Frag die WOZ: In welches Land soll ich auswandern?

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«Welches Land ist das beste zum Auswandern?»

D. S., via Instagram

Ich will nicht um den heissen Brei herumreden, auf Ihre Frage kann es aus meiner Sicht nur eine Antwort geben: die Schweiz.

Grundsätzlich sind Sie bei mir an der richtigen Adresse, wenn Sie die Auswanderungstipps mit gelebter Expertise garniert wünschen. Mein Leistungsausweis im Feld ist nachweislich fundiert. Und ich bin damit nicht allein: Mehr als vierzig Prozent der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz können Sie in dieser Frage fachkundig beraten. Zumindest hier herrscht definitiv kein Fachkräftemangel. Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker, Ihre Strassenbauer:innen, Ihre Erntehelfer:innen, Ihre Fachkraft Betreuung, Ihre Servicemitarbeiter:innen oder eine Putzkraft Ihrer Wahl.

Die Schweiz als Einwanderungsland kann ich Ihnen wärmstens empfehlen: Wenn Sie gut ausgebildet, wirtschaftlich leistungsfähig und europäisch genug sind, sind Sie ohnehin herzlich willkommen. Sollten Sie den unkonventionellen Weg über das Asylwesen wählen, erwartet Sie ein Rundum-sorglos-Paket: In kollektiven Unterkünften wird früh der soziale Zusammenhalt gefördert. Dank der Schweizer Sicherheitskräfte müssen Sie sich um nichts kümmern, und da Sie erst mal gar nicht arbeiten dürfen, bleibt Ihnen viel Zeit, um mit dem knappen Sackgeld die hohe Kunst der kreativen Haushaltsführung zu üben. Es ist die Effizienz des Schweizer Asylsystems, das Sie denn auch stets wissen lässt, woran Sie sind: kurz vor der Ausschaffung. Mit ein wenig Glück wird Ihnen gar der Rückflug organisiert. Ja, dieses Land ist ein Sonderfall!

Während die Schweiz im 19. Jahrhundert noch ein klassisches Auswanderungsland war, das seine Armut in Richtung Übersee exportierte, hat sich das Blatt längst gewendet. Heute wächst die Bevölkerung fast ausschliesslich durch Zuwanderung; wir steuern auf die Zahl von zehn Millionen Einwohner:innen zu, und auch danach wird das Wachstum hoffentlich andauern. Bei einer Nettozuwanderung, die im internationalen Vergleich – gemessen an der Grösse – globale Spitzenwerte erreicht, kommen jährlich rund 180 000 Personen in die Schweiz. Wollen Sie mir etwa sagen, diese Menschen täuschen sich alle?!

Im Türkischen gibt es die Redewendung «başım alıp nere gidem?» (Wohin nur mit mir und meinem Kopf?) – ein Ausdruck der Verzweiflung, der spezifisch in Situationen gebraucht wird, in denen man sich selbst als ausserordentlich ratlos empfindet. Angesichts der weltpolitischen Lage kann ich den Reflex, abhauen zu wollen, grundsätzlich ja nachvollziehen. Seien Sie sich aber bewusst: Sie befinden sich in Mitteleuropa in einer äusserst privilegierten Situation. So privilegiert, dass Sie genug Zeit haben, sich eingehend über mögliche Destinationen Gedanken zu machen.

Darum meine Antwort: Bleiben Sie einfach hier.

Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!