Nr. 11/2012 vom 15.03.2012

Ein autonomer Spielplatz mitten im Städtchen

Im bürgerlich regierten aargauischen Bremgarten steht das wohl einzige finanziell noch unabhängige Kulturhaus der Deutschschweiz – in einer alten Kleiderfabrik. Zwanzig Jahre nach der Vereinsgründung wird nun mit einem Fest und einem Buch gefeiert. Ein Besuch in der Provinz.

Von Lukas Walde (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Wie viel spendet man denn für ein Bier?» Lili und Miggi in der Beiz des Bremgartener Kulturzentrums.

Andreas Rolle (40) und Mirco Pizzera (24) trennt eine Generation – und verbindet doch vieles. Beide wuchsen im aargauischen Freiamt auf und investierten einen grossen Teil ihrer Freizeit ins Kulturzentrum Bremgarten (KuZeB) – ehrenamtlich. Pizzera tut es noch immer, Rolle trifft man heute in Zürich, wo er im Kreis 4 eine kleine Bar führt, in der er auch Punk- und Indie-Konzerte mitveranstaltet. Wie damals schenkt er Bier aus und organisiert Musik. Nur verdient er heute sein Geld damit.

Im August 1990, als frischdiplomierter Maler, suchte Rolle keinen Job. Sondern das Abenteuer. Die Berliner Mauer war gefallen, die Scorpions pfiffen den «Wind of Change», und in Zürich war Häuserkampf. Ein paar übermütige BremgarterInnen suchten nach dem Freiheitsgefühl. Über den Sommer campierte man am Ufer der Reuss, bis die Polizei das Treiben beendete. Für den Winter musste etwas Handfestes her. Die verlassene Kleiderfabrik Meyer im Stadtzentrum bot sich an. Zwei der drei Häuser standen leer. «Für uns war das wie ein grosser Spielplatz», sagt Rolle.

Die Gruppe improvisierte drauflos. Strom gab es keinen, geduscht wurde mit einem Gasdurchlauferhitzer bei Kerzenlicht. Im Dachstock entstand eine grosse WG. Rolle schnappte sich eine kleine Loge neben der ehemaligen Produktionshalle. Sein Zimmer renovierte er nach allen Regeln der Kunst. Bald waren die Wände wieder weiss und die Sockelleiste sowie der Fensterrahmen lila. Rückblickend spricht Rolle von seiner «Hermann-Hesse-Hippiephase».

Das Schweigen der Besitzer

Bald entwickelte sich ein «Räuber und Poli»-Spiel mit den Behörden. Die Bremgarter Exekutive ist seit Jahren in bürgerlicher Hand. Kein Wunder, ist das besetzte Haus an der Ecke Zürcher-/Zugerstrasse den Behörden ein Dorn im Auge. Doch selbst zugemauerte Eingänge und Fenster hinderten die AktivistInnen nicht an ihren «Sauvage»-Konzerten. «Das Bedürfnis nach einem solchen Raum war da – zu den Konzerten kamen jeweils bis zu 500 Besucher», sagt Rolle.

Um den behördlichen Druck zu mindern, gründeten die BesetzerInnen am 18. März 1992 den Kulturverein Kulturzentrum Bremgarten und strebten eine primär kulturelle Nutzung an. Einzig eine Loge im Erdgeschoss ist heute noch bewohnt. Die Zürcher Besitzer des Areals, Max und Guido Meyer, sagen, dass sie nur diesen Teil der Gebäude je vermietet haben. Für die restlichen Gebäude wird nach wie vor keine Miete bezahlt. Ein Aktivist, der nicht genannt werden will, sagt, man stehe in losem Kontakt mit den Besitzern, aber ausser dem jährlichen Brief mit den Abfallgebühren höre man kaum etwas von ihnen.

Die Gebrüder Meyer haben nie Anstalten gemacht, das Projekt in ihrer Liegenschaft zu beenden. Ganz anders verschiedene Lokalpolitiker. Am hartnäckigsten zeigte sich der ehemalige FDP-Stadtammann Peter Hausherr (1995 bis 2005). Zum Ende seiner Amtszeit flatterte eine Verfügung ins Kulturzentrum, die den Bar- und den Konzertbetrieb dem Gastgewerbegesetz unterstellen wollte. In letzter Instanz musste der Aargauer Regierungsrat bemüht werden. Er entschied, der Betrieb sei «privat» und also rechtens, auch ohne das Gastgewerbegesetz einzuhalten. Der Prozess wurde zu Hausherrs grösster Niederlage. Wenn er auf ein Bier im Kulturzentrum vorbeischauen würde, bekäme er mit, was er angerichtet hat. Ein Getränk zu bestellen, ist kompliziert.

Durstiger: «Ich hätte gerne ein Bier.» Barfrau: «Welches?» Durstiger: «Ein helles Lager.» Barfrau: «Wie viel willst du bezahlen?» Durstiger: «Warum fragst du mich das?» Barfrau: «Wir verlangen den Einstandspreis von 1.50, aber du darfst spenden.» Durstiger: «Wofür?» Barfrau: «Die Erhaltung der Infrastruktur.» Durstiger: «Wie viel spendet man?» Barfrau: «Leute, die Geld haben, bis fünf Franken für ein Kleines. Weil sie es sich so gewohnt sind.» Durstiger: «Ich bin es gewohnt, schnell etwas zu trinken zu kriegen, wenn ich Durst habe. Ich zahle 2.50.»

«Wir lieben und leben es bunt»

Hans-Ruedi Bosshard arbeitete mehrere Jahre als Bremgarter Kultursekretär. Bosshard beschreibt die Kulturszene in Bremgarten – auch dank des KuZeB – als sehr bunt und lebendig. Er hat jedoch die Erfahrung gemacht, dass die AkteurInnen schlecht untereinander vernetzt sind. So komme es oft zu Terminkollisionen. Bosshard würde sich von der Stadt die Einführung einer Kulturkommission wünschen, die auch Terminsitzungen koordinieren würde, und: «Vom KuZeB wünsche ich mir eine Öffnung gegen aussen.»

Der amtierende Stadtammann Raymond Tellenbach (FDP) sieht das ähnlich: Die alte Kleiderfabrik stelle eine der vielfältigen Facetten des Stadtlebens und der Kultur dar. Er sieht sich jedoch nicht in der Position, Wünsche oder gar Forderungen an den Verein zu stellen. Wenn, dann wünschte er sich ebenfalls eine Öffnung – «so könnte man die Mehrzweckhalle auch für auswärtige Anlässe zur Verfügung stellen». Ausserdem befinde sich der Komplex in einem desolaten Zustand. «Da er sich in Privatbesitz befindet, können wir aber nichts ausrichten.»

Die marode Fassade des Kulturzentrums ist Stadtgespräch. Ein solch heruntergekommenes Objekt im Stadtkern macht sich schlecht auf Ansichtskarten. Dem Verein reichen zurzeit noch Graffiti, um die Aussenansicht zu verschönern. An die Wand oberhalb der verwitterten Eingangstür hat jemand einen Bagger gesprayt. Und darunter: «Wir lieben und leben es bunt.» An der Bar im ersten Stock sitzen jedoch ausschliesslich schwarz gekleidete Menschen. Höchstens eine bunte Haarsträhne ist da und dort zu erspähen.

Gut essen für fünf Franken

Mirco Pizzera steht am Kochherd. Seinen linken Oberarm ziert ein klassisches Tribal-Motiv. Seine Jeanskluft ist dunkel. Aus dem sonst kurzen Haar stehen einzelne Dreadlocks zur Seite ab. Er diskutiert rege mit den Gästen an der Bar, rührt energisch in einer dampfenden Chromstahlpfanne und enerviert sich laut über Leute, die den Abwasch vom Vortag nicht erledigt haben.

Pizzera belebt das Haus seit sieben Jahren und ist so etwas wie der Chef de Cuisine; daneben studiert er in Zürich Japanologie und Kunstgeschichte Ostasiens. Pizzera kocht an Konzerten, Festivals oder – in der Volxküche – auch nur ein Abendessen für eine Handvoll Leute. «Wo sonst gibt es ein ausgewogenes Essen für fünf Franken?» Das System ist simpel: Am Kühlschrank hängt eine Liste – wer kochen will, trägt sich ein. «Das Wort Arbeit bekommt hier eine völlig neue Bedeutung, da niemand Geld für seinen Einsatz erhält», sagt Pizzera.

Das Geld, das der Bar- und Konzertbetrieb einspielt, wird nicht in Löhne, sondern in Projekte investiert. Alle können an der zweiwöchentlichen Vollversammlung Ideen präsentieren und um Geld für deren Umsetzung anfragen. Pizzera: «Wir brauchen einander und leben voneinander, Einzelkämpfer gehen unter.»

So entstanden in den letzten Jahren aus den zahlreichen Ideen Einzelner viele Räume, die nun von allen benutzt werden können: Läsothek, Kino, Siebdruckatelier, Werkstatt, Näh- und Kunstatelier, Band-, Computer- und Trainingsraum. Viele Räume werden umgenutzt, sobald ihre BetreiberInnen die Motivation verlieren. Als die Skatehalle immer mehr zum Herumhängen gebraucht wurde, baute sie die Theatergruppe in eine Mehrzweckhalle um. Die SkaterInnen, die trotz mehrmaliger Einladung nicht an der Vollversammlung erschienen, standen vor vollendeten Tatsachen.

Auch alle Veranstaltungen müssen von der VV abgesegnet werden. Diesen wird erst zugestimmt, wenn der Organisator einen Tontechniker sowie Kassen- und Barpersonal aufgetrieben hat. «Die meisten unserer Kritiker meinen, wir würden hier ganz ohne Regeln funktionieren», sagt Pizzera. Das Gegenteil sei der Fall. Man schaue zueinander und habe hohe ethische Ansprüche.

Böses Facebook

Das Wurstmesser arbeitet sich schnell vorwärts. Energiebündel Pizzera schneidet noch schneller, als er spricht. Der 24-Jährige nervt sich über vieles, das hier vor sich geht. Zum Beispiel darüber, dass viele – die Autonomen eingeschlossen – lieber konsumieren als agieren würden. In seinen Augen finden zudem zu viele Konzerte im Kulturzentrum statt, manchmal bis zu drei in der Woche. Zu viel für ein Provinzstädtchen. Auch gute Bands müssen sich deshalb manchmal mit unter zehn ZuhörerInnen zufriedengeben.

Pizzera erlebt sich zurzeit mehr als ihm lieb ist in der Rolle des Mahnenden. Er hält die VV-TeilnehmerInnen dazu an, den Freiraum kreativ zu nutzen, statt sich nur mit Sound berieseln zu lassen. Manchmal bleibt er ein Rufer in die Wüste. Am meisten Kopfzerbrechen bereitet ihm das «Problem Facebook». Da sich der Verein als offenes Projekt versteht, finden auch Veranstaltungen aus kommerzielleren Richtungen wie Goa oder Elektro statt. Gewisse OrganisatorInnen, selbst junge Politpunks, verzichten dabei auf das gute alte Flyerverteilen und gründen nur noch Facebook-Gruppen – für Pizzera ein «No Go». Erstens würden so alle ausgeschlossen, die sich noch standhaft gegen die Plattform wehren; zweitens ziehe dies Leute an, die das Konzept des Hauses nicht verstehen wollten oder könnten. Pizzera will nicht stundenlang hinterm Herd stehen und Lebensmittel aus nachhaltigem Anbau verkochen, um am nächsten Tag McDonald’s-Packungen wegräumen zu müssen.

Jungaktivist Pizzera und Altpunk Rolle würden sich blendend verstehen. Auch Rolle radelt noch immer Ramones pfeifend durch Zürich und klebt Plakate für seine Konzerte. Noch immer steht er dem Kulturzentrum Bremgarten, «dem besten Abenteuerspielplatz einer Adoleszenz», voller Empathie gegenüber. Auch Pizzera kann sich nicht vorstellen, einmal enttäuscht aus dem Projekt auszusteigen.

Viele AktivistInnen der älteren Generation haben sich dagegen frustriert abgewandt. Weil sie ihre Ziele im Kollektiv nicht erreichten, weil sie träge wurden oder es irgendwann plötzlich ernst galt. In den ersten Jahren waren Improvisation, Kampf gegen das Establishment und Abenteuergeist gefragt. Als sich ein gut funktionierender Betrieb etablierte, begann man sich Gedanken über die weitere Gestaltung zu machen. Im Jubiläumsbuch bringt es der ehemalige Aktivist Christian F. auf den Punkt: «Irgendwann kamen die Fundis. Ab da war es plötzlich nicht mehr korrekt, Feldschlösschen zu trinken. Und alles Essen musste plötzlich vegetarisch sein. Ich esse aber auch gern mal ein Steak. Da war es für mich Zeit zu gehen.»

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