Nr. 46/2012 vom 15.11.2012

Sind die Jäger neidisch auf Luchs, Wolf und Bär?

Der Journalist und Jäger Karl Lüönd über das angespannte Verhältnis zwischen Ober- und Unterländern, die Ansiedlung von Raubtieren und den Unterschied zwischen Wilderern und Frevlern.

Von Andreas Fagetti (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Karl Lüönd: «Zu viele sind in ihrem Naturverständnis durch Walt Disney sozialisiert und damit verdorben worden, sie wissen nichts. Bambi ist kein Reh, sondern ein Weiss­wedelhirsch.»

WOZ: Herr Lüönd, kennen Sie einen Fall von Wilderei?
Karl Lüönd: An einem Karfreitag rief mich ein Bekannter an und wies mich auf ein totes Reh in unserem Revier – am Stadtrand von Winterthur – hin. Ich fand ein Tier ohne sichtbare Verwundung vor. Nachdem ich ihm die Decke abgezogen hatte, stellte ich einen Einschuss aus einer völlig ungeeigneten kleinkalibrigen Waffe fest. Zudem war es ein schlechter Schuss. Wahrscheinlich war das Reh noch weit geflüchtet, ehe es verendete.

Ein Wilderer hätte es auf das Fleisch abgesehen gehabt.
Allerdings. Wilderer sind gute Jäger, die Schonzeiten beachten und keine tragenden Muttertiere erlegen. Sie haben zwar keine Jagdbewilligung, halten sich aber an den weidmännischen Kodex. Im Gegensatz zu Wildfrevlern. Die knallen alles ab, was sich bewegt. Inzwischen ist Wilderei ein seltenes Phänomen. In der Zwischenkriegszeit war das anders: Da wurde in den Bergen sehr viel gewildert, weil die Leute Not litten und das Fleisch brauchten.

Der Wilderer als Sozialrebell?
Durchaus! In Bayern gibt es bis heute einen Kult um den Wildschützen Girgl Jennerwein. Man fand ihn im Jahr 1877 mit einem Rückenschuss, niedergestreckt von einem Wildhütergehilfen. Jennerwein hatte in den königlichen Wäldern im Grenzgebiet von Bayern und Tirol gejagt. An seinem Todestag hängt manchmal eine gewilderte Gams am Grabkreuz. Er ist bis heute ein Symbol der Auflehnung gegen die Obrigkeit.

In den Alpen hatte der Mensch fast alle Wildtiere ausgerottet …
Das Problem war die Volksjagd, die mit dem Ende des Feudalregimes Einzug hielt. Damit begann der Raubbau. Noch um 1900 war es im Aargau oder im Kanton Solothurn eine Sensation, wenn ein Reh zur Strecke gebracht wurde. Analoges widerfuhr übrigens dem Forst. Ende des 19. Jahrhunderts führten die Folgen des Raubbaus zu den beiden sozialistischsten Gesetzen der Schweiz – dem Jagd- und dem Waldgesetz. Im Waldgesetz etwa ist festgehalten, dass ein allgemeines Betretungsrecht gilt und ein eingeschränktes Recht des Eigentümers.

Nach dem Luchs kehren Bär und Wolf zurück.
Der Luchs ist schon seit Jahrzehnten heimisch. Im Tösstal spüren wir ihn seit zwanzig Jahren, er ist ein Jagdkamerad. Die Kontroverse entzündet sich weniger an der natürlichen Zuwanderung als an der aktiven Ansiedlung. Die ersten Luchse siedelte in den siebziger Jahren der Kantonsoberförster von Obwalden an. Dieser Leo Lienert war ein markanter und guter Typ. Der Grund für die Ansiedlung war der Verbiss am Jungwuchs durch Hirsche. Die Jäger waren über die Ansiedlung aufgebracht, weil sie kaum mehr auf Wild stiessen. Was sie nicht realisierten: Der Luchs beeinflusst das Verhalten des Wilds. Hirsch, Reh und Gams werden heimlicher, nachtaktiver, sie suchen sich neue Wechsel – die Jäger lauerten an den Stellen, an denen schon ihre Grossväter auf die Pirsch gingen. Weil die Tiere ausblieben, glaubten sie, der Luchs habe sie gefressen. Ein Luchs frisst pro Woche ein Tier, so what! In einem strengen Winter kann ein Drittel eines Tierbestands wegsterben, die Bestände erholen sich doch wieder.

Raubtiere sind kein Problem?
Sie sind ein Scheinproblem. Als Jäger bin ich Naturfreund. Wandern Tiere auf natürlichem Weg zu, ist es okay. Mit der Raubtierdebatte wird vom wirklichen Problem abgelenkt. Das ist die Nutzungskonkurrenz in den Alpen. Landwirtschaft, Schafzucht, Forstwirtschaft, Militär, Strassenbau, Tourismus, Seilbahnen, fünfzig Sportarten im Sommer und im Winter. Nehmen wir das Gleitschirmfliegen – was gibt es Schöneres und Ruhigeres. Eine Gams sieht das aber ganz anders. Sie erlebt den Gleitschirmflieger als Raubvogel und flieht panisch. Irgendein exotischer Bär, der im Puschlav Bienenhäuser abräumt, darum gehts doch nicht.

Pflegen wir ein zu kitschiges Tierbild?
Das Muster ist immer dasselbe. Am Anfang sagen alle: Jöh, wie schön! Jetzt haben wir endlich wieder Artenvielfalt. Zu viele sind in ihrem Naturverständnis durch Walt Disney sozialisiert und damit verdorben worden, sie wissen nichts. Disney transportiert ein völlig verlogenes Tierbild. Die Leute meinen zum Beispiel, Bambi sei ein Reh. Falsch: Es ist ein Weisswedelhirsch. All dieser Blödsinn!

Haben die Bergler, die Sie gerne gegen die Unterländer verteidigen, ein realistischeres Verhältnis zur Natur?
Aber sicher. Sie leben mit der Natur, auch wenn sie nicht schön, sondern bedrohlich ist. Die Bergler leben das ganze Jahr in ihren Dörfern, auch wenn Muren, Steinschläge und Lawinen niedergehen. Und die Unterländer kommen wahnsinnig gern, wenn die Sonne scheint. Sie wandern, klopfen danach ihre Schuhe aus, steigen in ihre Autos und verschwinden wieder ins Mittelland. Sie konsumieren Natur und erklären dann den Oberländern, wie sie mit ihr umgehen müssen. Biologen und Zoologen aus dem Unterland sagen der Bergbevölkerung, wie sie mit Wolf, Luchs, Bär oder Gamsblindheit umgehen sollen. Die wissen das auch. Sie sind wissenschaftlich vielleicht nicht so gebildet, aber durch Beobachtung und Präsenz wissen sie dennoch Bescheid. Die Bergler sind sauer. Ich verstehe das, ich bin in Uri aufgewachsen.

Der Journalist Karl Lüönd (67) ist noch bis Ende 2012 Chef der Zeitschrift «Jagd und Natur» und geht seit über dreissig Jahren auf die Jagd.

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