Durch den Monat mit Lucia Kotikova (Teil 4): Dürfen alle alles spielen?

Nr. 48 –

Dank verpasstem Abitur hat Schauspielerin Lucia Kotikova den direkten Weg ins Theater genommen. Wie sie zur Bühne gefunden hat, was sie an Theaterhäusern fasziniert und warum die Person hinter der Rolle immer wichtig ist.

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Portraitfoto von Lucia Kotikova
«Die Sache ist viel zu gross, um zu sagen, es geht am Ende nur darum, was wir auf der Bühne oder im Film sehen»: Lucia Kotikova.

WOZ: Lucia Kotikova, wann wussten Sie, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Lucia Kotikova: Dieser Wunsch war schon früh in meinem Kopf. Wir haben zu Hause viel russischsprachiges Fernsehen geschaut – Kanäle, die meine aus der Ukraine kommenden Eltern heute nicht mehr schauen. Ich bin mit russischsprachigen Shows und Stars aufgewachsen. Das Prinzip Schauspiel habe ich zum ersten Mal richtig verstanden, als vor einer Late-Night-Show ein Film mit einer Schauspielerin lief, die nachher die Show moderierte: Eben hatte sie noch eine Figur gespielt, dann stand sie plötzlich als «echte» Person da.

WOZ: Sie wollten also Filmschauspielerin werden?

Lucia Kotikova: Mir war nicht bewusst, dass die Bühne und das Fernsehen beziehungsweise der Film so unterschiedliche Dinge sind. Die Leute denken oft, man mache «nur» Theater, weil man es nicht zum Film geschafft hat. Dabei ist es ganz und gar nicht das Gleiche.

WOZ: Wie haben Sie zur Bühne gefunden?

Lucia Kotikova: Nach der Schule wollte ich für ein Jahr als Au-pair in die USA. Allerdings habe ich die Abiturprüfung wegen eines Punktes nicht geschafft. Zum Glück, denn für das Au-pair-Jahr hätte man Abitur gebraucht. So entschied ich mich für ein Praktikum in der Requisite im Schauspielhaus Bochum – ein Jahr unbezahlte Arbeit, aber es war das beste Jahr meiner Jugend. Davor war ich bloss einmal im Theater gewesen – ich hatte keine Ahnung davon.

WOZ: Hatten Sie nie selber gespielt?

Lucia Kotikova: Doch. Ich war in der Theater-AG in der Schule. Wir wollten «Die Physiker» von Dürrenmatt aufführen, aber es kam nicht dazu, wir waren zu chaotisch. Später war ich der einzige Teenie in einer Laientheatergruppe von erwachsenen Leuten, die Filme aus dem Ruhrpott nachspielten wie «Bang Boom Bang» von 1999; Filme, die ich nicht kannte. Ich bin zwar im Ruhrgebiet aufgewachsen, aber ich habe keine Ahnung davon, weil zu Hause ja kein Ruhrpott war. Erst in Bochum habe ich dann verstanden, was ein Theater überhaupt ist.

WOZ: Was ist es?

Lucia Kotikova: Ein Theaterhaus ist eine ganze Welt für sich. Hier gibt es alles und Menschen, die gefühlt alles herstellen können. Anhand einer kleinen Kiste, die wir erst als Endprodukt auf der Bühne sehen, kannst du nachzeichnen, was es alles für Abteilungen gibt: Ist die Kiste aus Holz, wurde sie in der Schreinerei gemacht, ist sie aus Karton, kommt sie aus der Requisite. Im Malersaal wurde sie angemalt, in der Schlosserei wurden Scharniere angebracht, und in der Requisite wurde sie mit Inhalt gefüllt. Das ist unglaublich faszinierend. Ich war gefühlt nur in diesem Theater, 24 Stunden während sieben Tagen. Nach meiner sechsstündigen Arbeitsschicht blieb ich und schaute mir jeden Abend Vorstellungen an.

WOZ: Während des Praktikums haben Sie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover vorgesprochen.

Lucia Kotikova: Für das Vorsprechen hatte ich meine damalige Lieblingsschauspielerin in Bochum gefragt, ob sie mal über meine Rollen schauen mag. Eine davon hatte sie selber zu der Zeit gespielt. Ich glaube, ich war aufgeregter, vor ihr zu spielen, als beim tatsächlichen Vorsprechen.

WOZ: Zum Schluss noch eine grosse Frage: Dürfen alle alles spielen?

Lucia Kotikova: Da bin ich streng. Die Sache ist viel zu gross, um zu sagen, es geht am Ende nur darum, was wir auf der Bühne oder im Film sehen. Es geht immer auch darum, was auf der Hinterbühne, was vor oder nach der Vorstellung oder beim Dreh passiert. Wenn jemand sagt: «Ich muss doch kein Mörder sein, um einen Mörder zu spielen», sag ich: «Nö, musst du nicht. Aber findest du es okay, wenn ein Schauspieler, von dem bekannt ist, dass er seine Frau verprügelt, einen Helden spielt?»

Lucia Kotikova: Wir tun immer so, als würde es nur um die Figuren gehen, dabei geht es immer auch um die Besetzung: Man schaut nach, wer im Film oder im Theater mitspielt, man geht aus dem Film raus und sagt: «Krass, Emma Stone hat sich den Kopf rasiert.» Auch dass die WOZ dieses Monatsinterview mit mir macht, hat mit dem Interesse an der Person zu tun: Ihr hättet ja auch die fiktive Hannah Arendt befragen können, die ich in einem Stück spiele.

WOZ: Dass man sich für die Person hinter der Rolle interessiert, finden Sie aber in Ordnung?

Lucia Kotikova: Ja klar, das finde ich toll. Aber man soll dann bitte nicht so tun, als ob es egal wäre, wer was spielt. Zudem: Die Idee, dass alle alles spielen können, basiert auf der Behauptung, dass wir in einer fortschrittlichen Zeit angekommen seien, in der alle gleich seien. Das stimmt nicht. Solange wir uns nicht vorstellen können, dass zum Beispiel eine Schwarze trans Person im Rollstuhl Medea spielen kann, finde ich auch nicht, dass eine weisse cis Frau ohne Behinderung eine Schwarze trans Person im Rollstuhl spielen darf – zugespitzt gesagt. Um die Behauptung dieses vermeintlichen Gleichseins geht es in Kim de l’Horizons Stück «Die kleinen Meerjungraun». Da sag ich am Ende: «Manche werden sich wehren mit den Waffen der Reinheit und manche mit den Waffen des vernünftigen, aufgeklärten Verstands, dass wir doch alle gleich seien, aber wir sind nicht alle gleich.»

Lucia Kotikova: In einer fernen, fernen Zukunft können hoffentlich alle alles spielen. Wir sind aber noch lange nicht an diesem Punkt.

«Die kleinen Meerjungraun» mit Lucia Kotikova (27) ist an den Bühnen Bern zu sehen.