Nr. 17/2013 vom 25.04.2013

Ist Feminismus nur etwas für Privilegierte?

Dank Promis wie Facebook-CEO Sheryl Sandberg ist Feminismus in den USA wieder très chic. Alle sprechen über die gläsernen Decken, die Karrierefrauen auf dem Weg nach ganz oben behindern. Doch kaum jemand erwähnt die Emanzipation des weiblichen Bodenpersonals.

Von Lotta Suter

Sheryl Sandberg ist eine der Frauen, die alles haben: Kinder und Karriere, Geld (über eine Milliarde Dollar Eigenkapital) und Geist (Harvard-Abschluss). Ausserdem ist die Frau attraktiv und besitzt Charisma. Das US-Magazin «Time» zählt Sandberg zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt. Und nun outet sich diese Superwoman auch noch als Feministin! Natürlich tut sie das ebenfalls mit grossem Erfolg: Ihre Autobiografie steht auf den Bestsellerlisten und wird derzeit in zwanzig Sprachen übersetzt. Soeben ist das Buch auf Deutsch erschienen: «Lean In. Frauen und der Wille zum Erfolg». Der englische Begriff «Lean in» – auf Deutsch: häng dich rein – wird in allen Ausgaben als Markenname beibehalten. «Lean In» dient auch als Branding von Auftritten, Websites, Lesegruppen und einer wachsenden Fangemeinde von Sheryl Sandberg.

Gläserne Decken

Wenn Topmanagerin Sandberg die Marktführerin des neuen US-Feminismus ist, dann belegt Anne-Marie Slaughter, ehemalige Topbeamtin im US-Aussenministerium und heutige Politologieprofessorin an der Eliteuniversität Princeton, Platz zwei. Ihr Essay «Warum Frauen immer noch nicht alles haben können» stieg letzten Sommer schnell zum meistgelesenen Onlinetext des US-Monatsmagazins «The Atlantic» auf. Weil Slaughter selbst die unterschiedlichen Lebenswelten von Chefetage und Familie als unerträgliche Zerreissprobe erlebt hat, bewertet sie die Karrierechancen von Frauen mit Kindern etwas skeptischer als Sandberg.

Flugs wurden Sandberg und Slaughter von den US-Medien zu unerbittlichen Gegnerinnen hochstilisiert. Denn es ist bequem und verkauft sich erst noch gut, wenn man komplizierte und real existierende Widersprüche in der Gesellschaft – etwa das Verhältnis von bezahlter und unbezahlter Arbeit – einmal mehr auf einen Zickenkrieg reduzieren kann. In den USA hat die medial hochgekochte Debatte zwischen erwerbstätigen und nicht erwerbstätigen Müttern sogar einen eigenen Namen: «Mommy Wars». Und wenn die Kriegerinnen so jung, schön und prominent sind wie Sheryl Sandberg und Anne-Marie Slaughter, dann kann die Öffentlichkeit gar nicht genug davon bekommen. Auch wenn das Ganze bloss ein Scheingefecht ist, ein Schattenboxen zwischen privilegierten Frauen. Bestenfalls Feminismus für das eine Prozent.

Rauer Boden

Für die meisten Frauen in den USA ist Erwerbstätigkeit keine Frage des Lifestyles, sondern des wirtschaftlichen Überlebens. Ihre berufliche Situation wird weniger durch Ratgeber zur privaten Verhaltensänderung beeinflusst als durch die allgemeinen Arbeitsbedingungen und die aktuelle Wirtschaftslage. Ihr Problem ist nicht die gläserne Decke, sondern der raue Boden der Arbeitswelt. Frauen stellen mittlerweile die Hälfte aller Erwerbstätigen in den USA. Aber sie verdienen viel weniger als die Hälfte der gesamten Lohnsumme. Zum einen, weil sie mehrheitlich im schlecht entlöhnten privaten Dienstleistungssektor arbeiten. Zum andern, weil sie für gleiche Arbeit immer noch weniger verdienen als ihre männlichen Berufskollegen. Ausserdem werden die Frauen im Nachgang der Wirtschaftskrise aus den anständig bezahlten Stellen des öffentlichen Sektors gedrängt. Das geschieht einmal durch politische Attacken auf den Service public, aber auch durch arbeitslos gewordene Männer aus der Privatwirtschaft.

«Sich reinhängen» ist schön und gut, doch es löst nicht das Problem von Niedriglöhnen in sogenannten Frauenberufen oder von fehlender Kinderbetreuung. Mehr Mut zum positiven Denken? Wie denn, wenn die Industrienation USA nicht einmal das Recht auf bezahlten Urlaub bei Mutterschaft, Krankheit oder für die Betreuung kranker Kinder kennt?

Vom Weissen Haus zu Walmart

Starfeministinnen wie Sandberg und Slaughter sind nicht blind gegenüber der Lebenswirklichkeit der 99 Prozent. Doch sie sehen diese Wirklichkeit aus der Vogelperspektive. Sie haben den Marsch durch die Institutionen der Wirtschaft oder des Staats erfolgreich absolviert. Und sie sehen darin die Lösung: Mehr Feministinnen an der Macht ist gut für alle Frauen. Sheryl Sandberg nennt ein Beispiel: Erst nachdem sie selbst, damals noch als Google-CEO, tagtäglich ihren schweren Bauch über den grossen Parkplatz geschleppt habe, habe sie gemerkt, dass es einen speziellen Schwangerenparkplatz nahe des Eingangs brauche. Auch Professorin Anne-Marie Slaughter ruft die angehenden Karrierefrauen in ihrer Klasse auf, nicht einfach männliche Führungsmodelle zu übernehmen, sondern sie aus weiblicher Perspektive umzugestalten. «Wir werden so eine bessere Gesellschaft schaffen, und zwar für alle Frauen. Vielleicht müssen wir erst eine Frau ins Weisse Haus bringen, bevor wir die Arbeitsbedingungen der Verkäuferinnen bei Walmart ändern können. Aber wenn es uns gelingt, werden wir nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob Frauen alles haben können.»

Gleichberechtigung vom Weissen Haus bis zu Walmart – das ist eine paradiesische Vorstellung. Das Problem: Der Lean-in-Ansatz von Sheryl Sandberg und Anne-Marie Slaughter ist ein Trickle-down-Feminismus, der dieselben Schwächen hat wie die Trickle-down-Ökonomie von Ronald Reagan – oder Maggie Thatcher selig: Wenn man privilegierten Menschen, Männern wie Frauen, noch mehr Privilegien – sei es Geld oder Macht – gibt, sickert dieser Reichtum nicht automatisch nach unten.

Der Trickle-down-Feminismus ist keine neue Erfindung. Vor fünfzig Jahren bereits forderte die US-Feministin Betty Friedan ihre gebildeten Geschlechtsgenossinnen auf, Rollenklischees zu durchbrechen und einen gleichberechtigten Platz an der gesellschaftlichen Sonne einzufordern. Friedans Buch «Mythos Frau» hat damals in der patriarchalen Berufswelt der frühen sechziger Jahre nicht bloss gläserne Decken angekratzt, sondern massive Betonwände gesprengt und neue professionelle Räume für Frauen freigelegt.

Doch die traditionelle Haus- und Care-Arbeit musste weiterhin getan werden. Betty Friedan schlug vor, diese Tätigkeiten Frauen zu überlassen, die «dafür besser geeignet sind». Genau so ist es leider passiert. In New York etwa sind heute noch 95 Prozent der Hausangestellten weiblich, viele davon bildungsschwache Immigrantinnen. Und die gesellschaftliche Wertschätzung ihrer Arbeit hat eher noch abgenommen. Das ist bestimmt nicht Friedans Schuld. Doch ein zeitgemässer Feminismus muss alle Arbeit und alle Frauen, Gleichberechtigung wie Arbeitskampf in den Blick nehmen.

Und manchmal muss frau sich entscheiden: Als die mächtige US-Profifootballliga NFL im letzten Jahr die gewerkschaftlich organisierten Schiedsrichter ausschloss, stellte sie als Ersatz erstmals eine Frau aufs Feld. Ein Teil der Feministinnen bejubelte den Durchbruch in die Männerdomäne. Die Gewerkschaften stöhnten. Und linke Frauen ärgerten sich über die Teile-und-herrsche-Strategie der NFL.

Weniger Mitleid, mehr Solidarität

Die junge US-Journalistin Sarah Jaffe klagt, die meisten Feministinnen in den USA wollten lieber arme Frauen, etwa Sexarbeiterinnen, «retten», als sich mit streikenden Lehrerinnen, Krankenschwestern oder Hotelangestellten zu solidarisieren. Als die Putzfrau Nafissatou Diallo im Mai 2011 vom Währungsfondschef Dominique Strauss-Kahn sexuell belästigt wurde, stellten sich die Feministinnen in den USA hinter Diallo. Doch ihre Unterstützung blieb individuell. Nur wenige beteiligten sich am anschliessenden Arbeitskampf der Hotelfachangestellten. Die meisten waren damit beschäftigt, den Aufstieg von Christine Lagarde, der ersten Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds, zu feiern.

Doch es gibt ihn, den anderen Feminismus, und auch er hat eine stolze Tradition. Letzten Sommer forderten rund 200 einflussreiche Feministinnen von der lesbischen Politikerin Christine Quinn, die gerne die erste Bürgermeisterin von New York City werden will, sich endlich für einen bezahlten Krankenurlaub einzusetzen. Da auch in ihrer Stadt primär Frauen für die Kinder sorgten und zu tiefen Löhnen arbeiteten, sei dies ein feministisches Anliegen. Unter den Kampagnenführerinnen war Gloria Steinem, eine feministische Weggefährtin von Betty Friedan, die sich auch mit 79 Jahren noch unermüdlich für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzt.

Vor zwei Wochen hat Christine Quinn dem Druck der linken Frauen endlich nachgegeben. Und sich erst damit die wertvolle offizielle Unterstützung von Altstar Gloria Steinem geholt. Auch das ist Lean-in-Feminismus, aber mit einem klaren politischen Ziel.

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