Südafrika: Apartheid ohne Ende
In Kapstadt hat sich an der rassistischen Segregation wenig geändert. Doch es gibt neue Kämpfe gegen die Ungleichheit.
Auf den ersten Blick merkt man in Kapstadt wenig davon, dass die Fünfmillionenstadt zu den gewalttätigsten Metropolen der Welt zählt. Im Ausgehviertel Green Point prägen glitzernde Apartmenthäuser, ein strahlend blauer Atlantik und grüne Golfplätze das Bild. Direkt hinter der Innenstadt erhebt sich der Tafelberg, von dem nachmittags ein Wolkenteppich herabfliesst. Kein Wunder, ist Afrikas südlichste Grossstadt bei Expats und Tourist:innen so beliebt.
Der fünfzigjährige Aktivist S’bu Zikode, Vorsitzender von Abahlali baseMjondolo, einer Organisation südafrikanischer Slumbewohner:innen mit 180 000 Mitgliedern, hat den scheinbaren Widerspruch schnell aufgeklärt: Die Gewalt finde in erster Linie in den Armenvierteln statt, in den vierzig Kilometer entfernt liegenden Townships von Khayelitsha oder Mitchell’s Plain. Mehr als die Hälfte der Kapstädter Bevölkerung lebt in diesen entlegenen Slums. Und die räumliche Trennung ist kein Zufall: Unter dem Apartheidregime wurden bis Ende der achtziger Jahre vier Millionen Menschen gewaltsam umgesiedelt. Noch heute zeugt der District Six, ein ehemals lebendiges, multikulturelles Wohnviertel, das in den sechziger und siebziger Jahren zwangsgeräumt wurde, von den Vertreibungen. Heute ist davon bloss eine vierzig Hektaren grosse Brachfläche in der Innenstadt übrig. Die Weissen taten alles, um sich die Armut vom Leib zu halten.
«Jede Kritik war Verrat»
Für Zikode ist die Apartheid denn auch alles andere als überwunden. «Nach wie vor leben mehr als zwanzig Millionen Südafrikaner:innen in Townships», erläutert der Aktivist. «In unseren Vierteln gibt es keine verlässliche Wasser- und Stromversorgung. Die Menschen kochen mit Paraffin und beleuchten ihre Häuser mit Kerzen.» So komme es häufig zu Bränden, die ganze Strassenzüge zerstörten.
Zikode wirkt müde, wenn er von den Kämpfen seiner vor zwanzig Jahren gegründeten Grassrootsbewegung erzählt. Nach dem Ende der Apartheid 1994 habe grosse Hoffnung geherrscht. «Der African National Congress hatte versprochen, dass menschliche Bedürfnisse wichtiger sein würden als Profite.» Doch der ANC, der während der Apartheid den illegalen Widerstand anführte, seit ihrem Ende die Regierungspartei Südafrikas stellt und anfangs ein sozialistisches Programm vertrat, habe die Erwartungen an sie nicht erfüllt. «Südafrika ist eines der ungleichsten Länder der Welt», sagt Zikode. «Bei den Jugendlichen liegt die Arbeitslosigkeit bei etwa sechzig Prozent, in der Gesamtbevölkerung bei über dreissig. Während die Reichen immer reicher werden.»
Mit ihrem Kampf um das «Recht auf Stadt», also um Zugang zu öffentlichen Infrastrukturen, hat die Abahlali-Bewegung weltweit Berühmtheit erlangt. Sie gilt als wichtigste linke Kraft im Land – und hat dafür teuer bezahlt. 25 Mitglieder seiner Organisation seien umgebracht worden, berichtet Zikode. Auch er selbst musste sich jahrelang verstecken. «Der ANC verstand jede Kritik als Verrat. Sie haben uns vorgeworfen, aus dem Ausland finanziert zu werden, um die Regierung zu stürzen.» Vor einigen Jahren wurden zwei ANC-Politiker wegen des Mordes an einem Abahlali-Mitglieds verurteilt.
Wenn S’bu Zikode spricht, klingt er selbst wie der alte, sozialistische ANC. Er verwendet Begriffe wie «Arbeiterklasse» und «Volksmacht», und auch die Aktionen seiner Organisation knüpfen an die Kämpfe der Anti-Apartheid-Bewegung an. Abahlali organisiert Landbesetzungen, macht Bildungsprogramme, führt Kämpfe vor Gericht.
Auf die Frage, ob seine Bewegung nicht selbst zum politischen Gegenspieler des ANC werden könne, winkt Zikode ab. «Wir dürfen die Fehler des ANC nicht wiederholen», sagt er – und meint damit die Bereitschaft, die kollektiven Interessen der armen Bevölkerung dem persönlichen Vorteil zu opfern. «Wir sind nicht bereit für Wahlen. Und falls wir diesen Schritt eines Tages gehen sollten, müssen wir als Menschen stark genug sein, uns anders zu verhalten als jene, die uns verraten haben.»
Für Kolonialisierung sensibilisiert
Die 34-jährige Alex Hotz beschreibt die Entwicklung des ANC als traumatische Erfahrung. Die Ökofeministin war eine der Sprecher:innen der Student:innenbewegung Rhodes Must Fall, die sich 2015 am Widerstand gegen Denkmäler für den britischen Kolonialisten Cecil Rhodes entzündete, sich aber schon bald auf die soziale Ungleichheit konzentrierte. Heute arbeitet Hotz für die nichtstaatliche Organisation WoMin zu grünem Extraktivismus beziehungsweise zur Vertreibung von Kleinbäuer:innen durch vermeintlich ökologische Grossprojekte.
Für Hotz hängt die Krise der südafrikanischen Linken vor allem mit dem Kurswechsel der Gewerkschaften zusammen. In der Anti-Apartheid-Bewegung hätten Arbeitskämpfe eine zentrale Rolle gespielt. Doch seit der ANC Staatspartei sei, hätten die Gewerkschaften jeden Widerstand aufgegeben. «Besonders einschneidend war das Marikana-Massaker 2012», erzählt sie. In einer Platinmine im Norden Südafrikas brach damals ein wilder Streik aus, den die Regierung blutig niederschlagen liess. Vierzig Arbeiter wurden umgebracht, siebzig weitere verletzt.
In der Student:innenbewegung habe damals die Hoffnung bestanden, dass sich aus den Protesten der Bergarbeiter:innen und Studierenden eine neue politische Kraft formieren könnte. Doch die Gewalt im Land sei ein riesiges Hindernis, sagt Hotz. Die Gangkriege in den Townships säten Misstrauen und Angst. Hinzu komme der globale Rechtsruck – etwa in den USA oder in Israel.
Um den Nahostkonflikt kommt man in Südafrika dieser Tage kaum herum. Es ist eines der wenigen Themen, bei denen regierender ANC, Bevölkerungsmehrheit und Linke weitgehend einer Meinung sind. Nach den Gründen gefragt, sagt Hotz, Südafrikaner:innen seien für Besatzung und Kolonisierung besonders sensibilisiert. «Deshalb fühlen wir uns den Menschen in Palästina spontan verbunden – genauso wie jenen im Sudan und im Kongo.»
Die Aktualität neokolonialer Gewalt bekommt Hotz in ihrer Arbeit für die NGO WoMin täglich zu spüren. Auf dem afrikanischen Kontinent findet eine aggressive Landnahme statt. Das an Diamanten, Gold und seltenen Erden reiche Südafrika ist besonders attraktiv. «Bei uns liegen 78 Prozent der weltweiten Manganvorkommen. Dazu kommen Lithium, Platin und Kohle», erzählt sie. China spiele zunehmend eine Rolle, aber auch Europa – mit seinen vermeintlich «nachhaltigen» Projekten. «Die EU hat für Südafrika Kredite in Höhe von acht Milliarden Euro für erneuerbare Energien bereitgestellt. Man will grünen Wasserstoff produzieren. Aber dafür braucht der südafrikanische Staat das Land der dort lebenden Gemeinschaften.»
Der Kampf ums Land wird härter. Aber es gibt Widerstand. Zum Beispiel in Woodstock, dem «Szene»-Viertel von Kapstadt: Seit 2017 halten Wohnungslose hier ein Krankenhaus besetzt, das zuvor jahrelang leer stand. In den ehemaligen Operationssälen, Lagerräumen und Personalunterkünften leben, dicht gedrängt, um die tausend Menschen. Die hygienischen Bedingungen sind prekär; in den labyrinthartigen Gängen riecht es nach Essen, feucht gewordener Wäsche und Kanalisation. Aber immerhin haben die Bewohner:innen ein Dach über dem Kopf und müssen nicht in die weit ausserhalb gelegenen Townships pendeln.
Kein Interesse an Sozialprojekten
Anfang sechzig, dicke Hornbrille, gehört Bevil Lucas zu den Veteranen der südafrikanischen Linken. Politisiert hat er sich 1980 als Jugendlicher in der Kirche und der Gewerkschaft der Hotelangestellten. Eine Horde Kinder läuft lärmend vorbei, während Lucas vom besetzten Spital zu erzählen beginnt: Fast alle Besetzer:innen seien alleinerziehende Mütter mit Kindern oder Menschen mit Beeinträchtigungen, sagt er. Inspiriert seien sie von der brasilianischen Bewegung der obdachlosen Arbeiter:innen MTST. «Einige Leute von uns waren 2016 in São Paulo, wo es eine ähnliche Besetzung gibt. Wir waren uns nicht sicher, ob sich das in Südafrika wiederholen lässt. Der Apartheidstaat ging immer mit extremer Gewalt gegen Besetzungen vor.» Aber gleichzeitig hätten sie sich im Recht gefühlt, denn viele der Besetzer:innen stammten aus Familien, die einst mit Gewalt aus der Innenstadt vertrieben worden seien. «Und dann gab es da dieses riesige, leere Krankenhaus», sagt Lucas.
600 000 Menschen seien offiziell in Kapstadt als wohnungssuchend registriert – und da seien viele Menschen aus den Slums noch gar nicht mitgezählt. Die Stadtregierung, in der immer noch ehemalige Pro-Apartheid-Parteien eine Schlüsselrolle spielen, habe an Sozialbauprojekten kein Interesse. Denn der Bau von Apartments für Feriengäste sei für die Immobilienfirmen ein Riesengeschäft: Überall in der Stadt werden öffentliche Immobilien dafür umgewidmet. «Aber unser Widerstand hat das zumindest in diesem Fall hier gestoppt», sagt Lucas. Nach fast neun Jahren Besetzung scheint eine gewaltsame Räumung des Spitals vom Tisch. Trotz der beengten Wohnverhältnisse stellt das besetzte Haus für die Bewohner:innen eine Verbesserung dar. «Weil wir nah an der Innenstadt wohnen», so Lucas. «Mehr als sechzig Prozent von uns haben jetzt einen Job.»
Doch wie geht er damit um, dass er nach einem ganzen Leben als politischer Aktivist in einem besetzten Haus leben muss? Der ältere Mann kneift die Augen hinter seiner dicken Brille zusammen. Manchmal sei es schwierig, gibt er zu. Auch in seiner Familie würden ihn nicht alle verstehen. Aber persönlich sei er sich doch sicher: «Im Kampf gegen die Apartheid war vieles anders. Es gab eine grosse persönliche Integrität. Heute hingegen investiert eine der grössten Gewerkschaften in Shoppingmalls – statt in sozialen Wohnungsbau.» Bevil Lucas runzelt die Stirn.