Katastrophe von Crans-Montana: Am Sonntag danach

Nr. 2 –

Verantwortlichkeiten, Versäumnisse und Konsequenzen: Eine Woche nach dem verheerenden Brand in einer Bar liegen viele juristische und politische Fragen auf dem Tisch. Derweil ringt der Ort um das Gedenken an die Opfer.

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Schweigemarsch durch die Rue Centrale in Crans Montana
In Trauer vereint: Schweigemarsch durch die Rue Centrale.

Und plötzlich teilt sich die Menschenmenge, Applaus brandet auf, ein Geräusch der Erlösung in dieser bedrückenden Stille, die sich über das Dorf gelegt hat wie ein Schleier. In Reih und Glied marschieren sie durch die Gasse, die sich gebildet hat, hinauf zum Blumen- und Kerzenmeer: die Rettungskräfte, die in der verheerenden Silvesternacht ihr Bestes gegeben haben und doch so viele nicht haben retten können. Erst die Feuerwehrmänner und -frauen in ihren dunkelblauen Jacken mit dem roten Streifen quer über der Brust, dann ihre Kolleg:innen in Vollmontur, mit Blumen oder kleinen Teddybären in den Händen, die Sanitäterinnen und Zivilschützer in ihren leuchtenden Westen. Der Schmerz, er hat sich tief in die zumeist jungen Gesichter eingeschrieben.

Es ist der vielleicht bewegendste Moment an diesem Sonntag in Crans-Montana, dem Tag des Gedenkens an die Katastrophe im «Le Constellation», bei der vierzig überwiegend sehr junge Menschen im Feuer starben und 116 grösstenteils schwer verletzt wurden. Die Verletzten werden inzwischen in Spitälern in ganz Europa behandelt, viele befinden sich noch in kritischem Zustand. Die beiden jüngsten Todesopfer waren gerade einmal vierzehn Jahre alt.

Im Angesicht der Teleobjektive

Einiges ist bereits in den Tagen nach der Tragödie klar geworden: etwa dass mit grosser Wahrscheinlichkeit funkensprühende «Fontänen» auf Champagnerflaschen die Schaumstoffdämmung an der Decke entzündet und so den Brand ausgelöst haben. Oder dass das Betreiberpaar fürs Erste im Fokus der Ermittlungen steht, am Sonntag hat die Walliser Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung gegen die beiden eröffnet, unter anderem wegen fahrlässiger Tötung.

Viele Fragen sind aber auch noch unbeantwortet, und sie sind auch an diesem Sonntag nach Silvester da, diesem Sonntag, der ganz der Trauer gewidmet ist: Fragen nach der Verantwortung der Betreiber:innen und nach jener der Behörden. Aber auch strukturelle, politische: Was für Ursachen hat ein Unglück wie dieses, jenseits menschlichen Versagens, jenseits individueller Schuld?

Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Gedenkmesse, die am Morgen stattfindet, ist der moderne Bau der Chapelle Saint-Christophe in der Nähe des Unglücksorts brechend voll. Der Chor singt sich noch ein, Leute drängen in den eigentlich schon vollen Saal, ansonsten ist es gespenstisch still.

Die Pfadfinder, die den Einlass regeln, verweisen die Menschen, die noch in die Kapelle wollen, geduldig auf den Vorplatz der Kirche, auf dem die Andacht übertragen wird und wo sich schon Hunderte Menschen versammelt haben. Nur beim Grossherzog von Luxemburg mit seinem Leibwächter kurze Aufregung, dann wird der «grand-duc» reingelassen. Hie und da drückt einer der Pfadfinder bei alten, gebrechlichen Menschen, die am Stock gehen, ein Auge zu. Und fast zuletzt schlüpft ein vielleicht sechzigjähriger Mann in den Eingangsbereich, kurz bricht er in Tränen aus, fasst sich wieder. «Je suis le papa», sagt er zu einer Frau, die ihn spontan umarmt hat. Ein Kind setzt sich neben den Pfadfinder auf den Boden, streckt die Beine aus, schlägt seine kleinen Stiefel aneinander.

Knapp vor Messebeginn sind auch die bis dahin frei gehaltenen Bankreihen ganz vorne gefüllt worden; der Walliser Mitte-Ständerat Beat Rieder hat die Kapelle betreten, Altbundesrätin Micheline Calmy-Rey, die aus dem Haute-Plateau stammt, Mitglieder von Staats- und Gemeinderat, die Generalstaatsanwältin und der kantonale Sicherheitsvorsteher. Auch die französischen und italienischen Botschafter sind da, unter den Opfern waren besonders viele ihrer Landsleute.

Der Bischof von Sion, der die Messe gemeinsam mit weiteren katholischen und reformierten Geistlichen leitet, spricht von der enormen Verletzung, die Crans-Montana hinnehmen musste, verliest alttestamentarische Bibelverse, eine Botschaft des Papstes. Ein bisschen wirkt es, als würden sich hier nicht nur physisch die Reihen schliessen: die katholische Kirche, die kantonale Nomenklatura. Trauer ist auch ein politischer und geistlicher Auftrag und – das scheint hier manchmal beinahe den Trost zu überdecken, den dieser feierliche Moment den Angehörigen, Betroffenen, Mittrauernden spenden soll, vermutlich auch spendet – eine Demonstration von Macht und Einigkeit, im Angesicht Gottes, im Angesicht der Teleobjektive.

Und davon gibt es viele: Die Silvesternacht von Crans-Montana ist seit Tag eins auch ein Medienereignis, eine Inszenierung, ein Kampf der Journalist:innen um «Content». Ein Splitter Information reicht schon für einen neuen Text, Tempo ist alles, ein Artikel jagt den nächsten, Falschmeldungen kursieren. Auch international ist die Aufmerksamkeit enorm. Medienethisch werden Grenzen überschritten. Der Spitaldirektor von Sion berichtete, ein Journalist habe versucht, zusammen mit einem Angehörigen bis auf die Station vorzudringen. Inzwischen hat der Presserat die Journalist:innen gemahnt, die Privatsphäre der Opfer zu respektieren. Auch an diesem Sonntag wirken die Medienleute lauernd, bisweilen fast verzweifelt. Wer hier ist, ist Teil davon, die Frage stellt sich auch der WOZ: Wie überhaupt berichten? Wie den Spagat bewältigen, der Trauer ihren Raum lassen, einer Informationspflicht nachkommen? Wann bleibt Zeit, nachzudenken?

Als die Messe nach einer Stunde zu Ende ist, setzt sich der Tross der Trauernden, mehrere Tausend sind es wohl, schweigend in Bewegung, die rund 400 Meter die Rue Centrale hinauf zum Mahnmal vor der Unglücksbar, dem Ort, an dem sich alle Emotionen bündeln. Der Applaus für die Hilfskräfte ist der einzige Moment, der die Stille durchbricht. «Niemand von uns wird nach einem solchen Drama derselbe sein», sagt ein Redner vorne am Blumenmeer. Eine Frau singt auf Französisch Leonard Cohens «Hallelujah» a cappella.

Das grosse Versagen

In den nationalen Brandschutzvorschriften ist festgehalten, dass brennbare Materialien in Lokalen, in denen sich viele Menschen aufhalten, nur verwendet werden dürfen, wenn sie nicht zu einer «unzulässigen Gefahrenerhöhung» führen. Auch die Fluchtwege sind darin geregelt, Ausgänge, Türen, eine Pflicht für jährliche Kontrollen. Vieles aber ist den Kantonen überlassen: Das Wallis ist einer der wenigen, in denen Betreiber:innen öffentlicher Lokale keine Gebäudeversicherung abschliessen müssen und die Gemeinden selber für die Brandschutzkontrollen zuständig sind. Aber wie effektiv sind diese, an einem Ort, wo man sich kennt, die Distanzen gering sind, die Überforderung vielleicht zu gross?

Dass Fehler passiert sein müssen, das ist schon die ganze Zeit über Thema. Zwei Tage nach Messe und Trauermarsch, am Dienstagmorgen, als sich der Gemeinderat erstmals ausführlich den Fragen der Presse stellen wird, wird aus Mutmassungen Gewissheit: Die Massnahmen zum Brandschutz im «Le Constellation», das gibt Gemeindepräsident Nicolas Féraud zu, sind vor sechs Jahren zum letzten Mal überprüft worden. «Wir bedauern das zutiefst.»

Wie das habe passieren können, wisse er nicht; auch das leicht entzündliche Material an der Decke sei bei den Überprüfungen kein Thema gewesen. Auf viele Fragen weiss der Politiker keine Antwort. Etwa auf die, warum in Crans-Montana letztes Jahr bloss 40 der insgesamt 128 öffentlichen Betriebe überhaupt kontrolliert wurden. Offensichtlich hat hier ein ganzes System versagt, mit verheerenden Folgen. Nun soll ein externes Büro alle Betriebe im Ort überprüfen. Zudem wird die Verwendung jeglicher Pyrotechnik in geschlossenen Räumen verboten.

Ob er nun zurücktrete, diese Frage wird Féraud immer wieder gestellt, vor allem von Journalist:innen aus Italien, und immer sagt der FDP-Mann denselben Satz: «Wir verlassen das Schiff nicht, wenn ein Sturm aufkommt.» Immer wieder kommt auch die «Doppelrolle» der Gemeinde zur Sprache: Im Verfahren gegen die Barbetreiber:innen will sie als Nebenklägerin auftreten, um «Zugang zum Dossier zu erhalten, dabei mitzuhelfen, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt», sagt Féraud. Schliesslich sei die Gemeinde «als Geschädigte am meisten betroffen, vor allen anderen».

Mit den Versäumnissen bei den Kontrollen ist die Exekutive selbst in den Fokus geraten. Noch ist nicht bekannt, ob die Staatsanwaltschaft auch gegen sie ein Strafverfahren wegen Amtspflichtverletzung anstrebt.Dieser wiederum wird nicht genügend Unabhängigkeit zugetraut: «Nehmt dem Wallis den Fall weg!», titelt später der «Blick».

Alles zu viel geworden

Unter den Menschen beim Mahnmal dominieren am Sonntag die Trauer und die Frage nach deren Bewältigung. Bei Marine Lasnier etwa, einer jungen Französin, die seit zwei Jahren in Crans-Montana lebt und an der örtlichen Hotelfachhochschule unterrichtet. Es werde für die Menschen schwer sein, darüber hinwegzukommen. «Wie durch ein Wunder» kenne sie selbst niemanden der Betroffenen. «Auch meine Studierenden hätten unter den Opfern sein können», sagt Lasnier, viele seien über die Feiertage aber zu ihren Familien ins Ausland gefahren. Die Stimmung in Crans-Montana sei je nachdem, wo man sei, sehr unterschiedlich, rund ums «Le Constellation» seien Restaurants und Bars geschlossen gewesen, «die ganze Strasse in Trauer vereint». Je weiter weg, desto belebter sei es, die meisten Lokale seien offen geblieben. «Man kann den Menschen keinen Vorwurf daraus machen, dass sie weiterleben.»

Ein Stück weiter weg starren zwei junge Männer wie versteinert auf das Blumen- und Kerzenmeer. Die beiden Franzosen sind für die Wintersaison nach Crans-Montana gekommen und arbeiten in der Crêperie gegenüber, auch in der Unglücksnacht waren sie im Dienst. Einer von ihnen, Tom heisst er, seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen, schildert das Unvorstellbare; was er in der Nacht gesehen hat, wie die Menschen aussahen, die es verletzt aus der Bar schafften, wie sich die, die sich noch bewegen konnten, in den Schnee warfen, wie er selbst das Ausmass der Katastrophe nicht sofort begriffen hat. «Anfangs dachte ich, sie würden furchtbare Verkleidungen tragen. Am schmerzhaftesten war es, jene zu sehen, die nicht einmal mehr schreien konnten.»

Es sei für ihn wichtig gewesen, an der Trauerfeier teilzunehmen, sagt der andere junge Mann, der in der Küche der Crêperie arbeitet. «Zugleich habe ich noch die Bilder, die Gerüche, die Geräusche im Kopf. Ich weiss nicht, wie ich das überwinden soll.» Als die Crêperie schon kurz nach dem Brand wieder geöffnet habe, sei ihm alles zu viel geworden, so Tom: die Erinnerungen aus jener Nacht, der Andrang, die vielen Journalist:innen, die vor der Kamera wiederholten, was sich in jener Nacht zugetragen hatte. Nun reist er wieder ab. «Ich wollte nur noch am Marsch mitgehen, noch einmal weinen.»

Gegen Mittag löst sich die Menge langsam vom Ort des Gedenkens, die Rue Centrale leert sich. Geblieben sind die Medienleute und mehrere Männer in gelben Warnwesten mit der Aufschrift «Zaka». Ilan Rouah ist einer von ihnen. Er sei an diesem Morgen aus Israel angereist, sagt er, sein Team ist seit dem 2. Januar vor Ort. Die israelischen Forensiker:innen sind weltweit im Einsatz, um nach Umweltkatastrophen, Terroranschlägen oder anderen Unglücken bei der Identifizierung von Toten und Verletzten zu helfen. Ihre Tätigkeit geht auf den jüdischen Glauben zurück. Demnach sollen Menschen erst dann bestattet werden, wenn ihre sterblichen Überreste vollständig sind.

Im Fall von Crans-Montana habe das israelische Aussenministerium den Schweizer Behörden Hilfe angeboten. Sowieso zeigt sich bei der Hilfe für die Opfer von Crans-Montana, wie eng die Verflechtungen der Schweiz mit Europa, der Welt sind, wie schlecht ein Alleingang gerade hier funktioniert. «Leider haben wir viel Erfahrung mit Fällen, wo Todesopfer mit schweren Verbrennungen identifiziert werden mussten, besonders seit dem 7. Oktober 2023. Wir wollen hier helfen, damit die Familien trauern können», sagt Rouah. Aktuell würden sie auf das Okay der Behörden warten, um den Brandort zu betreten. Dazu wird es nicht kommen. Am Abend kommt die Nachricht, dass alle Toten identifiziert sind. Da alle Körper vollständig gewesen seien, sei ihre Arbeit in der Bar nicht mehr gebraucht worden, sagt Rouah später.

Weiter wie bisher?

An den Sonnenhang des Rhonetals geklemmt, aus dem Zusammenschluss von vier Gemeinden entstanden, wirkt Crans-Montana zersiedelt, ohne eigentliches Zentrum. Im ehemaligen Dorfkern von Chermignon, das bei der Fusion 2017 in Crans-Montana aufging, liegen die Rue Centrale, über die die Trauernden am Morgen gingen, die Kapelle, der Flachdachbau aus den sechziger Jahren, in dessen Erdgeschoss sich das «Le Constellation» befindet. Die damalige Gemeinde Chermignon war es auch gewesen, die dem Lokal ursprünglich die Bewilligung erteilt hatte.

Ganz in der Nähe führen mehrere Gondeln zu den Pisten. An diesem Sonntag sind kaum Skifahrer:innen unterwegs, ein paar Kinder rutschen auf Skis auf Förderbänder, die Schneekanonen brummen. Kommende Woche sind hier zwei Europacup-Slaloms der Männer geplant, Ende Januar dann gastiert der Weltcup im Wallis. Der Vorverkauf ist gut angelaufen, eine Absage nicht vorgesehen. Kritische Stimmen gab es: ein Megaevent mit Tausenden Zuschauer:innen und festlichem Rahmenprogramm, so kurz nach dem tragischen Ereignis?

Der Weltcup als sportlicher Wettkampf «soll und darf stattfinden», sagt Bruno Huggler, der Tourismusdirektor von Crans-Montana, später am Telefon. Das Fest werde sicher anders sein, das Rahmenprogramm angepasst werden. Die grundsätzliche Strategie des Ferienorts stelle man aber nicht infrage, insgesamt sei man «sehr gut unterwegs», 2025 fast schon ein Rekordjahr gewesen, «viele wegweisende Projekte für die Zukunft» stünden an. Schliesslich brauche eine ganze Gemeinschaft ihre Lebensgrundlage und ökonomische Perspektiven. Bei Sicherheitsthemen werde sich aber auch bei den Tourismusanbieter:innen «eine andere Sensibilität» einstellen.

Blumen und Kerzen beim Mahnmal vor dem «Le Constellation»
Der Ort, an dem sich alle Emotionen bündeln: Mahnmal vor dem «Le Constellation».

Erst längerfristig wird sich zeigen, wie sich die Silvesternacht auf Crans-Montana – in diesen Tagen weltweit zur Chiffre für Unglück und Versagen geworden – auswirkt. Ob die Tragödie einen Wendepunkt für den Ort bedeutet, abgesehen von den tragischen Verlusten, die Angehörige und Betroffene zu verkraften haben. Oder ob die Devise allenthalben lautet: Weiter wie bisher. Immer mehr Gäste, immer mehr Umsatz in immer kürzerer Zeit – vor allem in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr, den ertragreichsten.

«Wir werden auch wirtschaftlich unter diesem Drama leiden», sagt Maude Maruzza. Die 47-Jährige, dunkler Lidstrich, rot lackierte Nägel, sitzt am späten Sonntagnachmittag in einem Café unten im Tal, in der Kleinstadt Sierre. Maruzza hat drei Jahrzehnte lang im Dienstleistungssektor gearbeitet, in Bäckereien, als Reinigungskraft, vor allem aber in der Gastronomie. Meistens in Sierre, für kurze Zeit in Crans-Montana. Dass es zu dem Unglück kommen konnte, hält sie für «wenig überraschend». «Der Sicherheit am Arbeitsplatz wird in der Gastronomie leider nicht die nötige Priorität eingeräumt, ich kann mich an kaum einen Arbeitgeber erinnern, der mir erklärt hätte, wie man einen Feuerlöscher bedient.»

Maruzza spricht von Informationsmangel, von Angestellten, denen es erlaubt sei, mit Kunden zu trinken und die die Risikosituationen dann nicht mehr richtig einschätzen könnten, von den Türen alter Gebäude, die sich häufig nur nach innen öffnen liessen. So, wie es laut Medienberichten auch im «Le Constellation» bei einer wichtigen Fluchttür der Fall war. «Leider müssen wir öfter feststellen, dass der Arbeitssicherheit und insbesondere der notwendigen Instruktion des Personals zu wenig Gewicht beigemessen wird», schreibt die Unia Oberwallis dazu auf Anfrage.

Ihr Sohn habe an Silvester eigentlich auch ins «Constellation» gewollt, sagt Maruzza, nur weil ein Freund sich nicht wohlfühlte, sei er der Katastrophe entkommen. In ihrem Bekanntenkreis hingegen hätten mehrere Leute Angehörige verloren. Sie hofft, dass sich punkto Sicherheit und Kontrolle nun einiges ändern wird. «Tragisch nur, dass es dafür ein solches Drama braucht», sagt sie.

Von den Bürgerlichen verhindert

Es ist nicht so, dass die kantonale Politik in Sachen Brandschutz untätig gewesen wäre: Seit vielen Jahrzehnten fordert die SP die Einführung einer obligatorischen Gebäudeversicherung, nur hatten ihre Vorstösse im tief bürgerlich geprägten Wallis nie eine Chance. Erst im Juni, nach dem verheerenden Bergsturz von Blatten, nahm SP-Grossrätin Silvia Eyer erneut einen Anlauf: In einem Postulat bat sie den Staatsrat, ein Obligatorium zum Abschluss einer Versicherung für alle Gebäude im Kanton zu prüfen sowie die Einführung einer kantonalen Versicherung, die nicht gewinnorientiert und dem Marktdruck unterworfen ist. Der Vorstoss ist derzeit hängig, in wenigen Wochen, wenn das Walliser Parlament das nächste Mal tagt, könnte er behandelt werden.

Die SP Oberwallis hat sich inzwischen mit einer Stellungnahme zu Wort gemeldet, die der WOZ vorliegt: Aus der erfahrenen Solidarität erwachse auch «eine besondere Verantwortung», das «Walliser System» müsse geändert werden: «Eine Kantonalisierung der Brandschutzkontrollen würde die Gemeinden entlasten, Interessenkonflikte reduzieren und eine weitergehende Professionalisierung ermöglichen.» Gemäss einem RTS-Bericht hat der Staatsrat erste Konsequenzen gezogen: So wies er alle Gemeinden an, interne Abläufe, die Ausbildung des Personals und die Sicherheitsvorkehrungen in allen öffentlichen Betrieben zu prüfen. Die Kantone sistierten derweil die geplante Lockerung des nationalen Brandschutzes.

Am Sonntagabend, es ist längst dunkel geworden, sind es nur noch ein paar Medienleute, die sich vor dem Blumen- und Kerzenmeer die Füsse in den Bauch stehen. Die Walliser Generalstaatsanwältin spricht in die Kameras des Schweizer Fernsehens, das gerade eine mehrstündige Livesendung bestreitet. Acht Polizist:innen bewachen sie, halten ihr die anderen Journalist:innen vom Leib.

Kurz leuchten hinter den weissen Planen, die den Unglücksort verdecken, Taschenlampen auf, so als würde jemand in den Trümmern des einst fröhlichen Ausgehlokals nach etwas suchen. Ansonsten ist der Ortskern menschenleer, die meisten Bars geschlossen. An einer hängt ein Zettel: Man werde nach dem nationalen Gedenktag am kommenden Freitag wieder öffnen. Nur die Kellnerin aus der Crêperie gegenüber, die schon den ganzen Tag heissen Tee an die Wartenden und Trauernden, die Polizeibeamten und Journalistinnen verteilt hat, dreht weiter unermüdlich ihre Runden.