Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

Auf Augenhöhe mit der Fee

Im zweiten Roman der Zürcher Autorin Annette Hug breiten fünf Personen ihre Probleme auf der Couch aus – mit leichtem Augenzwinkern beobachtet.

Von Anna Wegelin

Ein Zimmer im Hochparterre, eine dunkelblaue Liege mit Plastikmatte am Fussende, eine Ficus-Allerweltspflanze mit braunen Blattspitzen. Fünf Personen mit fünf Macken gehen bei Frau Zeleny in die «Analyse». So unterschiedlich sie sich auch gebärden während der fünfzig Therapieminuten – etwas ist ihnen gemeinsam: der Drang, ihre Sorgen an einem «neutralen», gedankenfreien Ort abzuladen, der für einen Moment ihnen allein gehört. Ziemlich menschlich, nicht wahr?

Aber eigentlich beginnt es so: Frau Zeleny, eine gutaussehende Dame in fortgeschrittenem Alter, wohnt an Zürichs Villenhügel in der Residenz Fichtenwald – seit 200 Jahren wächst hier kein Wald mehr. Herr Blatter, Amtsrichter kurz vor der Pensionierung, besucht Frau Zeleny dreimal die Woche. Seit dreissig Jahren – Therapiejubiläum.

Blatter, erfolgreiches Berufsleben, weniger erfolgreiches Privatleben und überwundene Alkoholsucht, bringt Zeleny regelmässig frische Blumen. Sie pflegen einen angeregten Austausch über Gott und die Welt. Eine erprobte Therapiebeziehung, eine Konstante in seinem öden Leben, ein «Geschichtengeflecht, das ihn an Frau Zeleny band», eine halb heimliche Liebe zu ihr. Aber wie ist es für sie? Was für ein Mensch ist Frau Zeleny? Freudsche Übertragung oder darüber hinaus?

Der Zauber um Vera Zeleny

Annette Hug, die im Zentralsekretariat der Service-public-Gewerkschaft VPOD arbeitet, debütierte 2008 mit dem Roman «Lady Berta» über eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen, die ihr uneheliches Kind in der Schweiz zurücklässt und ihr Glück in London versucht. Auch in ihrem zweiten Roman, «In Zelenys Zimmer», steht eine Frau im Zentrum, besser gesagt, eine Fee: Denn die «wahre» Vera Zeleny, die uns immer mehr interessiert, lernen wir bis zum Schluss nicht kennen. Ihr Zauber aber bleibt, auch auf den letzten Buchseiten: Als Blatter sie nach einem Unfall im Spital besucht, meint sie mit einem Augenzwinkern: «Warten Sie nur, ich werde Sie noch überleben!»

Insbesondere Amalia, die Zeitungsjournalistin auf freiem Fuss, ist geradezu versessen darauf, herauszufinden, wie ihre Therapeutin mit dem Unfalltod von Amalias ehemaliger Schulkollegin Ella verbunden ist: Die Verstorbene ist eine Nichte von Frau Zeleny. Aber eigentlich hat Amalia ein ganz anderes «Problem», das zu Ellas jüngerem Bruder Beni führt und in einen Pflastersteinwurf mündet ...

Auch Aaron, der Geschichte und Philosophie studiert, ist ein spleeniger Typ mit düsteren Weltuntergangsfantasien («Bunkerjunge»). Aaron leidet unter Schlaflosigkeit und fragt sich: Ist «Psychoanalyse eine Art emotionaler Prostitution»? Wie Amalia kommt auch Aaron weiter mit sich, als er sich für die Kunststudentin Anita zu interessieren beginnt.

Frau Schädlers «Entwicklung» dagegen ist eher nervig: Sie wandelt sich von der depressiven, einsamen, BMW-fahrenden Hausfrau zur pilgernden Heilsbotschafterin, deren Läuterung einsetzt, als ihr Mann die Scheidung einreicht. Aber wir tun Frau Schädler unrecht: Vielleicht gibt es sie ja wirklich, und sie emanzipiert sich tatsächlich von ihrem narzisstischen Mauerblümchendasein. Sagt sie doch selbst: «Kein Klischee ist so platt wie das Leben.»

Ja, und dann Denise, die ein Lebensmittelgeschäft mit einem Angestellten führt und als Kind von ihrem Vater verprügelt wurde: Sie kanalisiert ihre Identitätssuche als lesbische Frau (mit Kinderwunsch) in den Fussballsport. In Zelenys Therapiezimmer lässt sie jene persönlichen Dramen Revue passieren, die sich auf dem Spielfeld und in der Garderobe zugetragen haben.

Leichtfüssige Protokolle

«In Zelenys Zimmer» ist ein überaus menschliches Buch. Eine heitere, fiktive Dokumentation über die Wege, Umwege und Abwege, über die Verstrickungen und Verquickungen von Biografien und Lebenssituationen. Die Autorin hat weise daran getan, ihre «PatientInnen» nicht in Grund und Bund zu psychologisieren, sondern die Monologe in einem leichtfüssigen, wohltemperierten Text zu protokollieren, mit einem Augenzwinkern hier und dort. Denn ist es nicht zum Lachen, dass das Leben manchmal zum Verzweifeln ist?

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