Asylpolitik: «Wir nennen das Camp in Kaltbach Laboratorium»

Nr. 49 –

Sara Mohammed Sulaiman und Milad Soltanpoor mussten vor Krieg und Repressionen flüchten. In der Schweiz sehen sie sich mit den Härten des Asylsystems konfrontiert.

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Sara Mohammed Sulaiman und Milad Soltanpoor
«Wir sind keine Nummern. Wir dürfen nie aufhören, laut zu sein»: Sara Mohammed Sulaiman und Milad Soltanpoor.

Frage: Sara Mohammed Sulaiman und Milad Soltanpoor, wie ist es, als geflüchtete Person in der Schweiz zu leben?

Sara Mohammed Sulaiman: Sara Mohammed Sulaiman: Schwierig! Ich bin seit meiner Ankunft in der Schweiz mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Mein Asylprozess dauert sehr lange, nun schon fast ein Jahr. Zudem sind die Asylunterkünfte oft miserabel. Das gilt auch für jene im Kanton Aargau, in der ich seit zehn Monaten untergebracht bin. Sie liegt unterirdisch in einer Zivilschutzanlage, es gibt keine Fenster und keine frische Luft. Privatsphäre gibt es praktisch nicht. Es hat keine Türen; Menschen können jederzeit ohne anzuklopfen hereinkommen. Weil so viele Erwachsene und Kinder auf engem Raum zusammenleben müssen, ist es tags und nachts sehr laut, weshalb man kaum schlafen kann. Hinzu kommen die prekäre finanzielle Situation und die Ungewissheit darüber, wie lange wir unter diesen Bedingungen ausharren müssen. Wenn wir uns bei den Verantwortlichen über die Zustände beschweren, sagt man uns, wir sollten froh sein, dass wir ein Dach über dem Kopf haben.

Frage: Sie mussten vor dem Bürgerkrieg im Sudan flüchten. Trotzdem wurde Ihr Asylgesuch zuerst gar nicht beantwortet, weil die Schweizer Behörden ein Asylmoratorium für Personen aus dem Sudan verhängt hatten. Nun warten Sie seit langem auf einen Asylentscheid. Was löst das bei Ihnen aus?

Mohammed Sulaiman: Ich empfinde es als ungerecht. Alle wissen, was aktuell im Sudan geschieht. Die Geschehnisse in meiner Heimatstadt al-Faschir sind derzeit in allen Medien. Ich überlebte eineinhalb Jahre Krieg. Schon über das Erlebte zu sprechen, fällt schwer. Leider habe ich hier in der Schweiz erneut das Gefühl, in einem Kriegszustand zu sein – in einer Art psychischem Krieg.

Die Gesprächspartner:innen

Sara Mohammed Sulaiman (34) wuchs in al-Faschir in der Region Norddarfur im Sudan auf. Im nordostafrikanischen Land war sie als nationale Schutzbeauftragte für geschlechtsspezifische Gewalt bei einer internationalen NGO tätig. Im Jahr 2024 musste sie wegen des Bürgerkriegs aus dem Sudan fliehen. Sie stellte daraufhin in der Schweiz ein Asylgesuch. Dieses ist derzeit immer noch hängig. Sie lebt in einer Unterkunft im Kanton Aargau.

In Teheran geboren, wuchs Milad Soltanpoor (33) in der Nachbarstadt Karadsch auf. Dort war er in der familieneigenen Firma tätig, die mit Zubehör für Aquarien handelt. Wegen seiner regimekritischen Ansichten flüchtete er 2015 in die Schweiz. Er ist als abgewiesener Asylsuchender in einer Nothilfeunterkunft im Kanton Schwyz untergebracht.

 

Frage: Was meinen Sie konkret damit?

Mohammed Sulaiman: Meine Gedanken sind sehr oft im Sudan, wo unzählige Menschen ermordet werden, viele vor laufender Kamera. Auch enge Familienmitglieder wurden während des Krieges ermordet. Gleichzeitig ist meine eigene Situation in der Schweiz sehr schwierig. Diese Mischung nimmt mir die Luft zum Atmen und ist zutiefst enttäuschend.

Frage: Was enttäuscht Sie am meisten?

Mohammed Sulaiman: Schon als Kind hörte ich, die Schweiz sei das Land der Menschenrechte. Nun bin ich hier und erlebe etwas ganz anderes. Ich arbeitete im Sudan als Menschenrechtlerin für eine internationale NGO. Nun bräuchte ich selber Hilfe – aber ich erhalte diese nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, in einer künstlichen Welt gelandet zu sein, in der Menschlichkeit nur vorgetäuscht wird.

Milad Soltanpoor: Leider ist der Umgang mit Geflüchteten in der Schweiz schlecht. Obschon die Menschenrechtslage im Iran katastrophal ist, habe ich – wie die meisten Iraner:innen – einen negativen Asylentscheid erhalten. Das hängt aus meiner Sicht auch damit zusammen, dass die Schweiz gute Beziehungen zum iranischen Regime unterhält.

Frage: Können Sie Ihre derzeitige Lebenssituation schildern?

Soltanpoor: Ich lebe seit zehn Jahren hier, die Hälfte davon im sogenannten Nothilferegime für abgewiesene Asylsuchende. Ich wurde dem Kanton Schwyz zugeteilt. Wie dieser mit Geflüchteten umgeht, ist äusserst problematisch – speziell mit solchen mit negativem Asylentscheid. Zusammen mit rund zwanzig anderen abgewiesenen Personen muss ich in einem Container in einem Industriegebiet in Kaltbach leben. Die Zustände sind schlimm. Zudem müssen wir den Container jeden Morgen verlassen und dürfen erst abends zurück. Wir dürfen nicht arbeiten und erhalten fast kein Geld. So wollen uns die Behörden dazu bringen, die Schweiz zu verlassen. Doch wir geben nicht auf und protestieren immer wieder vor dem Migrationsamt in Schwyz.

Asylkongress in Bern

Die Schweizer Asylpolitik ist ausgrenzend und gewaltvoll. Am vergangenen Wochenende trafen sich in Bern Asylaktivist:innen, Kollektive, Basisorganisationen und Fachpersonen, um an Alternativen zu arbeiten und gelebten Widerstand zu organisieren. Das Überthema der von Solidarité sans frontières organisierten Veranstaltung war das «Recht auf Mobilitätsfreiheit». Rund 400 Teilnehmer:innen besuchten den Kongress und dessen 25 Veranstaltungen. Dabei wurde unter anderem an der Vernetzung für den Kampf gegen Ausschaffungen und an der Stärkung der Rechte illegalisierter Menschen gearbeitet.

Sara Mohammed Sulaiman und Milad Soltanpoor sprachen am Kongress darüber, wie migrantische Kämpfe verbunden und unterstützt werden können, sowie über den Umgang mit abgewiesenen Asylsuchenden aus dem Iran.

Frage: Gab es Reaktionen seitens der Behörden?

Soltanpoor: Man hört uns kaum zu. Ein paar Verbesserungen haben wir dennoch erreicht: An regnerischen oder sehr kalten Tagen dürfen wir nun auch tagsüber in der Unterkunft bleiben. Aber an unserer Gesamtsituation ändert dies wenig. Die künstlich geschaffene Hoffnungslosigkeit bleibt: Die Behörden berauben uns unserer Zukunftspläne und unserer Lebenszeit. Es braucht viel Energie, um in dieser Situation nicht depressiv zu werden oder auszurasten.

Frage: Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Soltanpoor: Wir versuchen im Camp, uns gegenseitig Mut für den nächsten Tag zu machen. Und wir lehnen uns auf und fragen die Verantwortlichen, ob der Umgang mit uns mit den Menschenrechten zu vereinbaren ist. Wir Bewohner:innen nennen das Camp in Kaltbach «das Laboratorium», weil es ein Ort ist, an dem die Behörden testen, wie viel Druck sie auf Menschen ausüben können – und wie diese darauf reagieren.

Frage: Wie wichtig ist der Protest, um die Hoffnung nicht zu verlieren?

Soltanpoor: Der Widerstand hilft uns, uns frei zu fühlen. Wir demonstrieren nicht nur in Schwyz: Gemeinsam mit iranischen Geflüchteten aus der ganzen Schweiz reise ich jeden Monat nach Bern und protestiere dort vor dem Staatssekretariat für Migration (SEM). Wir verlangen unsere Legalisierung.

Frage: Gab es Reaktionen seitens des SEM?

Soltanpoor: Das SEM hat uns zwar zu Gesprächen empfangen. Aber an der Situation iranischer Geflüchteter hat sich bisher nichts geändert. Vergangene Woche haben wir danach vor dem Bundeshaus Flugblätter verteilt.

Frage: Frau Mohammed Sulaiman, auch Sie haben vor einem Jahr vor dem Bundeshaus protestiert und dort eine Rede gehalten.

Mohammed Sulaiman: Das war kurz nach meiner Ankunft in der Schweiz. Andere Sudanes:innen hatten mir gesagt, dass keine Asylanträge von Menschen aus dem Sudan bearbeitet würden. Doch sie wussten nicht, weshalb. Wir fanden heraus, dass die Behörden ein Moratorium verhängt hatten. Die Behörden tun dies immer wieder, wenn viele Menschen aus einem Land flüchten – also gerade dann, wenn sie eigentlich schnellen Schutz bräuchten. Gemeinsam mit dem Migrant Solidarity Network organisierten wir den Protest vor dem Bundeshaus. Mit Erfolg: Wenige Wochen später wurde das Moratorium aufgehoben. Viele Sudanes:innen wurden seither als Geflüchtete anerkannt. Andere warten aber immer noch.

Frage: Wie wichtig ist Solidarität von ausserhalb der Camps?

Mohammed Sulaiman: Sehr wichtig. Die Zusammenarbeit mit dem Migrant Solidarity Network war besonders wertvoll, weil dieses auf Augenhöhe, geduldig und sorgfältig arbeitet. Ich wünsche mir, dass die Zivilbevölkerung insgesamt mehr Solidarität zeigt und sich stärker für die Situation Geflüchteter interessiert. Ich weiss, dass manche Menschen Geflüchtete als Belastung wahrnehmen. Dabei sind wir nicht freiwillig hier. Ich wollte den Sudan nie verlassen. Ja, ich wollte die Welt bereisen. Aber nur temporär und auf ganz andere, würdevolle Weise. Ich hoffe, dass mehr Menschen Geflüchtete als menschliche Wesen wahrnehmen.

Soltanpoor: Für die europäischen Regierungen sind Geflüchtete nur Zahlen. Sie wollen diese Zahlen kontrollieren und möglichst tief halten. Deshalb machen sie Druck auf uns. Sie wollen, dass wir die Schweiz verlassen.

Frage: Verfolgen Sie die politischen Debatten zur Asylpolitik?

Mohammed Sulaiman: Ja, das interessiert mich. Die Entscheide treffen uns direkt. Vor wenigen Monaten hat das Aargauer Parlament entschieden, dass die siebzig Franken, die wir wöchentlich zum Leben erhalten, nur noch auf einer Bezahlkarte ausgezahlt werden. Diese Karten funktionieren aber an Ticketautomaten oder in vielen günstigen Geschäften nicht. Rechte Politiker:innen sagen, sie wollten verhindern, dass Geflüchtete Geld in ihr Herkunftsland schicken. Dabei reicht das Geld nicht einmal für genügend Essen oder für die Zugfahrt in die nächste Stadt.

Soltanpoor: Es geht stets darum, uns zu kontrollieren. In ganz Europa wird der Umgang mit Geflüchteten härter. Ich verfolge die Nachrichten, etwa zu den Plänen Grossbritanniens, Menschen in grossem Ausmass auszuschaffen. Ganz Europa versucht, seinen «Garten» zu verteidigen. Die Folgen dieser Abschottungspolitik spüren wir jeden Tag.

Mohammed Sulaiman: Ich finde es schockierend, wie Milad leben muss. Gleichzeitig hilft es, von den Erfahrungen anderer Geflüchteter zu hören. Der Austausch, wie vergangenes Wochenende beim Asylkongress in Bern, hilft dabei, sich nicht alleine zu fühlen.

Soltanpoor: Wichtig ist, dass wir merken, dass wir einen Handlungsspielraum haben und Druck auf die Behörden und die Politik ausüben können. Wir sind keine Nummern. Wir dürfen nie aufhören, laut zu sein und für unsere Rechte zu kämpfen.