Radiohead: Freie Sicht für alle
Eine Runde für die Fans: Erstmals touren Radiohead ohne neue Songs, der Blick in die Vergangenheit klingt spielfreudig. Doch wars das jetzt?
Die grösste Frage muss offenbleiben: Was machen Radiohead hier eigentlich, mit dieser aktuellen Serie von Konzerten? Über sieben Jahre ist es her, seit die Band letztmals auf einer Bühne stand. Nun tut sie es – mit je vier Konzerten in fünf westeuropäischen Städten –, erstmals ohne neue Musik dabei zu haben. Wollen Radiohead sich warmlaufen, quasi in ihrer Geschichte Anlauf holen, bevor sie einen weiteren Aufbruch wagen? Oder bereitet die Band gar ihren Abgang vor und will davor noch einmal zurückblicken auf ihr Werk, es ihren Fans noch einmal in voller Blüte vorführen?
Ein Dienstagabend vor der Uber Arena, gleich spielen Radiohead hier vor 17 000 Leuten ihr zweites Konzert in Berlin. Daneben liegt ein kleinerer Saal, dessen Name klingt, als habe sich die Techindustrie einen zynischen Scherz auf ihre Kulturfeindlichkeit erlaubt: Uber Eats Music Hall. Umso mehr Freude machen die Leute, die erwartungsvoll in langen Schlangen anstehen: ein durchmischtes, auffallend junges Publikum, viele wohl um die zwanzig. Als vor bald zehn Jahren letztmals ein neues Radiohead-Album erschien, war dieser Moment für sie in weiter Ferne.
Vielleicht passt sie wieder ganz gut in die Zeit, die zutiefst inklusive Geste, die dieser Band schon immer zugrunde lag: «Du fühlst dich entfremdet, gehörst nirgends dazu? Hier bist du willkommen!» Es wirkt auch wie das Motto zu dieser Tour. Die Rundbühne ist in der Mitte des Publikums platziert, Sänger Thom Yorke wechselt alle paar Songs die Bühnenseite. Die Anlage sorgt nicht unbedingt für optimale Spielbedingungen, so kehren die Musiker einander meist den Rücken zu – sie wirkt eher wie eine einladende Geste: Wenn Radiohead schon so lange nicht zu sehen waren, dann gibt es jetzt freie Sicht für alle. Eindrückliche 65 Songs haben sie einstudiert und daraus wechselnde Sets gebaut, jedes über zwei Stunden lang, ihre populärsten Songs fair auf die Abende verteilt. Mit anderen Worten: eher Retrospektive als Abenteuer.
Radiohead, die immer wieder neue Wege beschritten haben, als kompromisslose musikalische Erneuerer, aber auch im Umgang mit einer monopolisierten Musikindustrie, meistern die Aufgabe sehr spielfreudig. In Berlin spielen sie ein balladenlastiges Set, ganze sechs Songs von «In Rainbows», viele auch von «OK Computer» und «Hail to the Thief». Der nicht idealen Akustik der Halle, die den trockenen Sound etwas verschmiert, kommt das entgegen. Songs mit filigraneren Arrangements klingen besser als rockige mit drei verzerrten Gitarren.
Ein Beispiel, im Set eingebettet zwischen den unschätzbaren Balladen «All I Need» und «Nude»: «Ful Stop» von «A Moon Shaped Pool» (2016). Die irisierenden Flächen klingen hier noch unheilvoller, Jonny Greenwoods Gitarre noch wahnsinniger als auf Platte. Auch Elektronik fährt wunderbar ein: «Sit Down. Stand Up.» erhält einen wuchtigen Bass aus dem analogen Synthesizer (und am Schluss ein lustiges Kraftwerk-Arpeggio), wie auch «Idioteque», das sich in einem dissoziativen technoiden Gewitter auflöst, während Yorke seinen melancholischen Gesang gegen eine Art psychotischen Rap eintauscht.
Gewiss, im Vergleich mit anderen wäre es ein würdevolles Ende. Aber gegenüber ihren zwanzigjährigen Fans auch nicht ganz fair.