Politische Gewalt: Eine Katastrophe für die französische Linke

Nr. 8 –

Nach dem Tod eines 23-jährigen Rechtsextremen in Lyon gerät die Linkspartei La France insoumise kurz vor den Kommunalwahlen unter maximalen Druck.

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Noch ist nicht alles bekannt, was sich in Lyon nahe der Universität Sciences Po am Abend des 12. Februar abspielte. Aber schon jetzt ist klar: Dieser Abend ist eine politische Zäsur, vor allem für die Linkspartei La France insoumise (LFI). Es ist der Abend, an dem der 23-jährige Mathematikstudent Quentin Deranque, ein Mitglied der rechtsextremen Gruppierung La Traboule, nach heftigen Zusammenstössen zwischen ultralinken und -rechten Gruppen so schwer verletzt wird, dass er zwei Tage später stirbt.

Aber von Anfang an. Es ist 18 Uhr, als Rima Hassan, Europaabgeordnete von LFI, in einem voll besetzten Vorlesungssaal der geisteswissenschaftlichen Eliteuni einen Vortrag hält. Hassan wird in manchen linken Kreisen gefeiert, unter anderem, weil sie im Juni 2025 an der Mission Freedom Flotilla Coalition teilnahm, die die israelische Blockade des Gazastreifens durchbrechen wollte. Ihre politischen Gegner:innen werfen der 33-Jährigen, die im palästinensischen Flüchtlingslager Nairab in Syrien geboren wurde, ideologische Nähe zur Hamas und die Verherrlichung terroristischer Verbrechen vor. Hassan ist eine politische Figur, die begeistert und mobilisiert, die aber auch polarisiert und für einige zur regelrechten Hassfigur geworden ist.

Videos als Beweismaterial

Nicht überraschend also, dass sich in einer Stadt wie Lyon, die seit Jahren dafür bekannt ist, dass hier regelmässig politische Gruppierungen aneinandergeraten, eine Gegendemonstration formiert hat. Im Mittelpunkt steht das Kollektiv Némésis, das sich als feministische Gruppierung innerhalb der rechtsextremen Identitären versteht. Die Gruppe greift feministische Themen auf und deutet sie reaktionär um; sie ist von rassistischem, islamfeindlichem und transphobem Gedankengut geprägt. Anhängerinnen von Némésis zeigten sich in der Vergangenheit bewusst provokativ – auch auf Demonstrationen gegen sexualisierte Gewalt, die von linken Feministinnen initiiert wurden.

In Lyon nun, so die Version von Alice Cordier, der Gründerin des rechtsextremen Kollektivs, sei eine Handvoll junger Frauen, die ein Banner mit der Aufschrift «Raus aus unseren Unis, ihr Linksislamisten» trugen, durch Freiwillige geschützt worden. Letztere wollten «für Ordnung sorgen, falls die Aktivistinnen angegriffen werden», erklärte sie gegenüber der konservativen Tageszeitung «Le Figaro».

Etwa eine halbe Stunde später stossen diese «Freiwilligen», unter ihnen auch Quentin Deranque, einige Strassen weiter auf Antifaaktivist:innen. Videoaufnahmen zeigen, wie beide Seiten gewaltbereit aufeinander losgehen, rechtsextreme Aktivisten teils mit Brechstangen in der Hand. Auch das Ende des Zusammenstosses ist durch Videos bezeugt: Zwei Männer liegen am Boden und werden mehrfach heftig getreten, bevor die anderen Beteiligten auseinanderströmen.

Die «Unbeugsamen» unter Druck

Bis Mittwochmorgen gab es elf Festnahmen. Ins Blickfeld gerät immer mehr die Jeune Garde (Junge Garde), eine offiziell aufgelöste, antifaschistische Organisation, die 2018 unter anderem von Raphaël Arnault gegründet worden war. Sie zählte vor ihrer Auflösung mehrere Hundert Mitglieder. Arnault, bis 2022 Sprecher der Gruppe, sitzt seit anderthalb Jahren für LFI in der Nationalversammlung. Am Montag wurde einem seiner parlamentarischen Mitarbeiter, Jacques-Élie Favrot, zunächst das Zugangsrecht zur Nationalversammlung entzogen. 48 Stunden später wurde bekannt: Favrot gehört zu den Festgenommenen, wie auch weitere Mitglieder der Jungen Garde.

Die politische Schlacht und die Instrumentalisierung des Todes von Quentin Deranque haben in den letzten Tagen immense Ausmasse angenommen, manche sprechen schon von einem Charlie-Kirk-Moment für Frankreich. Die rechte Seite unterstellt Rima Hassan eine Mitschuld. In den sozialen Netzwerken kursieren Fotomontagen von ihr und Raphaël Arnault mit Blut an den Händen. Marion Maréchal-Le Pen, die von einem Lynchmord spricht, postete: «Die Milizen von Mélenchon und LFI töten.» Auch Justizminister Gérald Darmanin goss Öl ins Feuer und behauptete auf dem rechtskonservativen TV-Sender CNews: «Nicht die Polizei tötet in Frankreich, sondern das Verhalten der Ultralinken.» Der Präsident hatte bereits am Wochenende appelliert, «Ruhe, Zurückhaltung und Respekt» zu bewahren. Keine Ideologie könne als Rechtfertigung dienen, um zu töten.

Vonseiten der Linkspartei gab Raphaël Arnault seinem «Entsetzen und Ekel» angesichts der brutalen Tötung von Deranque Ausdruck. Die politische Verantwortung für den Tod des jungen Mannes trage man jedoch nicht, unterstrich die LFI-Fraktionsvorsitzende Mathilde Panot nach einer Schweigeminute für Deranque in der Nationalversammlung am Dienstag. «Jene, die dieses Drama instrumentalisieren, um uns zu diffamieren, müssen damit aufhören. Ihre Manöver sind unwürdig. Keiner von uns ist auf irgendeine Weise in diese Gewalttaten verwickelt.» Sie erinnerte auch daran, dass Opfer rechtsextremer Verbrechen weniger Aufmerksamkeit und Anteilnahme erfahren hätten.

Zum Märtyrer stilisiert

Doch die Frage, wie eng die Verbindung der LFI mit der Jungen Garde ist – bekannt ist etwa, dass der ehemalige Parteipräsident Jean-Luc Mélenchon einst ein Sommerlager der Gruppe besuchte –, dürfte in den nächsten Wochen die Gemüter erhitzen. Für die Partei kommt die Gewalttat von Lyon einer Katastrophe gleich. Sie muss befürchten, einen Monat vor den Kommunalwahlen mit ihrem inhaltlichen Programm gar nicht mehr durchzudringen. Kommt dazu, dass die Partei wegen strittiger Aussagen einzelner Mitglieder über den Gazakrieg von Innenminister Laurent Nuñez gerade erst als linksextrem eingestuft wurde, wogegen sie Einspruch erhoben hat.

Noch ist ungewiss, wie sich der Tod von Quentin Deranque auf die Wahlergebnisse konkret auswirken wird. Doch egal wie die Gemeindewahlen im März ausgehen, der Fall lastet jetzt schon schwer auf den «Unbeugsamen». Dass sich unter diesen Vorzeichen noch einmal ein breites Bündnis von linken Kräften zusammenschliesst wie zuletzt bei den Parlamentswahlen 2024, aus denen das Wahlbündnis Nouveau Front populaire (Neue Volksfront) überraschend als Sieger hervorging, wird immer unwahrscheinlicher, zumal die Gräben bereits zuvor gross waren. Aurore Lalucq, Europaabgeordnete der proeuropäischen, ökologischen Partei Place publique, sagte dem Nachrichtensender Franco Info, sie würde sogar für «eine Ziege oder sonst was» stimmen, um den rechtsextremen Rassemblement National zu verhindern. Der ehemalige Präsident François Hollande jedoch kündigte bereits an, seine Sozialist:innen wollten keinesfalls mehr mit LFI koalieren.

Auf rechter Seite wird Quentin Deranque inzwischen zum Märtyrer stilisiert, eine viel geteilte Porträtillustration von ihm trägt die Farben der Tricolore, darunter steht: «Quentin – getötet von Mélenchons Miliz». In die Trauer mischt sich Hetze, das Netz schreit nach Rache, und neue politische Gewalt wird nicht ausbleiben. Am Mittwoch musste die LFI-Zentrale in Paris nach einer Bombendrohung evakuiert werden.