Literatur: Experiment mit Mönchen

Nr. 47 –

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Cover von «Jenseits der Dinge»
Vera Hohleiter: «Jenseits der Dinge». Roman. Edition Bücherlese. Luzern 2025. 240 Seiten.

Meditation klingt nach Esoterik, einlullender Musik und Räucherstäbchen. Auch das Projekt «Science meets Dharma» des Tibet-Instituts Rikon half da nur wenig: Es sollte Mönche in naturwissenschaftliches Denken einführen, doch der Molekularbiologe Matthieu Ricard wurde nicht von allen ernst genommen, als er nachweisen wollte, wie Meditation zu Veränderungen von Hirnfunktionen führt. Nun experimentiert die Basler Autorin Vera Hohleiter in ihrem Romandebüt «Jenseits der Dinge» mit dieser Versuchsanordnung.

Paul, Studienleiter eines Schweizer Forschungsteams, will beweisen, dass meditierende Menschen weniger manipulierbar sind, resilienter also, und lädt dazu Mönche aus Korea ein. Wie reagieren die Testpersonen auf brutale Bilder, und wie beeinflussen diese die Urteilsfähigkeit? Paul zur Seite gestellt sind zwei Assistentinnen, die angriffige Jessica und Oona, eine besonnene Neuropsychologin. Als sich Sponsor Q, Besitzer der Wellness-App SoS (für Menschen, die unzufrieden mit sich selbst sind und für alles eine Anleitung brauchen), als Beobachter aufdrängt, ahnt Oona schon, dass er das Experiment und damit ihre Karriere gefährden wird; unlängst erst hat sie die toxische Beziehung zu ihm abgebrochen. Derweil ist Jibong, Ältester der Mönchsgruppe, vom Gedanken beseelt, mit diesem Experiment die koreanische Schule des Seon-Buddhismus – dem Zen, der im Westen viel populärer ist, verwandt – genauso bekannt zu machen wie K-Pop. Allerdings trägt er Altlasten mit sich herum, und ausgerechnet seinetwegen scheitert das Projekt. Ein Scheitern allerdings, das wie ein Befreiungsschlag wirkt.

Es wäre ein Leichtes gewesen, auf diesem gefährlichen Parkett auszugleiten, doch die Figuren in dieser kammerspielartigen Inszenierung sind plastisch gezeichnet, Cliffhanger schaffen geschmeidige Übergänge, und die Autorin wartet auch nicht mit plumpen Ratgebersprüchen auf; dafür ist sie zu vertraut mit den Fallstricken der koreanischen Gesellschaft. Da hilft nur der Sound, in dem der ganze Roman skandiert wird: einatmen – ausatmen.