Weltwirtschaftsforum: Superschurken in Davos
Das Weltwirtschaftsforum ist so prominent besetzt wie noch nie. Der Trump-Effekt, heisst es. Ebenso wichtig ist allerdings der neue starke Mann hinter dem Wef.
Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war Klaus Schwab das Gesicht des World Economic Forum (Wef). 1971 lud der Betriebswirt und Maschinenbauer aus Baden-Württemberg erstmals mehrere Firmenchefs zur «European Management Conference» nach Davos ein, um dort sein von US-Ökonomen geprägtes Credo zu zelebrieren: Ein erfolgreiches Unternehmen solle nicht nur die Anliegen der Aktionär:innen bedienen, sondern jene aller involvierten Akteur:innen – Stakeholder, wie es auf Englisch heisst.
Politiker:innen und NGOs kamen erst später nach Davos. Im Zentrum stand von Beginn an die Wirtschaftswelt, auch wenn Schwab sein Wef, das erst seit 1987 so heisst, gekonnt als globales Vernetzungstreffen von Wirtschaft, Politik und (Zivil-)Gesellschaft vermarktete, das sich gemäss Eigenbeschreibung «für die Verbesserung der Lage der Welt engagiert». Bis der 87-Jährige letztes Jahr ziemlich unschön und in aller Öffentlichkeit entmachtet wurde.
Der ehemalige WOZ-Journalist Constantin Seibt hat dem «besorgten Ei mit deutschem Superschurken-Akzent» letztes Jahr in der «Republik» einen fulminanten «Nachruf» gewidmet und darin treffend festgehalten: «Jahr für Jahr füllte das Wef das Kongresszentrum mit Spitzenpolitikerinnen, es setzte die Weltprobleme auf die Agenda, investierte Millionen in humanitäre Initiativen. Doch Jahr für Jahr passierte dasselbe: nichts, an das sich irgendjemand erinnern konnte.» In einem Punkt aber irrte sich Seibt: Es spiele keine Rolle, meinte er, wer Schwab beerbe.
«Wohlstand» für die Ukraine
Die Leitung des diese Woche stattfindenden Wef teilen sich der milliardenschwere Roche-Erbe André Hoffmann und Larry Fink, CEO des weltgrössten Vermögensberaters Blackrock (und ebenfalls Milliardär). Wobei völlig klar ist, dass Letzterer die Zügel in der Hand hält. Dessen Vorgänger Schwab mag ein begnadeter Netzwerker gewesen sein, aber seine Macht wirkte nicht über die Wef-Bühne hinaus. Das ist bei Larry Fink ganz anders, wobei seine Macht auf Kapital beruht.
Exemplarisch zeigt sich das an einer Recherche, die die «New York Times» Anfang dieser Woche veröffentlichte: Beim zwischen der Ukraine und den USA ausgehandelten 800 Milliarden Dollar schweren «wirtschaftlichen Wohlstandsplan», den der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski kürzlich bekannt gab, soll Blackrock die Schlüsselrolle spielen. So soll im Dezember eine ukrainische Delegation ins New Yorker Hauptquartier des US-Vermögensberaters gekommen sein – zum «Startschuss für die Suche nach Finanzierungsquellen und Investitionsprioritäten». In Davos, wo Donald Trump und Selenski – auf Einladung von Larry Fink – erwartet werden, soll der «Wohlstandsplan» besiegelt werden.
Das wäre denkwürdig für Davos. Aber mehr noch ein Abbild der gegenwärtigen globalen Machtverhältnisse: Eine private Firma, deren Hauptgeschäftszweck die Maximierung finanzieller Erträge ist, soll im Auftrag der Trump-Regierung den Wiederaufbau der Ukraine leiten. Profitinteressen und die eigene Bereicherung als politisches Programm, während demokratie- und sicherheitspolitische oder gar humanitäre Aspekte weitgehend ignoriert werden. Welcome to Davos 2026!
Tabuthema Steuern
Zwei Punkte haben sich auch unter der neuen Blackrock-Führung nicht geändert. Wie immer wird am Wef jener Wirtschaftszweig besonders präsentiert und umgarnt, der gerade die Kassen klingeln lässt. Ganz früher waren das Industriekonzerne, später die Finanzwirtschaft, heuer sind es die Techkonzerne aus dem Silicon Valley, die vom aktuellen Hype um künstliche Intelligenz profitieren. Vor Ort sind diese Woche die Chefs von Microsoft, Amazon, Nvidia und Palantir – viele davon von Larry Fink zu einem persönlichen «Gespräch» auf die Wef-Bühne eingeladen. Inhaltlich sind jene Gespräche, die bis Redaktionsschluss schon stattgefunden haben, geradezu erschreckend wirr und komplett unkritisch. Aber die Symbolik war in Davos schon immer wichtiger als der Inhalt.
Die zweite Konstante am Wef ist, wie bereits Constantin Seibt festgehalten hat, dass praktisch alle Probleme dieser Welt thematisiert werden – mit einer grossen Ausnahme: Steuerpolitik. Dieses Jahr widmet sich kein einziges der über hundert Panels am Forum diesem Thema. Dabei hat Larry Fink jüngst gegenüber der «Financial Times» gesagt, er sehe das Wef als wichtige Konferenz für die Staats- und Regierungschef:innen der Welt, um sich mit Vertreter:innen der Wirtschaft zu treffen und «sich darauf zu konzentrieren, wie wir wirtschaftlichen Wohlstand und wirtschaftlichen Fortschritt schaffen können, der weltweit breiter verteilt ist». Offenbar nicht mittels Steuern.
Wie dringlich es wäre, darüber zu diskutieren, zeigt der «Ungleichheitsbericht 2026» der NGO Oxfam, der soeben erschienen ist. Er legt dar, dass die globale Ungleichheit auf ein kaum noch fassbares Niveau gestiegen ist: Die zwölf reichsten Menschen besitzen mehr als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Im vergangenen Jahr sind die Vermögen der Milliardär:innen dreimal so schnell gewachsen wie im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Massgebliche Ursache dafür ist die Deregulierungs- und Steuerentlastungspolitik für Konzerne und Überreiche des Wef-Stargasts und Blackrock-Buddys Donald Trump.