter anderem mit ihrer eigenen Komposition «Ex Patria» für Klavier und Orchester.

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