Nr. 20/2010 vom 20.05.2010

Vorwärts zur Gemütlichkeit?

Mit dem neuen Kulturfördergesetz wird die nationale Kulturinstitution einem grundlegenden Wandel unterzogen. Wird sie ihre Autonomie wahren können? Ein Blick zurück in die Zukunft der Schweizer Kulturstiftung.

Von Bettina Spoerri

Identität ist ohne Gedächtnis nicht möglich. An diese Erkenntnis denkt man angesichts der kürzlich veröffentlichten Studie «Zwischen Kultur und Politik: Pro Helvetia 1939 bis 2009». Die Forschung, deren Resultate von fünf jungen HistorikerInnen in aufschlussreichen Aufsätzen dargelegt werden, hat im selben Zeitraum stattgefunden wie die Vorbereitung des neuen Kulturfördergesetzes, in dem auch das Pro-Helvetia-Gesetz integriert sein wird.

Die Brisanz der bevorstehenden Umstrukturierung der Stiftung ist erst erkennbar, wenn man sie auf der Folie des historischen Befunds liest. Es stellt sich die grundlegende Frage, wie Pro Helvetia im neuen Kontext ihre Identität als nationale Kulturinstitution umreissen wird – und in welchem Verhältnis staats- und wirtschaftspolitische Interessen zu Kulturförderungskonzepten stehen werden.

Emotional aufgeladen

Das Szenario erinnert an eine psychoanalytische Inszenierung: Im untersten Stock des Patrizierhauses am Hirschengraben in Zürich wurde das Archiv der Geschäftsstelle von Pro Helvetia durchforstet und – unter Beizug weiterer Archive – in Vergessenheit Geratenes oder auch Verdrängtes ans Licht geholt. In den oberen Stockwerken indes war man schon mit der Weichenstellung für die Zukunft beschäftigt. So stehen nun die Aufarbeitung der Pro-Helvetia-Historie und der Entwurf für das neue Kulturfördergesetz, das dieses Jahr in die Vernehmlassung kommt und Anfang 2012 in Kraft treten soll, in einer eigentümlichen Spannung.

Der Patient, könnte man sagen, hat die Analyse vorzeitig abgebrochen, die Flucht nach vorne angetreten. Dieses Bild ist natürlich eine Vereinfachung, denn der Plan einer Geschichte von Pro Helvetia wurde von aussen, von wissenschaftlicher Seite – von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und den Universitäten Zürich und Fribourg – an die Stiftung herangetragen. Und das Bundesgesetz von 1965 betreffend die Pro Helvetia, das in einem anderen historischen Umfeld entstand, benötigte schon lange eine Revision. Doch die Debatten rund um die Kulturförderung in diesem Land sind zurzeit stark emotional aufgeladen. In dieser Situation lässt das Aufeinandertreffen von Rückblick und Umbruch die Diskussionspunkte der neuesten nationalen Kulturpolitik deutlich erkennen.

Der grösste Eingriff in die Institutionsorganisation, wie er für das Kulturfördergesetz vorgesehen ist, stellt die klare Trennung zwischen operativen und strategischen Zuständigkeiten dar. Bisher war der Stiftungsrat das mächtigste Gremium; er war der Direktion übergeordnet und fällte alle wichtigen inhaltlichen wie finanziellen Entscheide. Bereits ab den frühen fünfziger Jahren konnten im (stets männlich dominierten) Stiftungsrat neben akademischen ExpertInnen und PolitikerInnen immer mehr Kulturschaffende Einsitz nehmen. Dieser heute 25 VertreterInnen umfassende, im Milizsystem funktionierende pluralistische Rat wird ab 2012 nicht nur auf sieben bis maximal neun Mitglieder reduziert werden, sondern auch in seinen Kompetenzen empfindlich beschnitten, zugunsten des vollamtlichen Direktors.

Die bislang starke Position des Stiftungsrats geht auf die Anfänge von Pro Helvetia zurück, als sie 1939 als «Arbeitsgemeinschaft» ins Leben gerufen wurde, um im Sinne der geistigen Landesverteidigung die Schweizer Kultur gegen ausländische, namentlich die Nazipropaganda zu verteidigen.

Diese politische Ausrichtung veränderte sich mit den sechziger und siebziger Jahren, doch die einmal etablierte Rolle des Stiftungsrats blieb unter neuer, nun etwa auch sozialdemokratischer Dominanz bestehen; das Gremium war Kristallisationspunkt der inhaltlichen Diskussionen und demokratischen Prozesse innerhalb der Stiftung. Ihm seine operativen Kompetenzen abzusprechen und es zu verkleinern, bedeutet deshalb eine Schwächung des Mitspracherechts der Kulturszene. Der Know-how-Verlust wird allerdings durch die Schaffung einer empfehlenden Fachkommission gelindert, deren maximal dreizehn Mitglieder wiederum vom Stiftungsrat gewählt werden.

Swissness und Populärkultur

Was als «Straffung» des administrativen Aufwands angepriesen wird, wie es die Parlamentarische Verwaltungskontrolle im 2006 vorschlug, bündelt die Entscheide über Schwerpunkte und Gesuche letztlich in einer Person, dem Direktor. Zudem ermöglicht dies eine direktere Einflussnahme der Politik in die Ziele der Kulturförderung, indem in heiklen Fällen den Ansprüchen aus dem Parlament nur noch diese eine, unmittelbar von der Fördergeldpolitik abhängige Instanz gegenübersteht.

In der Pro-Helvetia-Geschichte gab es immer wieder heftige Proteste konservativer PolitikerInnen gegen die Darstellung kritischer Schweiz-Bilder im Ausland – doch erst die Hirschhorn-Affäre 2004 zeitigte erstmals einschneidende Folgen, als eine Million Fördergelder gestrichen wurde. Ein ähnlicher Skandal drohte wieder, als kürzlich eine Ausstellung von Christoph Büchel in Wien provozierte. Wer in der umgebauten Pro Helvetia wird den nächsten Kontroll- beziehungsweise Zensurversuchen entgegentreten?

So paradox es klingt: Verglichen mit den Gründungsjahren ist heute die Unabhängigkeit der Stiftung viel weniger garantiert. Heute sind es die wirtschaftlichen Interessen im globalisierten Markt, welche Schweizer Kultur als «nation branding», als Swissness-Label im Standortwettbewerb instrumentalisieren – und dieser Entwicklung steht Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel, der bis 2001 das Kultursponsoring der Credit Suisse leitete, nicht gerade skeptisch gegenüber. Die letzten Jahre der Kulturförderung der Stiftung sind zudem geprägt von einer Wiederentdeckung des Lokalen und Regionalen, eine Entwicklung, die sich auch im Themenprogramm «echos – Volkskultur für morgen» (2006–2008) spiegelte. Die Volkskultur, vornehmlich in ihrer rückwärtsgewandten, folkloristischen Ausprägung – und seltener in selbstironischer Spielart –, ist wieder ins Portfolio der Stiftung aufgenommen worden und hat ein Anwachsen entsprechender Gesuche nach sich gezogen.

Noch 1981 empfand die Pro Helvetia eine Schweizer Kulturwoche in Houston, die unter anderem ein Konzert für Orchester und Alphorn und eine Heidi-Ausstellung umfasste, als «Katastrophe». Damals wurde das Nationale als sinngebender Rahmen des Kulturschaffens ins Transnationale und Kosmopolitische ausgeweitet. Seit der Jahrtausendwende wird diese Öffnung wieder relativiert. Nun hat Knüsel angekündigt, die neue Kulturbotschaft, die die Ziele der politischen und finanziellen Steuerung der Kulturförderungsperiode 2012 bis 2015 definiert, werde «grösseres Augenmerk» auf «populäre Kultur» legen. Aber – ist die Konzentration auf eine mehrheitsfähige Kultur wirklich wünschenswert?

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