Nr. 37/2016 vom 15.09.2016

«Jedes Möbelstück ein Grab aus Schweigen»

Mit «Kalkutta» wendet sich die in Paris lebende indische Autorin Shumona Sinha wieder ihrer Heimat zu. Ihr politischer Familienroman ist eine Hommage an ihren Vater und an Westbengalen.

Von Silvia Süess

Als Trisha in ihrer Heimatstadt Kalkutta (heute offiziell Kolkata) eintrifft, liegt der Vater bereits seit zwei Tagen im Krematorium auf einem Bett aus Bambus. Die Nachbarn haben ihn ausserdem auf einen Block Eis gelegt. Nachdem der Vater eingeäschert worden ist, sucht Trisha das Haus auf, in dem sie aufgewachsen ist. Und hier, im unbewohnten Elternhaus, wo die Zeit «in diesen Räumen mit den schweigenden Wänden gefangen» ist, steigen sie plötzlich empor: die Erinnerungen an ihre Kindheit, an Mutter, Vater und an die Grossmutter väterlicherseits.

Trisha ist das Alter Ego der in Paris lebenden indischen Autorin Shumona Sinha, die zurzeit als Writer in Residence in Zürich zu Gast ist. Mit ihrem neuen Roman «Kalkutta» kehrt Sinha literarisch in ihre Heimat zurück. 2011 hatte sie in Frankreich mit «Erschlagt die Armen!», einem wütenden und sprachlich kraftvollen Monolog einer in Paris lebenden indischen Dolmetscherin, erstmals für Furore gesorgt (siehe WOZ Nr. 51/2015). Zeigte sie darin unerbittlich den Irrsinn des französischen Asylsystems auf, so erzählt sie in «Kalkutta» nicht weniger schonungslos von den politischen Kämpfen im Bundesstaat Westbengalen. Dabei schlägt sie den Bogen von den Unabhängigkeitskämpfen gegen die Kolonialherren Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu den Blutbädern, die die rechte Regierung Westbengalens unter Mamata Banerjee 2011 anrichtete.

Klassensystem ausser Kraft setzen

Wie «Erschlagt die Armen!» ist auch der Roman «Kalkutta» ein hochpolitisches und engagiertes Buch. Allerdings ist diesmal nicht Wut die treibende Erzählkraft, sondern die Erinnerung. Und wie «Erschlagt die Armen!» ist auch «Kalkutta» stark autobiografisch gefärbt. Denn Shumona Sinha erzählt die Geschichte von Westbengalen anhand ihrer eigenen Familiengeschichte.

Dreh- und Angelpunkt des Buchs ist der Vater der Erzählerin Trisha. Shankhya, ein sympathischer Mann aus einfachen Verhältnissen vom Land, wird in Kalkutta Physikprofessor und steigt zum angesehenen Mitglied in der Kommunistischen Partei auf. Intellektuell und fortschrittsfreudig, ist er bereits Anfang der siebziger Jahre Mitglied der Partei – zu einer Zeit, als die rechte Kongresspartei jeden Tag Hunderte Kommunisten verhaften liess. Der Professor aus Leidenschaft empfängt in seinem offenen Haus nicht nur Parteimitglieder, auch seine Studenten kommen zu politischen Tischrunden. Ein Rikschafahrer, der Ehemann einer seiner Hausangestellten oder der Briefträger gehören ebenfalls zu seinen Gästen. «Das war seine Art, das Klassensystem ausser Kraft zu setzen.»

Mit viel Zärtlichkeit, Bewunderung und Respekt schreibt Sinha über diesen Mann, von dem bis heute niemand weiss, warum die Scharfschützen ihn 1975 verschont haben und warum er schliesslich aus der Partei, die er so geliebt hat, ausgetreten ist. Diese übernahm in Westbengalen 1977 die Macht und regierte den indischen Bundesstaat, dessen Hauptstadt Kalkutta ist, während 34 Jahren.

Neben dem Vater gibt es zwei weitere Protagonistinnen, die das Leben der Erzählerin massgeblich geprägt haben: Da ist ihre Mutter Urmila, eine studierte Städterin aus gutem Haus, die jedoch an «Melancholie» leidet. Ihre wiederkehrenden Depressionen, die sie über Wochen ans Bett binden, lassen den Vater zum Pflegenden werden und zwingen die Tochter zu einer frühen Selbstständigkeit. Da ist ausserdem Annapurna, die Grossmutter väterlicherseits, die ihren eigenen Sohn vergöttert. Anhand dieser Figur – der schillerndsten und spannendsten des Buchs überhaupt – blickt Sinha zurück bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erzählt von den Unabhängigkeitskämpfen in der Kolonialzeit, von der Macht der Bilder des Fernsehens sowie von den blutigen Kämpfen zwischen Hindus und Muslimen in den neunziger Jahren. Um schliesslich mit einer völlig unerwarteten biografischen Wende im Leben der Grossmutter aufzuwarten.

Kalkutta schmilzt wie ein Eis

Sinha erzählt diese spannende und dichte Familien- und Politgeschichte in der ihr eigenen bildhaften Sprache, von Lena Müller sorgfältig aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Da schmilzt «Kalkutta in der Sonne wie ein schmutziges Eis», und «jedes Möbelstück ist ein Grab aus Schweigen». Die Mutter wird «langsam und träge, wie eine Schlange, die sich in den Schwanz gebissen hat». «Unter dem Bett hockt zwischen den Spinnweben wie eine dicke Monsunkröte der Aktenkoffer», und «als die schwarze Tinte der Nacht in ihre Pupillen gesickert war, erkannte sie einen Umriss». Manchmal wirken diese Bilder in der deutschen Sprache etwas überzeichnet, im französischen Original jedoch dringt die Poesie der Sprache ohne jeglichen Kitsch durch.

«Nach dem Tod meines Vaters wird mir auch die Erinnerung an meinen Vater genommen werden», meint die Erzählerin Trisha zu Beginn des Buchs. Das gilt nicht für die Autorin selber. Shumona Sinha hat die Erinnerungen an ihren Vater und die Geschichte einer ganzen Region nochmals aufleben lassen und sie in diesem schmalen und kraftvollen Buch dauerhaft festgehalten.

Die Autorin liest am Donnerstag, 6. Oktober 2016, um 19.30 Uhr im Literaturhaus in Zürich. www.literaturhaus.ch.

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