Von oben herab: An der Bahnsteigkante
Stefan Gärtner liebt Nachtzüge
Meiner Mutter selig war es immer suspekt, dass ich nicht im regulären, sondern bloss im Satirejournalismus gelandet war, und ich musste ihr dann die Hoffnung nehmen, dass sich das einmal ändern werde; und eben merke ich wieder, warum: «Nationalrat schickt Nachtzug nach Malmö aufs Abstellgleis» – nein, eine solch gratismetaphorische Zeile wie aus dem «Blick» hätte ich einfach nicht über mich gebracht. Umso weniger die anschliessende Entgleisung: «Der Nationalrat hat den Nachtzug nach Malmö endgültig versenkt und die geplanten Subventionen gestrichen. Umweltverbände sind empört, eine Berner Grossrätin fordert, ihr Kanton solle die Finanzierung übernehmen»; und also den Nachtzug nach Malmö aus der Versenkung des Abstellgleises bergen.
Egal, liebe Mutti und alle, die sich auf den Nachtzug Zürich–Malmö gefreut hatten: Es kann noch dauern, was eine Erfahrung ist, die man in Deutschland, geht es ums Bahnfahren, bekanntlich verinnerlicht hat. Neuerdings soll es sogar so sein, dass der desolate Zustand der Deutschen Bahn als Metapher für den desolaten Zustand des Gesamtstaatswesens gilt und also die Demokratieverdrossenheit fördert, eine Einschätzung, die ihre Grenze möglicherweise am Wahlkampfvorstoss der NSAfD hat, jedem Auto das Recht auf einen Parkplatz einzuräumen, und man soll nicht glauben, wie vielen Leuten das am Ende einleuchtet.
Die Bahn ist im grossen Kanton ja längst Hauptdarstellerin einer Daily Soap, und Berichte über die je neusten Verspätungskatastrophen, ausgefallene Stellwerke aus der Kaiserzeit oder die Erschöpfung derer, die das alles täglich ausbaden müssen, auf der Angebots- wie der Nachfrageseite, gleichen Yellow-Press-Seiten übers britische Königshaus, das ja ebenfalls von gestern und so was wie die idealtypische Langsamfahrstrecke ist; seine Störungen im Betriebsablauf sind Legion. Allerdings muss man mit dem britischen Königshaus keine Anschlusszüge erwischen, wie man nicht sagen können wird, es sei unterfinanziert, ja kaputtgespart. Dass im Buckingham Palace die Klos nicht funktionieren, hat man jedenfalls noch nicht gehört.
Wo waren wir? Richtig, beim Nachtzug nach Malmö. Ich liebe Nachtzüge (siehe WOZ Nr. 7/20), falls sie denn fahren (siehe WOZ Nr. 9/24), und gestern las ich, das neue Jahr halte einen Nachtzug von Amsterdam und Brüssel über Köln nach Mailand bereit, wobei sich Köln von meinem Schreibtisch in einer Stunde erreichen lässt. Einfach über Nacht nach Mailand! «Wenn wir keine Kinder hätten», sagt meine Frau, die ihre Kinder über alles liebt, «könnten wir das machen», aber die Kinder haben wir unter anderem deshalb, weil wir von der Möglichkeit gelangweilt waren, spontan alles machen zu können. Also fahren wir jetzt nicht mit dem Nachtzug nach Mailand (über Köln) oder Malmö (über Zürich), sondern mit dem Velo zum Weihnachtsfest in die Grundschule, und der Elternbeirat hat bereits Geld gesammelt, damit die Lehrerin ein Geschenk bekommt. Ich bin jetzt leider in dem Alter, wo ich sagen muss, dass es so etwas früher nicht gegeben hätte, und habe den Verdacht, dass sich auch hier die Erleichterung darüber ausdrückt, dass die Lehrerin pünktlich zum Unterricht erscheint, statt, wie im kaputtgesparten Deutschland üblich, mit 120 Minuten Verspätung und am falschen Bahnsteig. Das ewige Theater um den Nachwuchs und seine «Chancen» ist ja eins, das das Gebot der Selbstverantwortung dahingehend verinnerlicht hat, dass, wer sich nicht kümmert, dann nicht klagen darf, wenn die Versenkung und das Abstellgleis warten, und die «kleine Aufmerksamkeit» für die (im Übrigen tadellose) Lehrerin ist ein Vorgriff auf Zustände, wo es Bildung nur mehr gegen Bargeld gibt.
Dies nämlich der schönste Vers Erich Kästners: «Morgen kommt der Weihnachtsmann. Allerdings nur nebenan.» Bitte nicht zurückbleiben!
Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.