Zum 8. März: Gegen die Macht der Manosphere

Nr. 10 –

Diesen Artikel hören (4:23)
-15
+15
-15
/
+15

Letzte Hoffnung Testosteron? Wer, zunehmend verzweifelt, nach positiven Nachrichten zum Thema Frau sucht, landet ausgerechnet bei diesem Botenstoff, der etwas vereinfacht als wichtigstes männliches Sexualhormon beschrieben werden kann. Zahlreiche Beiträge zählen die günstigen Auswirkungen einer Testosterontherapie vor allem für Frauen im mittleren Alter auf: mehr Energie, Durchsetzungskraft, Ausgeglichenheit, Konzentrationsstärke.

Ausserhalb solcher seltsamen pharmakologischen Erfolgsmeldungen scheint der Themenbereich medial in einem traurigen Teufelskreis gefangen. Die hiesige Berichterstattung zu Frauen kreiste im vergangenen Jahr beinahe unweigerlich um Gewalt: Femizide, der Prozess gegen die Vergewaltiger von Gisèle Pelicot, die Epstein Files, die Liste liesse sich fortsetzen.

Aggressiv präsent ist auch die internationale Manosphere: im engeren Sinn als reaktionäre, misogyne Internetkultur; aber auch allgemeiner gefasst als Backlash gegen Frauen und ihre Rechte, ein Kernprojekt aller extrem rechten und religiösen Regierungen und Bewegungen dieser Welt. Dazu gehören namentlich auch die «Rückbesinnung» auf die Biologie, die Hetze gegen trans Menschen, der dramatische Rückbau von Forschung zu Geschlechterfragen, die Kürzung von Geldern für die Prävention.

Keine Frage: Die Berichterstattung zu all diesen Formen der Gewalt rückt eine grausame und in der Vergangenheit oft verdrängte Realität ins Bewusstsein. Das ist wichtig. Gleichzeitig ist diese Fixierung auf Gewalt ein Problem, weil sie den Feminismus in einen permanenten Verteidigungs- und Überlebensmodus drängt und so zu lähmen droht.

Die feministische Analyse wirkt heute von der geballten Macht der globalen Manosphere derart verängstigt, ja hypnotisiert, dass sie es kaum noch wagt, über diesen düsteren Horizont hinauszublicken und Auswege zu entwerfen. Die breite mediale Anerkennung von Gisèle Pelicots Kraft und Mut bestätigt da als Ausnahme bloss die Regel. Pelicot ist ein Gewaltopfer, das nicht gebrochen ist. Und doch wirkt ihre enthusiastisch weiterverbreitete Forderung, dass die Scham die Seite wechseln müsse, auf den zweiten Blick bestürzend verzagt.

Dass neuere feministische Publikationen gern Themen wie Selbstfürsorge, psychische Gesundheit und die Pflege von Freundschaften behandeln, wirkt wie eine therapeutische Reaktion auf die erdrückende Gewaltdiagnose. Dass es Schutzräume brauche, ist eine alte Forderung der feministischen Bewegung. Bloss hat man derzeit manchmal den Eindruck, es gehe weniger darum, sich zu schützen, als sich mit Zugangsbeschränkungen («Flinta* only») gegen die Aussenwelt abzudichten. Lebensweltlich ist das alles verständlich. Und doch krankt es akut an Visions- und Kampfmangel. Ein solcher Feminismus erschöpft sich oft in seiner Reaktion auf die konstatierte Erschöpfung in einer als unerträgliche Zumutung empfundenen Gegenwart. Er denkt sie nicht weiter.

Dabei wäre es gerade heute entscheidend, diese reine Gegenwart wenigstens im Kopf zu verlassen. Man möchte gerade den jüngeren Kolleg:innen zurufen: Ihr braucht nicht bei null anzufangen! In der Vergangenheit wurde bereits viel Arbeit geleistet, auch zu den Themen, die uns heute wieder umtreiben. Es ist nicht der erste Backlash, der bekämpft werden muss. Man kann sich dafür auf die Schultern vieler Vordenker:innen stellen, das erweitert automatisch den Horizont.

Die feministische Klammer bleibt dabei unbequem gross. Es gilt so vieles im Blick zu behalten: weibliche Kämpfe ums nackte Überleben ebenso wie den Hass, der auch privilegierten Frauen entgegenschlägt; die anhaltende wirtschaftliche Ausbeutung unbezahlter Arbeit wie das Ringen um Abtreibungsrechte und Bildung. In dieser komplexen Klammer muss, immer wieder neu, ein feministisches «wir» entstehen. Ein «wir», das sich nicht in Abwehrkämpfen aufreibt, sondern beherzt eine andere Zukunft entwirft.