Politische Theorie: Repaircafé statt Abgrund
Woher nur dieser Drang nach Härte? Die Philosophin Eva von Redecker untersucht in ihrem neuen Buch den heutigen Faschismus.
Der Obsession, Reichtum und Macht anzuhäufen, begegnete man bereits im Altertum: Das zeigt etwa das von Herodot überlieferte, unterm Strich eher traurige Schicksal des sagenhaft reichen Lyder:innenkönigs Krösus. Eine jüngere Entwicklung dagegen ist, dass Raffgier besonders unter jungen Männern zum Breitensport mutiert ist, befeuert von einer Armada an Businessgurus und Hustle Bros im Internet. Diesem Mindset erscheint die Welt als Selbstbedienungsladen: Man nimmt sich einfach das, wovon man glaubt, dass es einem zusteht.
Das umschreibt nicht schlecht, was Eva von Redecker in ihrem neuen Buch mit «entfesselter Eigentumslogik» meint. Die essayistische Abhandlung mit dem Titel «Dieser Drang nach Härte», kreist um die Frage, wie sich der sich gegenwärtig formierende «neue Faschismus» bestimmen lässt. Kürzlich beleuchteten so etwa die Soziolog:innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey die Gefühlswelt des «demokratischen Faschismus» (siehe WOZ Nr. 47/25). Im Ganzen aber ist es eine ausufernde Debatte. Das könnte auch daran liegen, dass das Vorhaben, den Faschismus zu definieren, an den Versuch erinnert, «einen Pudding an die Wand zu nageln», wie von Redecker mit einem Bonmot des Hitler-Biografen Ian Kershaw festhält.
Die in Brandenburg auf dem Land lebende Philosophin (und WOZ-Autorin) setzt selbst anekdotisch an: Eingangs berichtet sie, wie sie auf einem Trödelmarkt auf Nazidevotionalien gestossen ist – und auf ein Blechschild aus Kriegszeiten, auf dem die Warnung prangt: «Wer plündert, wird erschossen.» In diesem Zufallsfund materialisiert sich besagte entfesselte Eigentumslogik, die für von Redecker den Kern des Faschismus bildet: Dieser geriere sich stets im Modus der «Selbstverteidigung gegen Plünderer». Es geht nicht einfach nur gegen politische Gegner:innen, sondern darum, Eindringlinge und Diebe zurückzuschlagen.
Damit präzisiert sie die gängige, aber allzu allgemeine Bestimmung, autoritäre Politik kennzeichne primär ein Freund-Feind-Denken. Um was für einen Akt des Diebstahls aber handelt es sich? Es sei nicht wirkliches Eigentum, das der Faschismus bedroht wähne, sondern «Quasi-Eigentum», so von Redecker: «Vom eigentlichen, materiellen Eigentum ist es gerade entkoppelt und lädt sich stattdessen an unterschiedlichsten ideologischen Objekten auf.» Letzteres kann die Familie und die «natürliche» Geschlechterordnung, die Sprache, das «Volk» oder auch die Meinungsfreiheit sein.
Der Vernichtung preisgegeben
Hier begegne man dem Verlangen nach «absoluter Sachherrschaft»: dem Anspruch auf unumschränkte Verfügungsgewalt, die sich etwa im Kolonialismus auf nichtweisse Körper richtete oder in der patriarchalen Familie auf Frauen. Emanzipationserfolge haben solche Formen der Sachherrschaft beseitigt (oder zumindest abgemildert), und doch lebt der Anspruch darauf in reaktionären Bestrebungen fort: als etwas, das einem zusteht, aber entrissen wurde. Diese «Neuauflage überlebter Verfügungsansprüche» äussert sich in dem, was die Philosophin – analog zum Phantomschmerz nach einer Amputation – als «Phantombesitz» bezeichnet: einem «Kontrollimpuls an einer eigentlich leeren Stelle». So sei die Sklaverei zwar abgeschafft, doch masse sich Rassismus «weiterhin an, festzulegen, wo nicht-weisse Menschen ‹hingehören›».
Vervollständigt wird diese Vorstellungswelt durch diejenigen, denen die Rolle der Plünder:innen zukommt. Vor ihnen muss der bedrohte Phantombesitz geschützt werden: jüdische «Globalisten», die angeblich Migrationsbewegungen steuern, genauso wie woke Queerfeminist:innen, die die Institution der Familie zersetzen. Während schon der Rechtspopulismus um vermeintlich gefährdeten Phantombesitz bangt, radikalisiert sich der Wahn hier zur «liquidierenden Phantombesitzverteidigung» und damit zum eigentlichen Faschismus: Nicht nur gibt es ein Phantasma, das geschützt werden soll, sondern auch eines, das der Vernichtung preisgegeben ist.
Drängende Fragen
Dieses analytische Grundgerüst entwickelt die Philosophin bereits zu Beginn ihres Buches. Es ist eine geschickte Weichenstellung, da sich so das Eigenleben des rechtsextremen Seelenhaushalts erklären lässt, dieses aber zugleich mit politischer Ökonomie verschaltet wird: Faschistisches Denken und Fühlen ist in der bürgerlich-kapitalistischen Moderne geschichtlich verankert, aber auch nicht einfach auf materielle Interessen zu reduzieren. Dem Kritiker der «Süddeutschen Zeitung» roch dies dennoch zu sehr nach Marxismus: «Wie aber soll sich die demokratische Mitte gegen den Angriff von rechts verteidigen, wenn eigentlich die Marktwirtschaft, ‹der Kapitalismus›, den Nährboden für Faschismus biete?» Gute Frage! Die «demokratische Mitte» sollte sie sich dringend stellen.
In den folgenden Kapiteln formuliert von Redecker ihr Instrumentarium weiter aus und nutzt es zur Deutung etwa der Landwirt:innenproteste in Deutschland vor zweieinhalb Jahren oder der herrschenden Überfremdungsparanoia. In Letzterer äussere sich so der Versuch, «nationalistischen Phantombesitz» durch einen absoluten Souveränitätsanspruch geltend zu machen: Im Abwürgen von Migration soll dieser sich beweisen, dabei ist er eigentlich allein schon wegen globaler Lieferketten längst nicht mehr einzulösen.
Und es folgen weitere prägnante Wortschöpfungen: «Verflixung» etwa soll «Realitätszumutungen der Gegenwart» als Nährboden für den Faschismus auf den Begriff bringen. Dabei handelt es sich eigentlich um Banalitäten: Beim Arzt gibts erst in ein paar Monaten einen Termin, Elektrogeräte benötigen alle andere Stecker, und beim Kontakt mit den Behörden hat man es mit einem «Kundenservice-Kuddelmuddel» zu tun, «das den Rathausbesuch ähnlich strukturiert wie eine Ryanair-Buchung». In der Summe birgt diese Verunmöglichung eigentlich simpler Alltagsaufgaben enormes Frustrationspotenzial, was sich reaktionär entladen kann.
Für immer im Jetzt
Ein anderer Begriff soll zudem die besondere Zeitlichkeit des Faschismus beschreiben. Indem dieser blindwütig Grenzen ziehe etwa zwischen In- und Ausländer:innen oder Geschlechtern, treibe er «die Zeit aus dem Raum» – alles soll ja dort bleiben, wo es immer schon war – und bringe einen «schlechten Präsentismus» hervor. Oder eben «Unzeit», wie es von Redecker nennt, «eine Zeit, die keine Zeit mehr kennt und die verdrängte Zukunft den Kräften der Zerstörung überlässt».
Angesichts dieser zukunftsvernichtenden Überschreibung realer Probleme durch rechte Phantasmen plädiert sie als Gegenstrategie dafür, auf «Sinn» zu bestehen – darauf also, «dass überhaupt etwas gilt, dass Worte Bedeutung haben, dass man von sich selbst und vom Gegenüber und von der Gesellschaft etwas erwartet». Das richtet sich auch gegen die «Plastiksprache von KI», eitle Meinungskriege auf Social Media wie überhaupt der Brainrot allerorten.
Zugleich folgt daraus, dass man faschistische Positionen nicht durch Dialog adeln soll: Da aus diesen ohnehin ein entstelltes Bild der Wirklichkeit spricht, kommt man auch mit dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments nicht weiter. Stattdessen gelte es, für bessere öffentliche Infrastrukturen zu kämpfen und auch das Ziel der Befreiung der Arbeit nicht aus dem Blick zu verlieren – und sei es nur, um der Lohnarbeit ein bisschen Zeit abzutrotzen. Die liesse sich dazu nutzen, «die Weltbestandteile zu reparieren, derer man habhaft wird» –, was wohl ein kaputtes Gerät genauso sein kann wie eine Beziehung oder auch die unmittelbare Umgebung, in der man lebt.
Während die anderen den brennenden Planeten als Selbstbedienungsladen betrachten, sollten wir ihn also besser zum Repaircafé umbauen. Reich wird in dieser Branche zwar niemand. Aber vielleicht löst sich dafür die eine oder andere Verhärtung.