Sudanes:innen im Exil: Der Spirit der Ärzt:innen

Nr. 8 –

Beim Umsturz im Sudan spielten Ärzt:innen eine zentrale Rolle. Nun helfen sie ihren geflohenen Landsleuten. Eine Reportage aus der ugandischen Hauptstadt Kampala.

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Zahnärztin Shimaa Mahmoud behandelt einen Patienten
Unter Landsleuten: Die Zahnärztin Shimaa Mahmoud behandelt in Kampala Patient:innen, die wie sie aus dem Sudan nach Uganda geflüchtet sind.

Zahnärztin Shimaa Mahmoud setzt sich eine Maske auf und dreht die Musik etwas lauter. Die sanften Klänge sind unterlegt mit Koransuren auf Arabisch. «Meine Patienten haben Angst vor Schmerzen, das soll sie etwas beruhigen», sagt die 29-jährige Zahnärztin und öffnet die Tür zum Wartezimmer, um den nächsten Patienten hereinzubitten. Mahmouds Zahnarztpraxis liegt im Erdgeschoss der Alsalam-Klinik in Ugandas Hauptstadt Kampala: ein dreistöckiges Gebäude im geschäftigen Stadtviertel Kabalagala, wo vor allem Geflüchtete wohnen, viele aus Eritrea oder dem Sudan.

Seit der Krieg im Sudan 2023 ausgebrochen ist, sind fast 100 000 Sudanes:innen nach Uganda geflohen. Insgesamt beherbergt das Land derzeit zwei Millionen Flüchtlinge, mehr als irgendein anderes Land auf dem Kontinent. Wer krank ist oder eine Zahnbehandlung benötigt, kommt in die Alsalam-Klinik, in der über ein Dutzend Ärzt:innen aus dem Sudan praktizieren. «Es ist für unsere Landsleute einfacher, auf Arabisch behandelt zu werden», sagt Mahmoud. «Nur die wenigsten sprechen genug Englisch, um ihre Symptome beschreiben zu können.» Die junge Frau mit den langen Locken rückt den Zahnarztstuhl zurecht. Darüber ist ein Flachbildmonitor befestigt – ein hochmodernes Gerät, wie man es in ugandischen Kliniken selten sieht.

Hilfe im Exil

Ein älterer Sudanese mit einer geschwollenen Backe tritt ein und legt sich auf den Zahnarztstuhl. Er sei bei Kriegsausbruch im April 2023 aus Khartum geflohen, berichtet der Mann. Mit der Hilfe seines Bruders, der im Nachbarland Südsudan eine Import-Export-Firma hat, schaffte er es über die Grenze und weiter nach Kampala, wo auch sein Bruder mittlerweile lebt, weil es im Südsudan ebenfalls nicht sicher ist. «Mein Bruder gibt mir jeden Monat Geld, das ich an meine Familie schicke, damit sie überleben», berichtet er, «doch für mich selbst bleibt nichts übrig.» Deswegen habe er die Zahnschmerzen lange ertragen. Seit ihm jedoch die Füllung aus dem rechten Backenzahn herausgefallen sei, könne er kaum mehr essen. Für die Zahnbehandlung habe er kein Geld. «Aber mit den Ärzt:innen aus dem Sudan kann man gut reden, und es findet sich eine Lösung.»

Mahmoud lächelt. Sie kennt das Problem, auch sie konnte bei Kriegsausbruch nicht einmal ihre Zahnbürste einpacken. Sie bittet den alten Mann, den Mund weit aufzumachen. Mit einem Stift, an dessen Spitze eine Kamera sitzt, fährt sie das Gebiss ab. «Ich sehe hier noch weitere Problemstellen», stellt sie fest. «Stress durch Krieg und Flucht sowie schlechte Ernährung – all das greift die Zähne an», sagt sie und bereitet dann eine neue Füllung vor.

Mahmoud ist in der Hauptstadt des Sudan aufgewachsen. Ihr Vater ist promovierter Arzt und arbeitete für das Gesundheitsministerium. Ihr grosses Haus lag unweit des Militärhauptquartiers in Khartum, also dort, wo der Krieg ausbrach. Dieser habe sie ganz plötzlich aus ihrem behüteten Leben gerissen, berichtet die Zahnärztin. Als sie am Morgen des 23. April 2023 aufwachte, zischten Raketen über die Dächer. «Es war so laut», erinnert sich Mahmoud, «und die Scheiben zerbarsten.»

Tagelang habe sie sich mit ihren Geschwistern sowie ihrer Mutter und ihrer Tante unter den Betten versteckt. Als ihnen das Trinkwasser ausging, packten sie den Goldschmuck der Mutter und den Fuchshund Blanco ein und flohen in Richtung Grenze. Im Nachbarland Äthiopien kauften sie sich ein Flugticket nach Uganda, wo Geflüchtete vergleichsweise einfach Asyl erhalten. «Wir kamen mit leeren Händen hier an, und ich realisierte, dass ich nun diejenige bin, die die Familie ernähren muss.»

Mahmoud beantragte bei der ugandischen Regierung eine Lizenz, um als Zahnärztin praktizieren zu dürfen. Starthilfe, um eine Wohnung anzumieten und die noch jungen Schwestern zur Schule zu schicken – das gab es nicht. In Kabalagala, wo sie eine kleine Einzimmerwohnung mietete, lief sie von Klinik zu Klinik und fand zunächst Arbeit in einer eritreischen Gesundheitsstation. Dann erfuhr sie im Juni 2024 von der neuen sudanesischen Klinik: «Für mich war sofort klar, dass ich für meine Landsleute arbeiten möchte», sagt sie. «Wir sudanesischen Ärzt:innen sollten unseren Leuten im Exil helfen.» In diesem Moment steckt Doktor Assadig Ibrahim den Kopf durch die Tür. Der 42-Jährige ist der Oberarzt und einer der drei Teilhaber, die ihre Ersparnisse aus dem Sudan herausgeschafft und in Uganda in die neue Klinik investiert haben.

Bei den Protesten zuvorderst dabei

Assadig Ibrahim stammt aus der sudanesischen Region Darfur. In al-Faschir, der grössten Stadt der Region, hatte er nach seinem Studium mit Kollegen eine eigene Klinik eröffnet. Bei Kriegsbeginn wurde sie von der RSF-Miliz, die gegen die Regierungsarmee kämpft und in der Region Darfur herrscht, zerstört. Mit seiner Frau und der fünfjährigen Tochter floh Ibrahim über den Südsudan nach Uganda. Ersparnisse, die bei einem Bruder in Kanada auf einem Konto lagen, ermöglichten ihm den Neuanfang: die Investition in eine neue Klinik, neue Geräte. «Als ich hier ankam, war ich arbeitslos – dabei brauchen so viele Sudanesen medizinische Hilfe», sagt er und zeigt auf das volle Wartezimmer. Verschleierte Frauen mit Kindern sitzen dort neben alten Männern mit Turbanen, auch einige Ugander:innen sind darunter.

Die Rolle, die die Ärzt:innen des Sudan in den jüngsten Umbrüchen des Lands gespielt haben, wollten sie nun auch im Exil einnehmen, erklärt Mahmoud. Der Ärzteverband des Sudan ist bis heute die stärkste Kraft im Gewerkschaftsbund SPA. Dieser hatte 2019 die Revolution gegen Langzeitdiktator Umar al-Baschir, die in dessen Sturz mündete, angeführt. Es waren vor allem Ärzt:innen, die die sogenannten Widerstandskomitees mit ins Leben riefen und die Proteste in den Stadtvierteln organisierten und auch die verwundeten Demonstrant:innen versorgten.

Mahmoud war zu jener Zeit im letzten Studienjahr. Bei den Protesten war sie an vorderster Front mit dabei. «Es war das erste Mal, dass wir Frauen für unsere Rechte kämpfen konnten», sagt sie. Baschirs Sturz im April 2019 war eine gewaltige Kehrtwende in der Geschichte des Sudan – und für Mahmouds Leben. Sie zeigt auf ihre ausgebleichte und ausgefranste Jeans. «Ich habe mir damals diese Jeans gekauft und trage sie bis heute stolz.» Unter dem islamistischen Regime von Baschir durften Frauen keine Hosen tragen. Jeden Tag sei sie zu den Protesten gegangen. Wochenlang zeltete sie vor dem Militärhauptquartier, nahm an Sitzstreiks teil. «Es war das erste Mal in unserem Leben, dass wir jungen Frauen unsere Stimme erhoben.»

Doch dann übernahmen die Militärs die Macht, die Baschir gestürzt hatten. General Ahmed Awad Ibn Auf, der als Verteidigungsminister und Vizepräsident fungiert hatte, rief einen Ausnahmezustand aus, übernahm die Präsidentschaft und kündigte die Verfassung auf. Die sudanesischen Ärzt:innen protestierten dagegen. Schliesslich trat General Auf ab und überliess General Abdel Fattah Burhan, der zu jener Zeit als Generalinspekteur der Armee diente, das Zepter. Burhan, der heute die sudanesische Armee im Krieg gegen die Rapid Support Forces (RSF) anführt, setzte sich 2019 mit der vom Berufsverband gegründeten, zivilen Koalition FFC (Kräfte für Freiheit und Wandel), in der die Ärzt:innen die führende Rolle spielten, an den Verhandlungstisch. Burhan formte mit der Koalition eine zivile Übergangsregierung.

Aber diese hielt nicht lange: Im Oktober 2021 kündigte der General die Koalition auf. Wieder gingen die Ärzt:innen auf die Strasse. Dieses Mal gerieten sie selbst ins Visier der Militärregierung: Sie wurden von Sicherheitskräften gezielt verhaftet oder beschossen, die Kliniken gestürmt und zerstört – ausgerechnet in der Hochphase der Coronapandemie stand das Gesundheitssystem vor dem Kollaps. Als die RSF im April 2023 die Regierungsarmee angriffen, wurden die Ärzt:innen beschuldigt, mit den RSF zu kollaborieren. Das Militärkrankenhaus in Khartum geriet am ersten Tag unter Beschuss.

«Der Bedarf ist gewaltig»

Musaab Agabeldour hat dies am eigenen Leib erfahren. Der Arzt für innere Medizin sitzt in seinem kleinen Behandlungszimmer neben der Zahnarztpraxis hinter seinem Schreibtisch, ein Stethoskop um den Hals. Eben hat er einem Patienten geraten, die klinikeigene Psychologin im ersten Stock aufzusuchen. «Die meisten Symptome, mit denen die Leute zu mir kommen, sind psychosomatisch», sagt Agabeldour, «ausgelöst durch posttraumatische Belastungsstörungen, Schlafmangel und chronischen Stress.» Als Arzt, der selbst Krieg und Flucht erlebt habe, falle es ihm leicht, «mit den Leuten darüber offen zu sprechen».

Als der Krieg in Khartum begann, praktizierte der Arzt in jenem Militärkrankenhaus, das zum Angriffsziel wurde. «Wir waren fast zwei Wochen lang dort eingeschlossen, bis wir schliesslich fliehen konnten», erzählt er. Sechs Monate habe er für seine Flucht benötigt. Unterwegs half er in der kriegsgebeutelten sudanesischen Region Kordofan in einer Klinik aus. «Die meisten Menschen haben alles verloren, und es ist unsere Pflicht, zu helfen.» Er sei jedoch froh, sagt der Arzt augenzwinkernd, nun in der Alsalam-Klinik auch wieder für seine Arbeit bezahlt zu werden. Dann klopft der nächste Patient an die Tür seines Sprechzimmers. Agabeldour winkt ihn herein.

Chefarzt Assadig Ibrahim beugt sich im Wartezimmer an der Réception über den Tresen und schaut auf den Computermonitor. Eine junge Mutter steht neben ihm mit einem Baby auf dem Arm, das Kind ist sichtlich unterernährt. «So viele Kinder haben Mangelerscheinungen, weil die Mütter aus Stress und Unterernährung nicht genügend Muttermilch produzieren», sagt der Arzt und verschreibt dem Kind ein Milchpulver mit zusätzlichen Nährstoffen.

Regelmässig fahren die sudanesischen Ärzt:innen aus Kampala in ein 200 Kilometer nördlich gelegenes Flüchtlingslager, wo sudanesische Geflüchtete untergebracht sind. Sie versorgen dort Patient:innen und bringen Schwerkranke mit zurück in die Alsalam-Klinik. Ibrahim zeigt nach oben. «Wir haben fünfzehn Krankenzimmer, einen Kreisssaal und eine Intensivstation im ersten Stock», sagt er. «Und wir bauen gerade ein Stockwerk obendrauf, um noch mehr Betten zur Verfügung zu stellen.» Der Bedarf sei gewaltig. «Wir müssen unseren Landsleuten helfen – das ist der Spirit, in dem wir Ärzte seit der Revolution leben.»

Unterdessen zieht Mahmoud in ihrer Praxis eine Spritze mit Betäubungsmittel auf. Der Patient liegt noch immer auf dem Zahnarztstuhl, den Mundraum ausgestopft mit Watte. Ein Röntgenbild seines Gebisses prangt auf dem Flachbildmonitor. «Das piekst jetzt ein bisschen», sagt sie. Der Alte schliesst die Augen. Man merkt ihm die Erleichterung an, endlich Hilfe gefunden zu haben. Die Alsalam-Klinik biete den Sudanes:innen «einen sicheren Raum, der Hoffnung auf Linderung verspricht», sagt Mahmoud. Im Hintergrund dudelt noch immer sanfte Koranmusik.