Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Kulturarbeit ist keine Muckibude

In Zeiten der Krise gerät auch die Kultur in den Fokus der Spardiskussionen. Doch um für die Herausforderungen unserer Zeit die richtigen Fragen stellen zu können, braucht es nicht weniger Kunst und Kultur. Sondern mehr.

Von Dorothea Strauss

Dorothea Strauss

Bei Rückenschmerzen empfiehlt es sich, auch gleich die Bauchmuskeln mitzutrainieren. Bauchmuskeln bieten eine gute Voraussetzung für die Stabilisierung des Rumpfes und somit des gesamten Bewegungsapparats. Sit-ups, Crunches, Push-ups, auch Squats, diese Übungen sind nicht schwierig. Die schlechte Nachricht: Man muss regelmässig den inneren Schweinehund überwinden.

Immerhin – es geht ziemlich schnell, denn gerade Bauchmuskeln sind, egal wem sie gehören, dankbar. Muskeln fragen nicht nach Beruf, Ausbildung, Lebenserfahrung oder Kreativität. Werden sie trainiert, stellt sich der gewünschte Effekt rasch ein. Und nicht nur die Rückenschmerzen gehen zurück, ein trainierter Bauch sieht sogar gut aus. Wer wünscht sich da nicht, dass sich in allen Lebenslagen eine solch unmittelbare Wirkung zeigt? – Ich tue etwas und werde belohnt. Grossartig!

Mit den geistigen Fähigkeiten verhält es sich etwas komplizierter. Wünscht man sich nicht nur einen durchtrainierten Körper, sondern auch einen aufgeweckten Geist, muss man ihn auf verschiedenen Ebenen fordern. Ein paar Übungen reichen da nicht aus. Aber, um in unserer sportiven Begrifflichkeit zu bleiben: Wie sieht ein sinnvolles Trainingsprogramm für einen wachen und aufmerksamen Geist aus?

Neben anderen wichtigen Faktoren bietet Kunst – ob in Museen oder Galerien, ob auf Bühnen, Laufstegen oder im öffentlichen Raum – für unser Training eine ideale Basis: Sich mit Kunst zu beschäftigen, hilft, die eigene Urteilskraft zu schärfen. Kreatives Denken ist etwas, das nicht jedem gleichermassen gegeben ist, das sich aber erlernen lässt.

Mittlerweile weiss man, dass kreatives Denken für ganz unterschiedliche Problemlösungen von grossem Nutzen ist. Sich mit Kunst zu beschäftigen, hilft dabei, dieses kreative Denken und Handeln zu erlernen und zu üben – und somit auch für andere Herausforderungen vorbereitet zu sein. «Andere Herausforderungen» sind beispielsweise die zunehmende Globalisierung oder auch die Rohstoffverknappung.

Wir müssen nämlich lernen, uns mit anderen Kulturen produktiv auseinanderzusetzen und dennoch unsere Identität nicht aufzugeben. Beim Thema Rohstoffverknappung sind wir dringend gefordert, über Konsumverzicht nachzudenken, und müssen unsere Vorstellungen, was Lebensqualität für uns bedeutet, überdenken. In beiden Fragen kann uns Kunst massgeblich unterstützen: Sie präsentiert uns Denkansätze, die nicht allein auf den Werten einer Wettbewerbsgesellschaft aufgebaut sind. Mit anderen Worten: Bei den erwähnten Themen geht es darum, alte Massstäbe zu überdenken und neue Kriterien zu entwickeln. Kunst bietet hierfür ein Übungsfeld für unorthodoxes Denken und Handeln. Sie lehrt uns Teamgeist, Kreativität und die Fähigkeit zum Gespräch, also Instrumentarien, die in unserer Wissens- und Bildungsgesellschaft dringend notwendig sind.

Kultur bedeutet Kapital

Massenkultur, Mainstream, Populärkultur, Nischenkultur, Kunst für die Eliten oder auch die Volkskultur: Dies sind nur einige der Begriffe, die immer wieder gegeneinander ausgespielt werden, wenn sich die Debatte um Kulturförderung oder auch um die Kürzung von Kulturetats dreht. Meist polemisch und oft oberflächlich werden verschiedene künstlerische Herangehensweisen und institutionelle Formate ohne Rücksicht auf Verluste in einen grossen gemeinsamen Topf geworfen, und das fertige Gericht heisst: «zu viel». Zu viele Museen, zu viele Kulturschaffende, zu viele Projekte, zu viele Anträge, kurz: zu viele Kosten.

Eine Kulturdebatte wird dann erst einmal rein auf Zahlen, auf ökonomische Zusammenhänge reduziert, über Inhalte oder Prozesse wird wenig bis kaum diskutiert. Dass aber Kultur Kapital bedeutet, wird dabei übersehen. Kapital meint hier durchaus das ökonomische, kulturelle, intellektuelle und soziale Kapital. So ist zum Beispiel die Stadt Zürich genau wegen ihres ebenso vielfältigen wie qualitätvollen kulturellen Angebots zu einer der international geschätzten «Lieblingsstädte» avanciert. Menschen aus aller Welt kommen nach Zürich, nutzen das breite kulturelle Angebot, gehen ins Hotel, essen in Restaurants, feiern in Clubs und kaufen in den Geschäften ein. Kunstproduktion und die Kultur, die daraus entsteht, sind ein Wirtschafts- und Gesellschaftsfaktor.

Mainstream und sogenannte Nischenkultur (was sind das überhaupt für Kategorien?) gegeneinander auszuspielen, ist kurzsichtig. Denn das Publikum braucht dringend beides. Ein Megaevent wie zum Beispiel ein Popkonzert eines sehr bekannten Stars kann sich genauso als wichtiger und persönlicher Meilenstein in die Erinnerung einschreiben wie das Erlebnis, mit nur zwanzig anderen Personen der Lesung eines völlig unbekannten Schriftstellers beigewohnt zu haben. Ein Anlass mit vielen Menschen schafft ein Gefühl der Verbundenheit. Im wahren Wortsinn: Man steht zusammen. Doch diese Verbundenheit wird leicht zum blinden Trott, gibt es nicht auch die Orte, an denen ein intimes – oder besser vielfältig-individuelles – Sehen, Denken, Fühlen und Handeln praktiziert wird: Künstlerische Prozesse brauchen Zeit, bis sie wirksam werden. Und auch viele der bekanntesten KünstlerInnen haben einst mit einem kleinen Publikum begonnen.

Kunst schafft Mehrwert!

Gerade in den letzten Jahren hat sich auch in der Schweiz das Thema Kunstvermittlung stark durchgesetzt. Die Kunst- und Kulturinstitutionen schaffen mit grossem Aufwand einen wichtigen Rahmen, damit Kinder und Jugendliche schon in jungen Jahren lernen, sich auf spielerische Weise auszudrücken und das noch nicht Bekannte zu benennen. Sie lernen Details zu erforschen, und insbesondere lernen sie, künstlerische Prozesse als etwas Nützliches, Produktives und vor allem aber auch Spassvolles zu begreifen. Schon in jungen Jahren üben sie durch die Beschäftigung mit Kunst, wie wichtig es ist, nicht alles am Resultat zu messen und zu bewerten, sondern prozesshaft Zusammenhänge zu verstehen.

Und dies sind die massgeblichen Voraussetzungen, um für die gesellschaftlichen, ökonomischen, sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit die richtigen Fragen zu stellen. Daher wäre es geradezu unvernünftig, im Kulturbereich zu kürzen, denn warum sollte man sich die Chance auf die Entwicklung einer Gesellschaft verbauen? Ganz im Gegenteil müssen wir den Kulturbereich sogar noch weiter aufstocken. Dann können wir die neuen Generationen – und uns gleich mit – vorbereiten für eine Veränderung des Bewusstseins, um mit den neuen Aufgaben unserer Zeit umzugehen. Kann Kunst uns bei diesen Fragen helfen? Ja, sie kann, denn sie hält uns unter anderem auch den Spiegel entgegen und fragt schonungslos: Wer bist du, und wohin willst du? – Darauf sollten wir antworten können.

Ja, wir müssen Ballast abwerfen. Doch dieser ist nicht etwa die Kultur. Es ist der Ballast unserer zu kurz gedachten Einstellung, Kunst und Kultur seien allenfalls ein «nice to have». Und wenn Kunst und Kultur auch mitunter sehr viel Spass machen, so sind sie doch keineswegs eine Spassindustrie. Deswegen nochmals zurück zur Behauptung, Kunst sei Kapital: Wenn wir für uns in Anspruch nehmen möchten, dass wir eine zugleich aufgeschlossene, kritische wie auch dynamische Gesellschaft sein möchten, dann sollten wir unbedingt den hohen Kommunikations- und Stabilisierungsfaktor von Kunst nutzen. Kunst schafft Mehrwert! Diesen dürfen wir nicht abbauen, wir müssen ihn ausbauen.

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