Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

Das Strategieproblem bleibt

Die Philosophin Eva von Redecker versucht, die sozialen Bewegungen der Gegenwart in einer «Revolution für das Leben» zu einen. Doch das entscheidende Hindernis übergeht sie zu leichtfertig.

Von Raul Zelik

Fundamentale Kritik an der Eigentumsordnung: Autorin Eva von Redecker. Foto: Daniel Hofer, Laif

Kaum etwas in der Klimadebatte scheint so paradox wie der Umstand, dass seit bald dreissig Jahren politische Absichtserklärungen abgegeben werden, die CO2-Emissionen aber dennoch einen neuen historischen Höchstwert erreicht haben. Die 1982 geborene Philosophin Eva von Redecker liefert in ihrem Buch «Revolution für das Leben» eine Erklärung, warum das so ist: Für sie ist es vor allem die Eigentumsform, die die Naturzerstörung immer weiter beschleunigt. Redecker bezeichnet diese Form als «absolute Sachherrschaft», die «auf einer Vorstellung grenzenloser Verfügung beruht». Die Souveränität des Eigentümers äussere sich darin, dass er mit seinem Eigentum alles tun darf, es also missbrauchen oder zerstören kann. Ausgehend hiervon zeichnet die Autorin eine Kette der Zerstörung nach, die vom «Verwerten» (von Gütern) über das «Erschöpfen» (der Arbeit) bis zum «Zerstören» (des Lebens) führt.

Das Interessante an diesem Ansatz ist, dass er von dem Bemühen getragen ist, eine marxistische Kritik der Eigentumsordnung mit einer feministischen Theorie von Reproduktion und Sorgebeziehungen zu verbinden. So schreibt Redecker: «Die kapitalistische Wirtschaftsweise – die Art, wie wir uns selbst reproduzieren – haben wir auf dem Rücken der natürlichen Zyklen errichtet. Unsere sogenannte Zivilisation beruht darauf, mit der Abzirkelung von Eigentum natürliche Kreisläufe zu kappen und sie in der spiralförmigen, die Zukunft anpumpenden Verwertung vollzumüllen.» Das Gegenprojekt ist für Redecker eine «Revolution für das Leben», die von natürlichen Reproduktionszyklen ausgeht und das Gemeineigentum stärkt.

Millionen auf den Beinen

So weit, so richtig. Doch die entscheidende Frage, die sich daran anschliesst, lautet natürlich: Wie lässt sich das durchsetzen? Redecker hält die grossen Bewegungen der Gegenwart – Fridays for Future, Black Lives Matter und den Feminismus – für zentrale Akteure einer «Revolution für das Leben». Und wenn man etwas gegen ihr sehr kluges Buch einwenden möchte, dann an dieser Stelle. Denn zu schnell schlägt ihr berechtigtes Interesse für neue politische Formen in Begeisterung um, zu schnell werden Proteste und Überlebenstaktiken zu politischen Strategien umgedeutet. «Migration ist immer schon Revolution für das Leben», heisst es an einer Stelle, oder anderswo: «In Lateinamerika und stellenweise auch in Südeuropa ist die feministische Revolution bereits ausgebrochen.» Auch wenn Redecker konkretisiert, dass Revolution für sie, anders als in der Tradition der Linken, «keine Weltrettung auf einen Schlag» darstellt, verschleiert dieser Enthusiasmus die wesentliche Frage.

Die grosse Herausforderung bei der Durchsetzung einer ökologisch-solidarischen Lebensweise besteht ja darin, dass sich das massenhafte Entsetzen über Unterdrückung und Zerstörung viel zu selten in organisierte Gegenmacht übersetzt. Zwar sind bei jenen Bewegungen Millionen auf den Beinen, doch der politische Druck bleibt meistens diffus, relativ atomisiert und ohne Zuspitzung. Nach einer Weile kandidieren ein paar aus den Bewegungen fürs Parlament, die meisten ziehen sich ins Privatleben zurück. Am Ende kommt es dann etwa dazu, dass sich die EU einen Green New Deal auf die Fahnen schreibt, der die Inwertsetzung der Natur nicht stoppt, ja vermutlich nicht einmal bremst.

Zu diffus, zu lokal

Es wäre unangemessen, von einem Buch die Lösung dieses Problems einzufordern, und Eva von Redecker zeigt zu Recht die Gemeinsamkeiten zwischen Bewegungen auf. Doch dem im Untertitel ihres Buchs formulierten Anspruch, eine «Philosophie der neuen Protestformen» zu entwickeln, wird sie keineswegs gerecht. Genau genommen stehen diese nämlich vor ganz ähnlichen Problemen wie Gewerkschaften, Linksparteien und Umweltverbände: Sie haben keine strategische Idee, wie sich ihre richtigen Forderungen gegen die Interessen des Kapitals durchsetzen lassen.

Deutlich wird diese Kluft auch dort, wo Redecker den Generalstreik als Möglichkeit nennt, um aus dem Kreislauf der Zerstörung herauszuspringen. Auch das ist einerseits richtig, doch in den Ländern Südeuropas, wo es stärkere Traditionen des Generalstreiks gibt, lässt sich auch sehen, dass dieses Instrument eben noch keine Strategie ist. Die entscheidende Frage bleibt, wie sich Bewusstseins- und Organisierungsgrad so verändern lassen, dass Kämpfe gewonnen werden können.

Eva von Redecker hat ein inspirierendes Buch geschrieben, das Verbindungslinien zwischen feministischen, ökologischen, antirassistischen und Eigentumskämpfen aufzeigt. Doch auf die Tatsache, dass soziale Bewegungen in den vergangenen Jahrzehnten auf ähnliche Weise gescheitert sind wie «institutionelle» Linke, geht sie zu wenig ein. Hier wäre weiterzudiskutieren: Die «Revolution für das Leben» braucht eine Strategie der Durchsetzung, die beim konkreten solidarischen Handeln ansetzt, aber über die lokalen Gemeinschaften und diffusen Bewegungspraktiken hinausgeht.

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