Durch den Monat mit Fitzgerald Crain (Teil 3): Wie können Lehrpersonen entlastet werden?
Fitzgerald Crain hält die frühe Selektion in der Schule für falsch. Er engagierte sich für eine Schulreform in Basel, die gelang – und doch rückgängig gemacht wurde. Trotz solcher Rückschläge hat er die Hoffnung nicht verloren.
WOZ: Fitzgerald Crain, die Lehrpersonen, die ich kenne, scheinen mir sehr unter Druck zu sein. Wie könnte man Druck wegnehmen?
Fitzgerald Crain: Es wäre gut, wenn sie weniger Administratives tun müssten. Wenn sie mehr Zeit hätten … Ich komme immer wieder auf das Thema Zeit zurück. Ich finde die Theorie des Psychologen Daniel Kahneman sehr überzeugend: Es gibt schnelles und langsames Denken. Wenn ich ständig im Stress bin, neige ich zum schnellen, undifferenzierten Denken. Wir brauchen mehr langsames, genaues Denken.
WOZ: Sie schreiben, Lehrpersonen sollten erkennen, dass ihre Probleme strukturelle Ursachen hätten. Sonst seien sie Burn-out-gefährdet.
Fitzgerald Crain: Ja. Wenn sie das Gefühl haben: Es liegt allein an mir, dass ich diese Probleme habe. Wer unterrichten will, wünscht sich Kinder, die sich interessieren. Wenn eine Lehrerin die Erfahrung macht, dass sie nicht durchdringt, dass die Kinder antriebslos dasitzen und keine resonante Beziehung entsteht, nimmt sie das als persönliches Versagen wahr. Dann macht sie vielleicht eine Psychotherapie. Aber eigentlich sollte die Schule Raum bieten, über strukturelle Probleme zu reflektieren.
WOZ: Welche strukturellen Probleme?
Fitzgerald Crain: Ich bin überzeugt, dass vieles mit der frühen Selektion zu tun hat. In den meisten Kantonen gibt es immer noch drei Leistungszüge in der Sekundarstufe – obwohl man weiss, dass die Einteilung oft willkürlich ist. Im untersten Zug sind viele Jugendliche, die kaum eine Perspektive haben. Da kann ich noch so gut unterrichten – sie bekommen trotzdem keine.
WOZ: Haben Sie sich bildungspolitisch engagiert?
Fitzgerald Crain: Ja. In den achtziger Jahren war ich in der Bildungspolitik der SP Basel-Stadt aktiv. Basel brachte damals eine gute Schulreform zustande. Die Gliederung in Gymnasium, Real- und Sekundarschule wurde zugunsten der sogenannten Orientierungsschule aufgehoben. Da war eine gute Energie. Die ersten Crews dieser Orientierungsschulen waren wahnsinnig engagiert. Die wollten wirklich etwas verändern.
WOZ: Und dann?
Fitzgerald Crain: In der Folge von Harmos wurde das alte Schulsystem mit neuen Bezeichnungen wieder eingesetzt. Versprochen wurde Durchlässigkeit. Aber heute wechseln nur etwa vier Prozent der Jugendlichen den Leistungszug, weitaus mehr von einem höheren in einen tieferen als umgekehrt. Ein absurdes System.
WOZ: War die Reform gescheitert?
Fitzgerald Crain: Nein, es entsprach einfach dem Zeitgeist, die Reformideen der Linken rückgängig zu machen. Die Reform ist nicht an der Praxis gescheitert, sondern am Widerstand der bürgerlichen Parteien. Und die Linke interessiert sich heute zu wenig für Bildungspolitik. Die SP hat Anfang des Jahrtausends in ihren Bildungsthesen klar festgeschrieben: Es braucht eine selektionsfreie Schule bis zum Ende der Volksschule. Das steht dort immer noch, wird aber kaum noch diskutiert.
WOZ: Welchen Einfluss hat die Digitalisierung?
Fitzgerald Crain: Ich bin kein Spezialist für dieses Thema. Aber etwas fällt mir auf. Wir haben letzte Woche über die Verschleierung von Machtverhältnissen gesprochen. Ich fürchte, auch die Digitalisierung trägt dazu bei.
WOZ: Inwiefern?
Fitzgerald Crain: Sie kann dazu führen, dass ein Lehrer auf die Rolle des Coachs reduziert wird. Er sagt, mit welchem Programm die Kinder arbeiten müssen. Dann übernimmt der Computer. Der Computer reagiert nicht, wird nicht wütend, er ist einfach da – scheinbar objektiv. Aber in dieser objektiven Kontrolle steckt auch Macht. Das Kind erlebt Macht, fühlt sich hilflos, wenn es etwas nicht kann. Aber es kann diese Macht nicht in Beziehung bringen mit einer Person, die etwas fordert. Reibung mit einem Computer kann es nicht geben – höchstens wenn du ihn an die Wand schmeisst. Aber guter Unterricht hat auch mit Reibung zu tun. Darum verstehe ich nicht, wenn man sagt, Lehrpersonen müssten politisch neutral sein.
WOZ: Sie sollen die Kinder doch nicht indoktrinieren.
Fitzgerald Crain: Natürlich nicht. Aber warum soll ein Kind nicht wissen, welche Überzeugungen seine Lehrperson hat? Das heisst ja nicht, dass es sich damit identifiziert. Eine gute Lehrperson hilft dem Kind, eine eigene Meinung zu entwickeln. Wenn ich an meine Schule zurückdenke, fand ich jene Lehrpersonen toll, die eine eigene Meinung, eine eigene Persönlichkeit hatten.
WOZ: Gibt es etwas, was Ihnen Hoffnung macht?
Fitzgerald Crain: Kurzfristig bin ich nicht optimistisch. Der Kapitalismus eines Elon Musk ist einfach der Horror. Er ist für die Motivation von Kindern eine Katastrophe. Wenn junge Menschen nur das Ziel haben, reich zu werden, erwarten sie von der Schule, dass sie ihnen das irgendwie ermöglicht. Wenn sich die Schule in diese Richtung entwickelt, verliert sie ihre Seele.
WOZ: Und langfristig?
Fitzgerald Crain: Ich habe gern junge Menschen. Sie haben so ein grosses Potenzial. So viel Lebenslust und Interesse. Sie haben die Fähigkeit, kooperativ und solidarisch zu sein. Das wird nicht verschwinden.
Der pensionierte Psychologe und Erziehungsberater Fitzgerald Crain (81) geniesst es sehr, seinen jüngsten Enkel (sechzehn Monate) zu hüten.