Nr. 45/2012 vom 08.11.2012

Warum waren Sie eine Hassfigur der Jugendbewegung?

Wie sich Karl Lüönd von jungfreisinnlichen Mädchen angezogen fühlte und weshalb er im Zürich der achtziger Jahre dermassen provozierte, dass er und seine Frau bedroht wurden.

Von Andreas Fagetti (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Karl Lüönd: «Ich finde es bis heute daneben, dass man Schaufenster einschmeisst, selbst mit guten Absichten.»

WOZ: Herr Lüönd, Sie sind Spross einer Proletarierfamilie und wurden früh zum Bürgerlichen. Wie das?
Karl Lüönd: Die Hand, die mir eine Chance gab, wollte ich nicht beissen. Dank persönlicher Beziehungen geriet ich ins freisinnige Milieu um das «Luzerner Tagblatt». Nach dem Mief des katholischen Uri war das eine gute Alternative. Der Jungliberale Club lancierte zum Beispiel eine Initiative gegen die Filmzensur. Und da gabs auch freisinnliche Mädchen.

Wie kamen Sie zum «Blick»?
Beim «Luzerner Tagblatt» wurde ich als Jagdhund eingestellt. So stand es im Arbeitsvertrag. Für 600 Franken im Monat. Das reichte nicht zum Leben. Ich durfte deshalb meine Artikel auch an andere Medien verkaufen. So wurde ich selbstständig mit meinem journalistischen Bauchladen. 1973 rief mich ein Herr Juckel an, ein Berater Ringiers aus dem Hause Springer, und sagte: «Ich habe Ihnen ein Angebot zu machen, das Sie nicht ablehnen können. Kommen Sie zum ‹Blick› als Nachrichtenchef.» Ich sagte: «Entschuldigung, meine Mutter hat mich anständig erzogen.» Er überzeugte mich: «Sie kennen den Zoo erst, wenn Sie auf beiden Seiten des Gitters gelebt haben.» Er hatte recht. Der Reporter musste nun lernen, die Beiträge zu verarbeiten und ein ganzes Zeitungsmenu zu kochen. Dafür bin ich dem «Blick» dankbar.

Weshalb wechselten Sie 1980 als Chefredaktor zum «Züri Leu»?
Die Jean Frey AG bot mir mittags um elf Uhr den Posten als Chefredaktor an, es kam mir gerade recht. Den Vertrag besiegelte ich am selben Abend mit CEO Beat Curti per Handschlag.

Sie waren eine Hassfigur der Achtzigerjugend …
Der «Tages-Anzeiger» war damals ein humorloses Blatt. Aber er hatte Verständnis für diese Krawallbrüder. Also hatten wir kein Verständnis. Wir wollten uns abheben. Dabei musste ich mich nicht verbiegen. Ich finde es bis heute daneben, dass man Schaufenster einschmeisst, selbst mit guten Absichten.

Heftige Reaktionen rief die Geschichte mit Herrn und Frau Müller im Fernsehen hervor. Die beiden hatten als Bürgerliche verkleidet eine Diskussionsrunde ad absurdum geführt.
Wir haben ihre Identität aufgedeckt. Man unterstellte daher dem «Züri Leu» Persönlichkeitsverletzung. Ich stehe noch heute dazu: Wer sich derart exponiert, muss damit rechnen, dass man den Käfer genauer unter die Lupe nimmt.

Wie waren die Reaktionen?
Es gab telefonische Drohungen. Wir wohnten sehr ländlich. Als diese Anonymen am Telefon selbst den Namen des Pferdes meiner Frau nannten, wurde es ungemütlich. Das war das einzige Mal, dass ich die Polizei eingeschaltet habe. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie unser Haus abgefackelt hätten. Letztlich ist aber nichts passiert.

Der reaktionäre Stadtrat Sigi Widmer war Kolumnist des «Züri Leu» …
Reaktionär sagen Sie. Ich sage: nonkonformistisch. Er war ein grosses Ärgernis für die Linken. Ich war froh, hatten wir ihn. Auch dank ihm wurden wir beachtet. Wir verstanden uns als bürgerliche Opposition und zeigten Kante. Im Gegensatz zur ratlosen Stadtregierung. Aber einen Radikalkurs gegen Schwächere haben wir nie geführt, zum Beispiel gegen die Süchtigen am Letten. Das ist für mich ein No-Go.

Die Jean Frey AG verkaufte den «Züri Leu» an ihren Konkurrenten, den «Tages-Anzeiger». Fühlten Sie sich hintergangen?
Das war 1982, es ging aufwärts, und wir hatten gerade 100 000 Franken für eine Werbekampagne gesprochen. Am selben Tag hatte ich Jürg Frischknecht am Telefon, damals der einzige ernst zu nehmende Medienjournalist. Wir mochten uns nicht sehr. Er fragte: «Wissen Sie schon, dass Sie verkauft sind an den ‹Tages-Anzeiger›?» Ich: «Herr Frischknecht, Sie haben schon gescheitere Fangfragen gestellt.» Er nannte dann aber eine präzise Budgetposition. Da schwante mir, dass was dran sein könnte. Max Frey, der Inhaber des Jean-Frey-Verlags, hatte verkauft. Es war ein nachvollziehbarer Entscheid. Mithilfe unseres gemeinsamen Freunds Walter Frey stellten wir – Beat Curti, Jürg Müggenburg und ich – ein Nachfolgeprojekt auf die Beine und führten das Blatt mit der praktisch gleichen Mannschaft als «Züri Woche» nahtlos weiter – bis wir 1998 wegen der Gratiszeitungen die Segel streichen mussten.

Heute sind Sie bekannt als Autor von Unternehmensgeschichten. Sie haben eine über die Ems-Chemie geschrieben. Sind Sie ein Freund von Christoph Blocher?
Ich bin mit Herrn Blocher per Sie. Für das Ems-Buch liess mich seine Tochter Magdalena Martullo anfragen. Ich sagte zu, wie immer mit dem Passus, dass bei für mich unzumutbaren Änderungen das Unternehmen mit dem Manuskript machen kann, was es will, bloss ohne meinen Namen darüber zu setzen. Aber Frau Martullo war sehr souverän und wollte ausser bei sachlichen Fehlern kaum Änderungen.

Ihnen wird eine gewisse Nähe zur SVP nachgesagt …
Mit den wirtschaftspolitischen Positionen der SVP bin ich grösstenteils einverstanden. Ihre Asyl- und Ausländerpolitik lehne ich radikal ab. Das ist eine zynische Bewirtschaftung eines Reizthemas aus Gründen des politischen Marketings und sonst gar nichts anderes.

Der Jäger und Journalist Karl Lüönd (67) ist Autor von über dreissig Büchern.

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