Durch den Monat mit Yassin al-Haj Saleh (Teil 2): Wie haben Sie das Foltergefängnis überlebt?

Nr. 7 –

In jeder Gesellschaft, sagt der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh, werden Menschen zu Monstern gemacht, die Lust an der Gewalt haben – wenn man sie denn gewähren lasse.

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Portraitfoto von Yassin al-Haj Saleh
«Ohne das Lesen und Schreiben wäre ich zerbrochen. Wir lasen in der Haft viel Sigmund Freud und wurden fast alle zu Laienpsychologen»: Yassin al-Haj Saleh.

WOZ: Yassin al-Haj Saleh, als Jugendlicher war Franz Kafkas «Die Verwandlung» für Sie eines der wichtigsten Bücher. Warum?

Yassin al-Haj Saleh: Yassin al-Haj Saleh: Ich war schüchtern, Mädchen waren für mich unerreichbar. Also las ich unentwegt und träumte schon früh davon, Autor zu werden. Mit vierzehn Jahren las ich «Die Verwandlung» zum ersten Mal. Kafkas Text hat mich tief beeindruckt, noch nie zuvor hatte ich etwas Vergleichbares gelesen. Zu dieser Zeit schrieb ich meine ersten Kurzgeschichten, eine davon in Anlehnung an Kafka. Das Ergebnis war miserabel.

WOZ: Waren Ihre Eltern politisch?

Yassin al-Haj Saleh: Nein. Mein Vater war Bauer, meine Mutter kümmerte sich um uns neun Kinder. Wir lebten in einem Dorf nördlich von Rakka, nahe der türkischen Grenze. Wir waren arm und hatten kein fliessendes Wasser, aber wir besassen Land. Da es in unserer Nähe keine Flüsse gab, waren wir jedoch vollständig vom Regen abhängig. Wir hatten einige Schafe, und in meinen frühen Jahren war ich Hirte.

WOZ: Als junger Mann zogen Sie nach Aleppo und begannen, Medizin zu studieren. Haben Sie sich während dieser Zeit politisiert?

Yassin al-Haj Saleh: In Syrien herrschte in den siebziger Jahren eine Atmosphäre der Intellektualität. Meine älteren Brüder waren Kommunisten, das faszinierte mich. Also trat ich einer kommunistischen Partei bei, die sich gegen das Regime stellte und die Moskau kritisch gegenüberstand. Meine Eltern wussten davon, und sie waren nicht glücklich darüber.

WOZ: Warum eine kommunistische Partei?

Yassin al-Haj Saleh: Für mich als armer Mensch vom Land war Kommunismus mit der Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit und Demokratie verbunden.

WOZ: 1980 wurden Sie gemeinsam mit einigen Genossen festgenommen. Sie waren neunzehn Jahre alt. Was war der Vorwurf?

Yassin al-Haj Saleh: Die Mitgliedschaft in einer verbotenen Vereinigung. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nie gedacht, dass ich sechzehn Jahre im Gefängnis verbringen würde. Ich rechnete mit einigen Monaten, vielleicht einem oder zwei Jahren. Einige Jahre später wurden auch meine beiden Brüder inhaftiert. Schon damals war Syrien einer der unmenschlichsten Orte der Welt.

WOZ: Im Gefängnis hat man Ihnen einen Handel angeboten: Freiheit gegen Kooperation mit dem Regime.

Yassin al-Haj Saleh: Das passierte mehrfach. Freiheit gab es nur um den Preis der Würde. Das habe ich abgelehnt.

WOZ: Zur Strafe kamen Sie 1994 in das für Folter berüchtigte Tadmur-Gefängnis. Was hat Ihnen in all den Jahren hinter Gittern geholfen?

Yassin al-Haj Saleh: Das Lesen, später das Schreiben. Beides hat mich gerettet. Ohne das wäre ich zerbrochen. In den ersten eineinhalb Jahren hatten wir keine Bücher. Danach liessen wir uns Werke etwa von Hegel, Kant und Marx reinschmuggeln oder bekamen diese legal. Der marokkanische Philosoph und Historiker Abdallah Laroui wurde für mich besonders wichtig. Auch Sigmund Freud wurde viel gelesen. Wir wurden fast alle zu Laienpsychologen. (Lacht.)

WOZ: Hatten Sie Papier und Stift zur Verfügung?

Yassin al-Haj Saleh: Erst nach einem Hungerstreik 1988 wurden uns Stifte erlaubt.

WOZ: Gab es Solidarität unter den Gefangenen?

Yassin al-Haj Saleh: Sehr grosse sogar. Wir waren eine Gemeinschaft. Wir teilten Geld und Zigaretten. In Tadmur kam es mehrmals vor, dass wenn jemand zur Misshandlung ausgewählt wurde, ein anderer vortrat, um ihn zu schützen. Das war heroisch. Denn es war nie klar, welche Form der Gewalt ihn erwartete. Es konnte bei einem Schlag ins Gesicht bleiben – oder in Folter übergehen.

WOZ: Warum wurde in Anstalten wie Tadmur überhaupt gefoltert, wenn die meisten Gefangenen ohnehin nicht überlebten?

Yassin al-Haj Saleh: Ein Paradoxon, das die Genozidforschung seit langem umtreibt: Um ihre Gewalt ausüben zu können, müssen Täter offenbar jede Form von Mitgefühl gegenüber ihren Opfern ablegen und sich vollständig mit der Rolle des Tötenden identifizieren.

WOZ: Folter ist auch ein Ausdruck von Männlichkeit, so lautet eine Ihrer Thesen.

Yassin al-Haj Saleh: Oft sind es junge Männer aus der unteren Mittelschicht. Die Täter sind nicht von Geburt an Monster. Sie werden zu Folterern gemacht. Sie erhalten Macht und demonstrieren sie durch Gewalt. Sie prahlten damit, dass sie uns Gefangene wie Schädlinge ausrotten. In jeder Gesellschaft gibt es diese unsichtbaren Monster, die zerstören, wenn man sie lässt.

WOZ: Sie schrieben auch: Folter zerstört Sprache – wie gelang es Ihnen dennoch, Bücher zu publizieren?

Yassin al-Haj Saleh: Meine ersten Texte über das Gefängnis habe ich erst sechs Jahre nach meiner Entlassung veröffentlicht. Ich brauchte Distanz. Das Buch «Freiheit: Heimat, Gefängnis, Exil und die Welt» erschien zwanzig Jahre nach meiner Haftentlassung. Wer gefoltert wird, kann nur noch schreien. Auch ich musste meine Sprache neu finden.

Yassin al-Haj Saleh (65) gilt als einer der wichtigsten syrischen Intellektuellen. Er ist Autor von neun Büchern, von denen drei ins Deutsche übersetzt wurden. Seine Werke erscheinen im Verlag Matthes & Seitz, darunter «Hannah Arendt in Syrien».