Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Ein Bahnhof für die Neue Musik

Seit zehn Jahren befindet sich im Badischen Bahnhof das unbestrittene Basler Zentrum der Neuen Musik: der «Gare du Nord» – ein Musiklokal der besonderen Art.

Von Thomas Meyer

Basel: Gare du Nord Foto: Andreas Bodmer

Der Weg zur Neuen Musik führt in Basel am Fussball vorbei. Das ist zwar etwas übertrieben, aber ein Quäntchen Wahrheit hat es doch. In der «Bar du Nord», durch die man in den «Gare du Nord» gelangt, sind regelmässig die Übertragungen der Champions League zu sehen, und diese Nähe schadet der Musik keinesfalls. Gewiss sollte man den Effekt nicht überschätzen, deswegen laufen die FCB-Fans nicht gleich scharenweise zur Neuen Musik über. Immerhin: Die Atmosphäre ist locker.

Der Konzertsaal nebenan vermittelt so gar nichts Abgehobenes, wie man es der Neuen Musik allzu gern nachsagt. Er wirkt charmant altmodisch mit seinen hohen Fenstern und Vorhängen, der Holztäferung, den Stuckaturen und den alten Leuchtern, um die sich die Bühnenbeleuchtung gruppiert. Das ist für die Akustik geeignet und zudem gemütlich; die Neue Musik ist hier nicht unter sich, sondern bei den Leuten.

Theater oder Neue Musik?

Das tut der Szene gut, die sich ja auch öffnen möchte. Bar und Musik-«Gare» sind zwar unabhängig voneinander, funktionieren aber gut zusammen. Der einzige Wermutstropfen für Auswärtige ist, dass sie diese Konzertstätte nicht rasch zu Fuss vom SBB-Bahnhof aus erreichen, sondern ins Tram oder in den Zug steigen müssen, um hinüber ins Kleinbasel zu fahren.

Aber vielleicht ist das symptomatisch: Der «Gare du Nord» ist tatsächlich auch ein Tor zum Norden: Grenzbahnhof, Umsteige- und Umschlagplatz mit zwiespältiger Historie. 1913 in seiner heutigen Form eingeweiht, diente der Badische Bahnhof den Nazis während des Zweiten Weltkriegs als Spionagezentrum.

Noch heute ist der Bahnhof in zwei Hoheitsgebiete, deutsches und schweizerisches, aufgeteilt. Der Bau von Karl Moser wurde zwar teilweise erneuert, ist aber denkmalgeschützt und strahlt so immer noch altertümlichen Charme aus, besonders in den Räumen des «Gare du Nord». Theaterleute wie Christoph Marthaler entdeckten den Bahnhof für sich; Herbert Wernicke inszenierte hier 1999 mit dem Ensemble für Neue Musik Zürich eine Kammerversion von Franz Léhars Operette «Die lustige Witwe» – mit solcher Radikalität, dass sie von Léhars Nachlassverwaltern verboten wurde.

Es war schliesslich die Schauspielerin und Sängerin Desirée Meiser, die hier eine Kontinuität schaffen und spartenübergreifende Theaterprojekte realisieren wollte. Die Deutsche Bundesbahn wäre damit einverstanden gewesen, die Basler Behörden aber winkten ab: Fürs Theater habe man schon genügend Spielstätten.

Etwas anders sah es jedoch für die Neue Musik aus, deren Konzertlokale auf die ganze Stadt verteilt waren und die damals 2001 im sogenannten Basler Musikmonat einen kleinen Publikumsboom erlebte. Es gab ein Interesse für zeitgenössische Musik, und so startete denn im Februar 2002 ein Bahnhof für Neue Musik. Im einstigen Erstklassbuffet zog die Musik ein, im Zweitklassbuffet die Bar. Die künstlerische Leitung des «Gare du Nord» übernahm Meiser zusammen mit der Dramaturgin Ute Haferburg, die bis 2008 auch für die Geschäftsführung verantwortlich war und heute das Theater Chur leitet.

Eine Pilotphase von zwei Jahren, finanziert aus dem Lotteriefonds des Kantons Baselland, wurde glänzend durchgezogen. Es zeigte sich rasch, dass die Räumlichkeiten bestens geeignet waren. Das Publikum kam, die Basler Ensembles folgten, die Szene begann sich zu konzentrieren. Das von Jürg Henneberger geleitete Ensemble Phoenix wurde gleichsam zum Hausensemble. Die Kontakte zur Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) sind ebenso eng wie die zur Musikhochschule. Junge Basler Ensembles debütier(t)en hier; die Grenzbereiche zur elektronischen Musik und zum DJing werden ausgelotet. Es finden Musiktheaterproduktionen statt, die die Genres zusammenführen. Zur Eröffnung der neuen Saison steht die Uraufführung des Kammermusiktheaterstücks «7 Silben» auf dem Programm. Der in Basel wohnhafte Katalane Francesc Prat schuf es im Auftrag des «Gare du Nord».

Auch international sprach sich herum, dass hier ein neuer Musikclub entstanden war. Der «Gare du Nord» erhält zahlreiche Angebote, zu viele, als dass man auf alle eingehen könnte. Die Messlatte liegt auf qualitativ hohem Niveau. Ein Programmbeirat unterstützt Desirée Meiser bei der Auswahl von Konzerten und Produktionen.

Das «Gare»-Team ist inzwischen auf zehn Personen angewachsen, die sich rund 550 Stellenprozente teilen. 2011 betrug das Budget 900 000 Franken, davon entfallen 415 000 Franken auf Subventionen (Kanton Baselland und Kulturpauschale). Der Grad der Eigenfinanzierung ist, wie die aktuelle Geschäftsführerin, Ursula Freiburghaus, sagt, so auf beachtlich hohe 55 Prozent gestiegen. Die Situation ist stabil, und doch heisst es auch, dass der «Gare du Nord» für jede Saison nach zusätzlichen Geldern suchen muss.

Es bedeutet ebenso: Man muss ständig neue Ideen entwickeln und sie mit den alten verbinden, muss ein gutes Mass an Kontinuität mit Entdeckerfreude paaren. Das zeigt sich etwa am Programm der kommenden Saison: Natürlich ist dem Übervater der Avantgarde, John Cage, ein Schwerpunkt gewidmet; daneben aber auch der Musik aus der Romandie. Sieben Konzerte mit Solowerken stehen im Januar an. Und schliesslich residiert das gerade mal zwei Jahre junge Ensemble Proton aus Bern für vier Konzerte in Basel. Zu diesem breiten Spektrum kommt eine reiche Vermittlungstätigkeit. So gibt es regelmässig Gesprächskonzerte mit dem Saxofonisten Marcus Weiss. Den gastierenden Ensembles wird empfohlen, die unbekannten Werke mit einigen Worten einzuführen – derlei wirkt Wunder.

Zukünftiges Publikum

Ein Vorsorgemodell bildet seit einigen Jahren der «Gare des Enfants», der Musikbahnhof für Kinder, der von Schlagzeugerin Sylwia Zytynska geleitet wird. Mit Musik werden hier Geschichten erzählt, mit so viel Erfolg, dass der «Gare des Enfants» 2009 den Lily-Waeckerlin-Preis für Jugend und Musik der Stiftung Accentus bekam. Da ist etwa ein «taurisches» Musiktheater aus Spanien (in dem es um Ferdinand den Stier geht) oder ein Spektakel mit dem Bläserensemble Minidüsen zu erleben, und Perkussionist Fritz Hauser gestaltet mit Schülerinnen der Musikschule Basel ein Konzert für Kleine und Grosse.

Erreicht wird dadurch auch eine schrittweise Erneuerung des Publikums. Es sind nicht immer die gleichen Leute, die die Konzerte besuchen, der stimulierende und auch akustisch gute Ort ist ein Garant für Kontinuität geworden. Mit dem «Gare du Nord» hat die Neue Musik in Basel sogar ein Synonym erhalten. Andernorts, wo man seit langem intensiv nach geeigneten Lokalen für Neue Musik sucht, ist man schon lange etwas neidisch deswegen. Und solange der FCB (international) mithält – aber das ist wieder ein andere Frage …

Zur Saisoneröffnung im Basler «Gare du Nord» wird am Donnerstag, 18. Oktober 2012, das Kammermusiktheaterstück «7 Silben» von Francesc Prat aufgeführt.

www.garedunord.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch