Literatur: «Bücher können keine Waffen kontrollieren»

Nr. 9 –

Die iranisch-afghanische Autorin Aliyeh Ataei hat ihren Glauben an die verändernde Kraft von Literatur verloren. Trotzdem schreibt sie weiter. Eine Begegnung.

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Portraitfoto von Aliyeh Ataei
«Mein englischer Verleger rief an und fragte, was das mit der Uhr solle»: Da wurde Aliyeh Ataei bewusst, dass Zensur – wie ein Pakt – sowohl in ihrem Kopf als auch in dem ihrer Le­ser:in­nen stattfindet.

Am liebsten möchte Aliyeh Ataei einen Liebesroman schreiben, wie die grossen französischen Autoren. Doch das sei unmöglich: «Wenn ich versuche, eine Liebesgeschichte zu schreiben, dringt nach ein paar Seiten die Welt in meine Gedanken und in meine Literatur ein.» Die Welt, das ist für die 1980 geborene Ataei Krieg. Sie ist als offizielle «Bewohnerin des Grenzgebiets» im Iran an der Grenze zu Afghanistan aufgewachsen, als Tochter einer iranisch-afghanischen Familie, die von den Kriegen in beiden Ländern direkt betroffen ist.

Seit 2023 lebt sie als Autorin in Paris, zurzeit ist sie Writer in Residence im Literaturhaus Zürich. Hier sitzt sie an diesem verregneten Februarmorgen und wirkt erschöpft. Ihre Hände zittern leicht, manchmal bricht ihre Stimme im Gespräch, wird ganz leise. Dann wieder hebt Ataei an, spricht klar und bestimmt, und die kämpferische Kraft, die in dieser Frau steckt, wird erkennbar.

Beim Ringen mit der Liebesgeschichte sei ihr plötzlich klar geworden, warum es im Iran und in Afghanistan kaum grosse Romane gebe, dafür aber grossartige Gedichte: «Wir haben weder die Zeit noch die Ruhe, die das Schreiben eines Romans verlangt. Jeden Moment kann sich unser Leben grundlegend ändern, und wir wissen nie, ob wir morgen tot sind.» Somit reichten die Gedanken nur für Gedichte.

Kein Frieden in Sicht

Oder für Kurzgeschichten. Ataeis einziges ins Deutsche übersetzte Buch, «Im Land der Vergessenen», ist eine Sammlung von autofiktionalen Erzählungen. Die Vergessenen in Ataeis Geschichten sind Frauen. Sie leiden am meisten unter den seit Jahrzehnten andauernden Kriegen im Iran und in Afghanistan, unter der Taliban-Herrschaft und der Regierung der Mullahs. Da ist Ataeis Tante Anar, der die Taliban die Zunge rausschneiden, weil sie Mädchen in Englisch unterrichtet. Da ist Mahboubeh, die in den achtziger Jahren als Kommunistin von der Familie ihres Mannes verstossen und zurück nach Afghanistan geschickt wird, wo sie ermordet wird.

Ataei beschreibt die alltägliche Brutalität und die Normalität der Gewalt schonungslos. «Ich kann kaum glauben, dass die Geschichten, die auf diesen Seiten erzählt werden, meine eigenen sind», schreibt sie an einer Stelle, «und dass ich nach so viel Unglück immer noch Worte finden kann, um der Welt mitzuteilen, wie sehr der Krieg uns verletzt, uns vertreibt, uns auslöscht.»

Tatsächlich habe sie zurzeit Mühe, Worte zu finden, sagt sie an diesem Morgen in Zürich, ihr Kopf sei angesichts der angespannten Lage im Iran völlig besetzt. Für sie ist klar: «Im Nahen Osten wird es keinen Frieden geben. Schon zu lange herrscht Krieg.» Auch in Aliyeh Ataeis Literatur wirkt er fort. «Wie kann ich in der Literatur vom Frieden erzählen, während ich fürchten muss, dass in der Realität mein Haus zerstört oder mein Kind getötet wird?» Sie schreibt, um den Vergessenen eine Stimme, ein Gesicht, einen Namen zu geben. Doch in den über zwanzig Jahren, in denen sie als Autorin tätig ist, hat sie den Glauben an die Wirkmacht der Literatur verloren: «Bücher können keine Waffen kontrollieren.»

Dabei war sie einmal überzeugt, dass Kunst und Literatur die Welt verändern können. Als Achtzehnjährige zog sie von Birdschand nach Teheran, um Dramatisches Schreiben zu studieren. Sie habe schon als Teenager geschrieben, «ich wollte die schönsten Wörter festhalten». Der Schritt von der Grenzregion nach Teheran sei die grösste Veränderung in ihrem Leben gewesen, eine viel einschneidendere Emigration als jene von Teheran nach Paris. In Teheran sei für sie eine völlig neue Welt aufgegangen: «Die Kunst und die Literatur, zu denen ich dort Zugang hatte, änderten mein Denken und mein Leben. Und ich dachte, wenn das mir passiert, kann das doch allen Menschen passieren. Ich war voller Hoffnung.» Doch bald habe sie gemerkt, dass viele Menschen gar keine Veränderung wollten: «Vor allem nicht jene, die von der Gewalt und den diktatorischen Regimes profitieren.»

Heirat in der Bibliothek

Vier Bücher sind von Aliyeh Ataei bisher im Iran erschienen. Mit ihren Publikationen hat sie sich nicht nur Freund:innen gemacht. Vor mehreren Jahren bedrohten sie Verwandte, weil diese in ihren Geschichten vorkommen. Auch die iranische Zensurbehörde mischte sich immer wieder ein. Grundsätzlich prüft sie alle Bücher vor Erscheinen, verbietet manche ganz, streicht Stellen oder verlangt Änderungen. In einer von Ataeis Geschichten reden eine Nachbarin und ein Nachbar miteinander. Deswegen müssten sie verheiratet sein, forderte die Behörde. «Völlig lächerlich», Ataei schüttelt den Kopf. Doch sie schrieb die Passage um und liess die beiden, ausgerechnet, in einer Bibliothek heiraten.

Um die Zensur zu umgehen, haben Autor:innen im Iran spezifische Codes und Strategien entwickelt. «In einer Geschichte beschreibe ich, wie ein Mann und eine Frau zusammen reden, und am nächsten Morgen vergisst der Mann seine Uhr neben dem Bett. Allen iranischen Leser:innen ist klar, dass die beiden Sex hatten.» Ataei lacht und fährt fort: «Doch mein englischer Verleger rief mich an und fragte, was das mit der Uhr solle, was da passiert sei.» Sie sei völlig überrascht gewesen, dass er nicht verstanden habe. Erst da sei ihr bewusst geworden, dass die Zensur sowohl im Kopf der Autorin als auch in jenem der Leser:innen stattfinde, dass es einen Pakt zwischen den beiden gebe.

Einmal hat Ataei es gewagt, diesen Pakt ironisch zu brechen: «Ich habe ein Buch geschrieben über einen Mann, der bei der Zensurbehörde arbeitet. Er schneidet alle erotischen Texte aus den Büchern heraus und macht eine Collage daraus. Am Ende hat er ein pornografisches Werk, das er liebt.» Sie habe das Manuskript ihrem iranischen Verleger geschickt, doch der meinte, sie sei verrückt, sie komme ins Gefängnis, wenn sie das veröffentliche. Tatsächlich verbot die Zensurbehörde das Werk. «Immerhin redet im Iran die Behörde mit einem», sagt sie trocken, «in Afghanistan wirst du einfach erschossen.»

Unverständnis gegenüber Tradwives

Die aktuelle Situation in Afghanistan belastet sie stark. Dass die USA das Land 2021 den Taliban überlassen hätten, sei eine absolute Katastrophe. Vergangene Woche hat sie mit einem Cousin telefoniert. Seine elfjährige Tochter darf nicht mehr zur Schule gehen. «Die ganze Welt weiss, was passiert, aber niemand handelt!» Um selbst etwas zu tun, unterrichtet Ataei seit kurzem per Zoom zehn Frauen aus Afghanistan in literarischem Schreiben. Eine wunderschöne Arbeit sei das. Auch wenn sechs der Frauen vollverschleiert und unter falschem Namen teilnähmen – aus Angst vor den Konsequenzen, würden sie erkannt. Eine Teilnehmerin sagte, ihre Familie brächte sie um, wenn sie davon erführe.

Aliyeh Ataei bewundert diese Frauen für ihren Mut. Sie ist überzeugt: «Im Iran werden alle Frauen als Feministinnen geboren. Du hast gar keine Wahl. Bereits der Schritt auf die Strasse, um Brot zu kaufen, ist für uns ein täglicher Kampf.» Vor kurzem hörte sie erstmals vom Phänomen der Tradwives: Frauen, die keine Feministinnen sein wollen, sondern deren Traum es ist, für Heim und Mann zu leben. «Diese Frauen hätten alle Freiheiten der Welt, zu tun und zu sagen, was sie wollen, und ziehen sich in ihre vier Wände zurück.» Sie schüttelt verständnislos den Kopf: «Anscheinend bedeutet es für diese Frauen Freiheit, sich aus Gesellschaft und Politik zurückzuziehen.» Für Frauen im Nahen Osten gebe es diese Option gar nicht: «Gesellschaft und Politik sind auch innerhalb unserer vier Wände präsent. Sie töten uns.»

Da ist sie wieder: die Welt, die alles durchdringt.

Die Autorin liest am Montag, 2. März 2026, um 19.30 Uhr im Literaturhaus in Zürich. www.literaturhaus.ch

Buchcover von «Im Land der Vergessenen»
Aliyeh Ataei: «Im Land der Vergessenen». Erzählungen. Aus dem Persischen von Nuschin Maryam Mameghanian-Prenzlow. Luchterhand Verlag. München 2025. 192 Seiten.