Nr. 30/2008 vom 24.07.2008

Gescheiterte Galionsfigur

Ihre Streitschrift machte Iris von Roten zur tragischen Antiheldin.

Studierende der Universität Basel *

Lack und Leder. Hohe schwarze Stiefel, lange Fingernägel und eine scharfe Peitsche. So sieht das bekannteste und zugleich kontroverseste Bild von Iris von Roten aus. Dargestellt als Männerdompteuse und Domina gab man die Juristin und Frauenrechtlerin an der Basler Fasnacht im Februar 1959 der Lächerlichkeit preis. Am Morgenstreich machten rund ein Viertel aller Fasnachtscliquen Iris von Roten zum Thema. In den Zeitungen wurde sie unter anderem als «streitsüchtige Hysterikerin» und «Gift speiende Fürsprecherin» bezeichnet - als Frau, die nicht nur radikal die volle Gleichberechtigung der Frau fordert, sondern sogar Männer zur Hausarbeit zwingen will. Anlass war ihr kurz zuvor erschienenes Buch «Frauen im Laufgitter».

Ein skandalöses Buch

Iris von Rotens Buch war eine offene Kampfansage - in Inhalt und Form. Sie analysierte die Lage der Frauen in der Schweiz und kam zum Schluss: «Die Antworten auf die Fragen des weiblichen Lebens geben zum überwiegenden Teil Männer, wobei sie gerne einen Ton anschlagen, als hätten sie Geisshirten Wunderkuren anzupreisen oder aber Esel auf den rechten Pfad zu zerren.» Zu lange hätten Frauen in der Schweiz gute Miene zum bösen Spiel gemacht. In fünf Kapiteln führte sie vor, wie wichtig es deshalb für die Frau sei, sich beruflich, wirtschaftlich, politisch und sexuell von den Männern zu emanzipieren.

Und von Roten tat das äusserst unverblümt. Zum einen, indem sie immer wieder weibliche Tabuthemen ansprach: Sie erörterte sexuell-erotische Fragen und entmythologisierte sogenannt traditionell weibliche Werte. Zum andern formulierte sie dabei ebenso fordernd wie pointiert. «Lebenslängliche Kocherei, unvermeidliches Putzen und Pützeln und die Tretmühle ständigen Reparierens bilden die Zwangsarbeit, die im sogenannten Beruf der Frau und Mutter geleistet werden muss. Wie jede Zwangsarbeit ist sie nicht bezahlt.»

Die Reaktionen auf ihr Buch fielen vernichtend aus. Sie zielten nicht auf eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt, sondern machten die Person der Autorin lächerlich. Der Rezensent der «Luzerner Neusten Nachrichten» zum Beispiel höhnte unter dem Pseudonym Christian: «In Gedanken kehren wir in die Zeit zurück, da Iris nichts anderes war als das liebe, hübsche Fräulein Meyer von Rapperswil, und mancher mag heute bedauern, dass Schönheit mit so viel, mit zu viel Gescheitheit und erst noch mit solcher Streitbarkeit verbunden ist. Und noch andere werden sagen: Da heirate ich lieber eine schöne Dumme oder eine dumme Schöne oder einfach eine wirklich Liebe.»

Eine Frustrierte, eine Verräterin

Iris von Rotens Forderungen gingen in den späten fünfziger Jahren schlicht zu weit - auch für progressive Frauen. Die im Bund Schweizerischer Frauenvereine (BSF) organisierten Frauen fuhren auf Kompromisskurs mit den Männern. Am zeitgenössisch vorherrschenden Bild der Schweizer Frau als Hausfrau und Mutter wollten sie nicht grundsätzlich rütteln. Ganz im Gegenteil: Sie fürchteten um ihre bisherigen Errungenschaften und vermieden radikale Positionen, die die Männer gegen die «Sache der Frau» hätten aufbringen können.

Ausserdem war Iris von Roten auch als Person innerhalb der Frauenbewegung unbeliebt, weil sie so unangepasst war und selbstbewusst und fordernd auftrat. «Für die Linken galt sie als frustrierte Juristin aus besseren Kreisen, für die Rechten war sie eine Verräterin», meint Regina Wecker, Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte an der Universität Basel.

Dass Iris von Roten derart zum «Sündenbock» gestempelt wurde, hatte auch damit zu tun, dass «Frauen im Laufgitter» nur ein halbes Jahr vor der ersten nationalen Abstimmung über das Frauenstimmrecht publiziert worden war. Der Abstimmung war ein langer Kampf vorausgegangen, in dem der BSF sorgfältig darauf bedacht gewesen war, Taktgefühl und Kompromissbereitschaft walten zu lassen, im Hinblick auf eine friedliche Vereinbarung mit den wahlberechtigten Männern.

«In der Frauenbewegung ging man davon aus, dass eine Konsensfindung für den Verlauf der Volksabstimmung produktiver gewesen wäre», sagt Regina Wecker. Offensichtlich befürchtete man, Iris von Roten würde mit «Frauen im Laufgitter» den Ausgang der Abstimmung vom Februar 1959 negativ beeinflussen. Denn von Roten setzte auch nach der Publikation noch auf Konfrontation. Kritiker ihres Buches bezeichnete sie als «Kreaturen, die gern grunzen». An der Wahlurne verweigerten die Schweizer Männer den Frauen schliesslich mit einer Zweidrittelmehrheit das Stimmrecht.

Es wäre auch anders gegangen

Wenn man Leben und Werk der Iris von Roten betrachtet, macht es den Anschein, als hätte sie dadurch, dass sie öffentlich zu ihrer Meinung stand und sich nicht den herrschenden Normen unterwarf, alles falsch gemacht, was man als Frau nur falsch machen konnte. Ganz anders war es der französischen Feministin Simone de Beauvoir ergangen, als sie 1949 «Das andere Geschlecht» veröffentlichte. Ihr nicht weniger provokatives Buch wurde in erster Linie als philosophisches Werk eingestuft und fand breiten Rückhalt im intellektuellen Milieu Frankreichs.

Obwohl ebenfalls heftig umstritten, legte «Das andere Geschlecht» den Grundstein für einen modernen Feminismus. Das Werk stiess bei vielen Frauen auf Begeisterung. Simone de Beauvoir galt nicht als Aussenseiterin, sondern eher als revolutionäre Vordenkerin. Sie ist längst zur Ikone geworden.

Iris von Roten dagegen hat für ihre schonungslose Analyse und ihr kompromissloses Verhalten einen hohen Preis bezahlt: Mundtot gemacht, hat sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Ihre Streitschrift «Frauen im Laufgitter» allerdings hat ihren Zweck gleich zweimal erfüllt: Sie hat die Schweiz in den muffigen fünfziger Jahren in Aufruhr versetzt - und sie hat bei der Neuauflage 1991 noch einmal Licht in die verstaubte Rumpelkammer der Gleichberechtigung gebracht. Eine Rumpelkammer, die auch heute noch nicht völlig entstaubt ist.

Und heute?

Entwicklungsland Schweiz

Studierende der Universität Basel *

«Wir sind noch immer eine männerbündische Gesellschaft», sagt Andrea Maihofer.

Die Reaktionen auf das Buch «Frauen im Laufgitter» katapultierten Iris von Roten in ein gesellschaftliches Off. Wäre sie auch heute noch ein «schwarzes Schaf»?

Andrea Maihofer: Ja und nein. Nein, weil die Reaktionen heute wahrscheinlich nicht mehr so heftig ausfallen würden wie damals. Vieles von dem, was von Roten gefordert hat und was damals noch eine Ungeheuerlichkeit war, ist inzwischen selbstverständlich: das Wahlrecht für Frauen etwa, oder die Berufstätigkeit von Frauen. Iris von Roten ist in ihrer Genialität und Hellsichtigkeit schlicht zu früh gewesen.

Und weshalb würde Iris von Roten möglicherweise auch heute noch auf Ablehnung stossen?

Ihre aggressive Art und ihr teilweise sehr hochmütiger Argumentationsstil waren sehr kontraproduktiv. Sie hat damit das Klischee der «abschreckenden Feministin und Emanze» bestätigt. Vor allem in der Schweiz, in der, wie mir scheint, eine Art «Meckertabu» existiert und Kritik nicht sehr goutiert wird. Da ist von Rotens heftiger Dogmatismus schon eine arge Provokation.

Würden Sie die Schweiz als Sonderfall in Sachen Gleichberechtigung bezeichnen? Immerhin liegt sie gemäss einer WEF-Studie zur Gleichstellung zwischen Frau und Mann auf Platz 34, hinter Ländern wie China oder Russland.

Nein, eher als «Entwicklungsland» mit noch grossem Nachholbedarf. Wenn auch schon viel passiert ist, ist doch das Bewusstsein in der Schweiz noch nicht wirklich stabil, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter eigentlich nichts anderes ist als eine Frage der Gerechtigkeit und der Menschenwürde - auch für Frauen.

Warum dauern Gleichstellungsprozesse in der Schweiz so lange?

Das hängt stark mit dem traditionellen Selbstverständnis als männerbündische Gesellschaft zusammen. Männerbünde schliessen Frauen per Definition aus und empfinden das Eindringen von Frauen als bedrohlich. Zudem ist die Schweiz ja bekannt für eine eher zögerliche, abwartende Haltung auf politischer Ebene. Dies wird verstärkt durch die Selbstinszenierung als Sonderfall, so nach dem Motto: «Wir machen doch nicht jede Mode grad mit.» Langfristig wird die Schweiz aber nicht darum herumkommen, wenn sie auf internationaler Ebene bestehen will.

Wo hat die Schweiz den grössten Nachholbedarf?

Es fehlt an institutionellen Einrichtungen wie Krippen und Ganztagesschulen, die Frauen und Männern ermöglichen, Erwerbsarbeit und Familie einfacher zu kombinieren. Speziell für die Männer denke ich an mehr Teilzeitstellen oder die Möglichkeit zum bezahlten Vaterschaftsurlaub. Kurz: Ein wichtiger Schritt wäre eine Familienpolitik, die sich wirklich an beide Geschlechter richtet.

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